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Aus: Ausgabe vom 02.11.2019, Seite 12 / Thema
Zweiter Weltkrieg

Ausgeraubt und verwüstet

Vor 75 Jahren musste die Wehrmacht aus Griechenland abziehen. Sie hatte das Land mehr als drei Jahre lang mit Terror überzogen. Bis heute weigert sich die BRD Entschädigungen zu zahlen
Von Martin Seckendorf
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Während der Besatzungszeit beging die Wehrmacht in Griechenland zahlreiche Massaker (Landung deutscher Fallschirmjäger auf Kreta, 20.5.1941)

Im April 1941 fiel die Wehrmacht ohne Kriegserklärung in Griechenland ein. Das Ziel der Nazis war, eine beherrschende Stellung im östlichen Mittelmeer für Operationen gegen Nordafrika und die Levante zu erringen, den in Griechenland traditionell starken britischen Einfluss zu beseitigen und damit die wichtigen Erdölfelder Rumäniens und den bevorstehenden Krieg gegen die Sowjetunion abzusichern. Bulgarische und italienische Truppen folgten der Wehrmacht. Griechenland wurde von den deutschen Eroberern in drei Besatzungszonen eingeteilt: Bulgarien erhielt im Norden landwirtschaftlich wertvolle Gebiete. Die Deutschen besetzten strategisch wichtige Gebiete um Thessaloniki, ein großes Territorium um die Hauptstadt mit dem Hafen Piräus sowie zwei Drittel der Insel Kreta. Den italienischen Faschisten wurde der Rest Griechenlands, etwa 70 Prozent des Staatsgebietes, zur polizeilichen Sicherung übergeben.

Bevor Italiener und Bulgaren in die ihnen zugewiesenen Zonen einrückten, plünderte die Wehrmacht Griechenland hemmungslos aus. In hektischem Tempo wurde alles Brauchbare »sichergestellt« und beschlagnahmt, dem Truppenbedarf »zugeführt« oder nach Norden abtransportiert. Der Beutezug veranlasste den italienischen Faschistenführer Benito Mussolini zu der sarkastischen Bemerkung, dass die Deutschen den Griechen auch noch den letzten Schnürsenkel davontragen würden. Außerdem sicherten sich die deutschen Okkupanten in den Besatzungszonen der »Verbündeten« das Recht zur Ausbeutung kriegswirtschaftlich bedeutender Bodenschätze wie Chrom und den Aluminiumvorstoff Bauxit, zur Aneignung landwirtschaftlicher Produkte, vor allem Baumwolle, Olivenöl, Naturseide, Tabak und Leder, sowie zur uneingeschränkten Nutzung der Verkehrswege. Aus Industrie- und Handwerksbetrieben wurden Lagerbestände und moderne Maschinen nach Deutschland gebracht. Verlässliche zusammenfassende Zahlen über den Umfang des Raubzuges existieren nicht.

Hungerkatastrophe

Im Juni 1941 wurden feste Besatzungsstrukturen eingeführt. Die deutschen Zonen galten als Operationsgebiet im permanenten Ausnahmezustand. Hauptaufgaben der Befehlshaber waren die Abwehr möglicher Attacken der Briten und die Niederwerfung innerer Unruhen. Die Ausplünderung und die Folgen der Aggression wie die Aufspaltung des innergriechischen Marktes sowie die Unterbindung des für die Versorgung seit jeher wichtigen Außenhandels führten bald zu massenhafter Verelendung, die sich im Winter 1941/42 zu einer Hungerkatastrophe auswuchs. Hunderttausende starben. Gegen diese Zustände brachen Aufstände aus. Die Wehrmacht ging mit großer Brutalität dagegen vor. Das Grundprinzip der Unterdrückungspolitik in der gesamten Zeit der Besatzung lautete: Der Terror sollte schon bei ersten Anzeichen von Widerstand umfassend sein. Man wollte bei den einzelnen Maßnahmen möglichst viele Menschen auf besonders grausame Weise töten, um in der griechischen Zivilbevölkerung lähmendes Entsetzen zu erzeugen und damit vorbeugend gegen künftige Widersetzlichkeit zu wirken. In aller Regel töteten die Okkupanten die Bewohner der in der Nähe eines Anschlagsortes liegenden Dörfer, plünderten und zerstörten die Häuser. Während der dreieinhalbjährigen Besatzung wurden Zehntausende an Widerstandsaktionen meist völlig unbeteiligte Zivilisten umgebracht, mehrere hundert Dörfer geplündert und zerstört. Die Brutalität der Partisanenbekämpfung nahm zu, da die deutschen Behörden vermuteten, dass die politische und militärische Kraft hinter den Widerstandsaktionen die Kommunistische Partei (KKE) war. Den Kommunisten gelang es ab Ende 1941, eine gesamtgriechische Befreiungsbewegung mit einem militärisch immer effizienteren Arm, der Griechischen Volksbefreiungsarmee (ELAS), zu entwickeln. Erst als die Wirkung des linken Widerstands unübersehbar wurde, formierten sich bürgerlich-nationalistische Organisationen. Die wichtigste war die zahlenmäßig kleine, von den Briten aber exzellent ausgerüstete Nationale Republikanische Griechische Liga (EDES), die vorwiegend in Nordwestgriechenland operierte, aber ab Oktober 1943 mit der Besatzungsmacht gegen die linken Kräfte kollaborierte.

Als sich die Besatzungsstrukturen fest etabliert hatten, veränderte sich auch der Charakter der ökonomischen Ausbeutung. Die offene Plünderung wurde die Ausnahme. Die Ausbeutung erfolgte planmäßiger und formal »kaufmännisch korrekt« über die Drachme. Beim Außenhandel mit Deutschland wurde auf der Verrechnungsebene derart manipuliert, dass zuverlässige Zahlen kaum zu erhalten sind. Mehrfach veränderte man die Relation der Reichsmark zur Drachme zugunsten der deutschen Währung. Vor allem wurden die Preise griechischer Ausfuhrgüter für deutsche Importeure gesenkt und deutsche Exporte nach Griechenland verteuert. Dadurch erlangten die Deutschen erhebliche »Schleusungsgewinne«.

Eine besonders drückende Last bildeten die den Griechen auferlegten Besatzungskosten. Deren Höhe wurde nach dem »Bedarf« der deutschen (bis 1943 auch der italienischen) Militärbehörden festgelegt. Der deutsche Anteil stieg sprunghaft. Für den Zeitraum von Anfang April bis Ende 1941 mussten die Griechen 1,021 Milliarden Reichsmark zahlen. Für 1942 waren es 2,551 Milliarden Reichsmark. Nach einer Aufstellung der Reichsbank vom 9. April 1943 waren die Besatzungskosten auf die Einwohnerzahl umgerechnet die höchsten in allen okupierten Gebieten. Da die Wirtschaftsleistung rapide sank und der Banknotenumlauf extrem ausgedehnt wurde, kam es zu einer beispiellosen Inflation. Die absolute Verelendung breiter Schichten beschleunigte sich. Bezahlt werden mussten nicht nur Sachgüter und Dienstleistungen für die Wehrmacht, sondern auch der Nachschub für Rommels Armee in Nordafrika.

Kriegswende

Ende 1942 hatte die Rote Armee die Kriegswende erkämpft. Auch im Mittelmeergebiet wurde die Wehrmacht in die strategische Defensive gedrängt: Im Mai 1943 kapitulierten die deutsch-italienischen Truppen in Nordafrika, im Juni landeten alliierte Streitkräfte auf Sizilien, und im September 1943 schied Italien aus dem faschistischen Achsenbündnis aus. Die dramatisch veränderte Kriegslage zuungunsten der Faschisten hatte erhebliche Auswirkungen auf das Okkupationsregime in Griechenland. Die Naziführung ging davon aus, dass anglo-amerikanische Truppen auf dem Balkan landen würden. Für die Wehrmacht wurde Griechenland zu einer Festung, die den für Nazideutschland wirtschaftlich und politisch durch die Kriegslage immer bedeutsameren Südosten Europas zu schützen hatte. Durch das Ausscheiden Italiens als Besatzungsmacht geriet bis auf die bulgarische Zone ganz Griechenland unter deutsche Herrschaft. Die deutschen Truppen wurden verdoppelt, riesige Festungsbauprogramme aufgelegt. Den Unterhalt des Besatzungsheeres, den gestiegenen Bedarf an Arbeitskräften, Baustoffen, Energie, Lebensmitteln, Transportleistungen sowie Produktions- und Reparaturkapazitäten deckten die Deutschen vorwiegend über die Drachmen-Beträge, die die Kollaborationsverwaltung zur Verfügung stellen musste. Der Banknotenumlauf und die Lebenshaltungskosten erreichten astronomische Dimensionen. Im August 1944 betrugen die Drachmen-Forderungen der Okkupanten 97 Prozent des Banknotenumlaufs. Die horrenden Summen konnten nur noch zum Teil als Besatzungskosten verbucht werden. Den anderen Teil musste die Kollaborationsverwaltung dem Deutschen Reich als zwischenstaatlichen Kredit gewähren. Bei Kriegsende hat Berlin davon einen Teil zurückgezahlt, etwa 720 Millionen Reichsmark verblieben als deutsche Schuld – bis heute. Wegen der Kriegslage drängten die deutschen Konzerne auf erhöhte Lieferungen Griechenlands vor allem von Chrom und Bauxit, die jeweils etwa 25 Prozent des Bedarfs der deutschen Kriegswirtschaft deckten.

Folge der Ausplünderung war eine entsetzliche Not der meisten Griechen. Auch nachdem die Hungersnot Mitte 1942 allmählich zu Ende ging, gab es immer noch und ab 1944 wieder vermehrt Hungertote. Vor diesem Hintergrund wuchs vor allem der linke Widerstand, der sich zu einer ernsthaften Bedrohung für die Besatzungsmacht entwickelte. Die Okkupanten aber brauchten Ruhe in der »Festung«, um alle Kräfte gegen eine alliierte Invasion einsetzen zu können. Sie verstärkten den vorbeugenden Terror, was wiederum viele Griechen zum Anschluss an die Partisanenbewegung veranlasste. Die Zahl der getöteten Griechen stieg sprunghaft. Mordaktionen mit 100 und mehr Opfern gab ab dem Herbst 1943 fast täglich. Ganze Landstriche wurden verwüstet. Selbst routinemäßige Razzien entwickelten sich zu Blutbädern und Zerstörungsorgien. »Verdächtigen« Gemeinden wurden häufig »Kontributionen« auferlegt. Die Orte mussten Geld, Wertgegenstände, Vieh, Olivenöl und andere landwirtschaftliche Produkte abliefern, mitunter auch Arbeitsdienste für die Okkupanten leisten.

Am 20. August 1944 begann die Rote Armee eine spektakuläre Offensive im Südteil der deutsch-sowjetischen Front. Binnen weniger Tage war eine deutsche Heeresgruppe aufgerieben. Rumänien und Bulgarien gingen auf die Seite der Antihitlerkoalition über. Die Rote Armee hatte den Weg in die ungarische Tiefebene sowie in Richtung Wien geöffnet. Den zwei deutschen Heeresgruppen auf dem Balkan mit mehr als 40 Divisionen drohte die Einschließung, ein Super-Stalingrad. An der Donau klaffte eine Frontlücke von bis zu 200 Kilometern, für die kein deutscher Großverband vorhanden war. Das Oberkommando der Wehrmacht entschied, Griechenland schrittweise zu räumen und die Truppen zum Aufbau einer stabilen Front nach Norden zu führen. Trotz britischer Luft- und Seeherrschaft ließen die Westalliierten die Wehrmacht lange Zeit unbehelligt abziehen. Nur die Griechische Volksbefreiungsarmee ELAS verwickelte die Faschisten in verlustreiche Gefechte.

In der Räumungsphase setzte die Wehrmacht die Taktik der verbrannten Erde in einem Maße um, wie man es bis dahin nur beim Rückzug der deutschen Truppen aus der Sowjetunion kannte. Brücken, Tunnel, Eisenbahnanlagen, fast alle für Griechenland so wichtigen Häfen mit den Anbindungen an Straße und Schiene, Hunderte Kilometer Straßen und Eisenbahnstrecken sowie die Flugplätze wurden zerstört.

Offene Forderungen

Als die Wehrmacht am 2. November 1944 das griechische Festland verlassen hatte – auf den Inseln kapitulierten die 23.000 dort stationierten Soldaten erst am 8. Mai 1945 – war Griechenland zu großen Teilen ein Trümmerfeld mit zerrütteter Wirtschaft und Währung, zerstörter Verkehrsinfrastruktur und daniederliegendem Sozial- und Gesundheitswesen. Das Land war von einem Schwellen- auf die Stufe eines Entwicklungslandes zurückgeworfen worden.

Die Alliierten der Antihitlerkoalition kamen im Potsdamer Abkommen vom August 1945 überein, Deutschland müsse gezwungen werden, »in größtmöglichem Ausmaß für die Verluste und die Leiden Ausgleich zu schaffen«. Es wurde bestimmt, dass die Reparationsforderungen Griechenlands von den Westzonen bzw. durch die Bundesrepublik zu erfüllen waren. Aber die westdeutschen Eliten sperrten sich. Man wollte das Land nicht in »größtmöglichem Umfang« sondern nur im politisch unbedingt nötigen Maße entschädigen. Dadurch ging Griechenland bei der Verteilung der Reparationsleistungen praktisch leer aus. Weniger als ein Prozent der deutschen Verpflichtungen gegenüber Hellas wurden bisher beglichen. Eine internationale Schuldenkonferenz beschloss 1953 auf Drängen der Bonner Regierung, alle Zahlungsforderungen aus dem Zweiten Weltkrieg bis zum Abschluss eines Friedensvertrags mit Deutschland ruhen zu lassen. Erst internationaler Druck zwang Westdeutschland im Jahre 1960, elf Staaten, darunter auch Griechenland, für einen Teil der Opfer deutscher Terrormaßnahmen Entschädigung zu leisten.

Nach dem »Zwei-plus-vier-Abkommen« von 1990, das als friedensvertragliche Regelung gilt, wurden die griechischen Forderungen abermals zurückgewiesen. Die deutsche Regierung versuchte, international einen Schlussstrich unter den Zweiten Weltkrieg durchzusetzen und argumentierte, mit dem Vertrag sei das Reparationsproblem »rechtlich und politisch abgeschlossen«. Dabei hatten Entschädigungsfragen bei den Verhandlungen zwischen BRD und DDR sowie den Alliierten gar keine Rolle gespielt. Selbst wenn darüber verhandelt worden wäre, hätte das für die Ansprüche Griechenlands als »Nichtvertragsstaat« keine juristischen Folgen, schrieb der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages im Juni 2019 in einem von der Partei Die Linke angeforderten Gutachten. Die Auffassung der Bundesregierung, das Reparationsproblem sei juristisch und politisch erledigt, wird auch im Fazit des Gutachtens in Frage gestellt. Es heißt dort: »Die Position der Bundesregierung ist (…) keineswegs zwingend.« Die Experten empfahlen, zur endgültigen Klärung der Frage den Internationalen Gerichtshof in Den Haag anzurufen. Die Bundesregierung lehnte das ab.

Die Nachfahren der Opfer waren schon vorher den unsicheren und teuren Weg einer gerichtlichen Klärung gegangen. Sie klagten in Griechenland, Italien und auch in Deutschland. Die deutschen Gerichte erklärten sich für nicht zuständig. Alle Gerichtsinstanzen in Italien und Griechenland gaben ihnen recht und ermöglichten die Durchsetzung der Rechtstitel durch Konfiskation deutschen Staatsvermögens im Ausland. Daraufhin schlug die Bundesregierung zurück. Am 23. Dezember 2008 reichte sie Klage beim Internationalen Gerichtshof in Den Haag wegen Missachtung der Staatenimmunität ein. Im Urteil vom 3. Februar 2012 heißt es, dass die Entscheidungen nationaler »Gerichte (…), die Deutschlands völkerrechtliche Immunität verletzen, keine Wirkung mehr haben«. Alle Urteile auf Entschädigung, ganz gleich in welchem Land, waren damit hinfällig; neue Klagen dürfen nicht mehr angenommen werden.

Gesten statt Wiedergutmachung

Diese Politik beschädigte das »Deutschlandbild« in den ehemals okkupierten Staaten beträchtlich. Deutlich wurde das beispielsweise im März 2014 beim Besuch des Bundespräsidenten Joachim Gauck in der von der 1. Gebirgsdivision geschundenen Gemeinde Lyngiades. Er entschuldigte sich im Namen Deutschlands für die Verbrechen und bat die Griechen um Vergebung. Das war den Demonstranten und dem griechischen Präsidenten Karolos Papoulias nicht genug. Sie forderten tätige Reue durch Zahlung der Reparationen. Regierungssprecher Steffen Seibert reagierte: Der Besuch Gaucks ändere nichts an der Haltung der Bundesregierung, dass die Reparationsfrage rechtlich und politisch erledigt sei, sagte er auf einer Pressekonferenz. Mit der erneuten Zurückweisung der Forderung nach Entschädigung verlor Deutschland bei den meisten Griechen weiter an Ansehen. Das Auswärtige Amt schrieb im Dezember 2014: »Die aus griechischer Sicht nicht abgeschlossene Frage von Reparationszahlungen stellt für die deutsch-griechischen Beziehungen weiterhin eine Belastungsprobe dar.« Um den politischen Schaden abzumildern, gab das Außenministerium wenige Tage nach der Äußerung Seiberts bekannt, dass ein deutsch-griechischer »Zukunftsfonds« in Höhe von einer Million Euro aufgelegt werde – ein Tropfen auf den heißen Stein; allein die juristisch bestätigten Schadensansprüche der Gemeinde Distomo, die 1944 von deutschen Truppen verwüstet worden war, betragen 28 Millionen Euro. 2018 schätzte ein Ausschuss des griechischen Parlaments den noch zu regulierenden Schaden, der infolge der deutschen Besatzung entstanden war, auf 290 Milliarden Euro.

Der Zukunftsfonds, ergänzt durch Programme des Akademischen Austauschdienstes und des Bundesfamilienministeriums, dient u. a. dem Aufbau einer gemeinsamen (verbindlichen) Erinnerungskultur. Gedenkstätten an ausgewählten Orten sollen ausgebaut oder neu errichtet werden. Außerdem will man die Forschung zur deutsch-griechischen Geschichte, die angeblich bislang vernachlässigt worden sei, finanzieren. Vorgesehen sind ein Jugendaustausch sowie »Themenreisen« für Historiker, Schüler und Studenten. Auch die Teilnahme von Journalisten an solchen Reisen ist geplant. Ulla Jelpke, Bundestagsabgeordnete der Partei Die Linke, nannte den Fonds auf ihrer Website eine »Alibimaßnahme, um Druck aus der Entschädigungsfrage zu nehmen«. Sie weist darauf hin, dass über die Mittelvergabe das Auswärtige Amt entscheidet. Das bedeutet, die Nachfahren der Tätergeneration befinden darüber, wie das Gedenken an die Opfer gefördert wird.

Im April 2019 kam in die auf Regierungsebene seit Jahren stagnierende Entschädigungsdebatte Bewegung. Das griechische Parlament beauftragte Regierungschef Alexis Tsipras, eine »diplomatische Offensive« einzuleiten. Damit rückt der politisch entscheidende Aspekt der Entschädigungsfrage in den Mittelpunkt: Die griechische Regierung solle die Berliner Regierung zur Aufgabe ihrer provozierend halsstarrigen Blockadehaltung, die Reparationsfrage sei erledigt und Verhandlungen mit Athen werde es darüber nicht geben, bewegen. Doch die Tsipras-Regierung war zunächst, wie schon in ihrer gesamten Amtszeit zuvor, untätig. Erst am 4. Juni 2019 traf eine Verbalnote in Berlin ein, »in der die griechische Regierung die deutsche Seite aufforderte, Verhandlungen zur Klärung der noch offenen Frage der griechischen Forderungen aufzunehmen«, heißt es auf der Seite des griechischen Außenministeriums.

Kritik an der »Offensive« kam von der Kommunistischen Partei, deren Mitglieder den größten Blutzoll im Kampf gegen die deutschen Besatzer erbracht hatten und die zu den konsequentesten Verfechtern der Rechte des griechischen Volkes in der Reparationsfrage gehört. Sie hegte den Verdacht, dass der plötzliche Aktionismus der Tsipras-Regierung ein Manöver sei, um die sich bereits abzeichnenden Niederlagen bei den wichtigen Wahlen dieses Jahres abzuwenden, schließlich wurde die Parlamentsresolution 40 Tage vor der Europawahl am 26. Mai verabschiedet und die Verbalnote vier Wochen vor der auf den 7. Juli vorgezogenen Parlamentswahl überreicht.

Unbeeindruckt

Berlin zeigte sich von der Athener »Offensive« wenig beeindruckt. Einen Tag nach Übergabe der bis heute nicht beantworteten Note erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amts erneut, das Reparationsthema sei für die Bundesregierung »rechtlich und politisch abgeschlossen«. Während des Besuchs des neuen konservativen griechischen Premiers Kyriakos Mitsotakis im August in Berlin wurde das Thema nicht besprochen. Während der Pressekonferenz mit Angela Merkel und Mitsotakis fragte ein Journalist nach den griechischen Reparationsforderungen. Mitsotakis antwortete, das sei »eine schwierige Frage«. Er »hoffe«, dass es auf die Verbalnote »eine positive Reaktion« gebe.

Literaturtipp: Karl Heinz Roth/Hartmut Rübner: Verdrängt – vertagt – zurückgewiesen. Die deutsche Reparationsschuld am Beispiel Polens und Griechenlands. Mit einer digitalen Dokumentation, Metropol-Verlag Berlin 2019

Martin Seckendorf schrieb an dieser Stelle zuletzt in der Ausgabe vom 31. August/1. September 2019 über Überfall der Wehrmacht auf Polen.

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