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Aus: Ausgabe vom 01.11.2019, Seite 7 / Ausland
Nordsyrien

Tausende auf der Flucht

Dschihadisten greifen assyrische Stadt in Nordsyrien an. SDK weisen Aufruf zum Beitritt in syrische Armee zurück
Von Nick Brauns
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Menschen fliehen vor der türkischen Invasion aus der nordsyrischen Stadt Tel Tamer (14.10.2019)

Die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDK) haben einen Aufruf des syrischen Verteidigungsministeriums zurückgewiesen, wonach ihre Angehörigen zum Kampf gegen den türkische Angriffskrieg der Syrisch-Arabischen Armee (SAA) beitreten sollen. Kurden und Araber stehen einem »gemeinsamen Feind« gegenüber und müssen ihre Kräfte gegen die türkische Invasion vereinen, um »jeden Meter unseres geliebten syrischen Gebietes zurückzugewinnen«, hatte das Verteidigungsministerium am Mittwoch erklärt. Dafür sei die Syrische Armee »bereit, diejenigen Mitglieder und Einheiten aufzunehmen, die zum Beitritt bereit sind«.

Der Aufruf erfolgte kurz nachdem eine Gruppe von arabischen Stammesführern aus dem Osten Syriens in einem Brief an Staatspräsident Baschar Al-Assad um eine Generalamnestie für SDK-Mitglieder ersucht hatten. Das Generalkommando der SDK begrüßte in seiner Antwort zwar alle Bemühungen, »eine einheitliche Haltung zur türkischen Aggression gegen unser Land und Volk zu erreichen«. Den Aufruf des Verteidigungsministeriums zum »individuellen Beitritt« von SDK-Angehörigen in die SAA wies Kommandant Maslum Abdi dagegen als »nicht willkommen« zurück. Sollte der ernsthafte Wunsch nach Integration der SDK in die syrischen Streitkräfte bestehen, so müsse dies mit deren Führung erörtert werden. Eine Eingliederung könne »nur durch eine politische Lösung erreicht werden, die die Autonomie der SDK in der von ihnen geschützten Region anerkannt«. Dies setze eine Umstrukturierung des syrischen Militärs als »Dach« für verschiedene Kräfte voraus.

Das syrische Innenministerium rief unterdessen Mitglieder der Asajisch – so der Name der für die innere Sicherheit im nord- und ostsyrischen Autonomiegebiet zuständigen Volksmiliz – zum Eintritt in die syrische Polizei auf. Aus dem Bildungsministerium kam das Angebot, Schüler und Studenten aus dem Autonomiegebiet für den Ausfall des Unterrichts in Folge der Sicherheitssituation der vergangenen Jahre zu entschädigen. In der Selbstverwaltungsregion wurde entgegen dieser Darstellung in den letzten Jahren ein Schulsystem aufgebaut. Allerdings wird dort nicht mehr der arabisch-nationalistische Lehrplan aus Damaskus, sondern ein an den Idealen der Autonomieregion orientiertes Curriculum unterrichtet, in dem etwa die Frage der Gleichstellung von Frauen eine zentrale Rolle spielt und neben Arabisch auch Kurdisch und Assyrisch als offizielle Unterrichtssprachen anerkannt sind.

Zu schweren Kämpfen kommt es seit Mittwoch insbesondere in der Region um die Stadt Tel Tamer. Die mehrheitlich von christlichen Assyrern bewohnte Stadt liegt acht Kilometer östlich der im Sotschi-Memorandum zwischen der russischen und türkischen Regierung Ankara zugestandenen Besatzungszone. 2015 hatten von den Assyrern zur Hilfe gerufene kurdische Kämpfer eine Einnahme der Stadt durch die Dschihadistenmiliz »Islamischer Staat« verhindert. Nun befinden sich Tausende Einwohner von Tel Tamer und der umliegenden Dörfer auf der Flucht vor den Söldnern der türkischen Armee.

Die SDK und der Militärrat der Assyrer, die sich die Nacht zum Donnerstag über heftige Gefechte mit den Dschihadisten lieferten, bekamen dabei nach Angaben der kurdischen Nachrichtenagentur ANF Feuerschutz durch syrische Artillerie. Dagegen hatten sich die nur leicht bewaffneten syrischen Soldaten am Mittwoch von einigen Grenzabschnitten zurückgezogen. Grund dafür war die fehlende Luftunterstützung von Seiten der russischen oder syrischen Luftwaffe, während US-Kampfflugzeuge über der Kampfregion kreisten. Der Luftraum über Nord- und Ostsyrien werde weiterhin von den USA kontrolliert, erklärte SDK-Sprecher Mustafa Bali am Donnerstag auf dem Kurznachrichtendienst Twitter. Der Luftraum sei für türkische Flugzeuge seit dem 9. Oktober geöffnet, so dass die türkische Armee und ihre Söldner seit drei Wochen die Region angreifen könnten, gab Bali damit indirekt Washington die Verantwortung.

Für Sonnabend ist ein internationaler Aktionstag zum Protest gegen den türkischen Angriffskrieg und zur Solidarität mit der nordsyrischen Selbstverwaltungsregion Rojava mit Großdemonstrationen in vielen Städten angekündigt.

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