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Aus: Ausgabe vom 28.10.2019, Seite 6 / Ausland
Syrien

USA wollen syrisches Öl

Kritik aus Moskau an Plänen Washingtons. Satellitenaufnahmen des russischen Verteidigungsministeriums sollen Förderung und Schmuggel belegen
Von Karin Leukefeld
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Ein US-Soldat in einem gepanzerten Fahrzeug (Manbidsch, 4.4.2018)

Russland hat die Pläne der US-Administration, US-Spezialkräfte mit gepanzerten Fahrzeugen zum »Schutz« der syrischen Ölfelder im Osten des Landes zu stationieren, scharf zurückgewiesen. Jeder Schritt, der die Souveränität und territoriale Integrität des syrischen Staates unterlaufe, müsse vermieden werden, erklärte der russische Außenminister Sergej Lawrow am Sonnabend in einem Telefonat mit seinem US-Amtskollegen Michael Pompeo. Lawrow erinnerte daran, dass das Vorhaben einen Bruch des Völkerrechts darstelle. Die nationalen Ressourcen Syriens dürften nur von der Regierung in Damaskus kontrolliert werden.

Das russische Verteidigungsministerium legte am selben Tag Satellitenaufnahmen vor, die eine umfangreiche illegale Förderung und den Schmuggel syrischen Öls dokumentieren sollen. Die Aufnahmen stammen von August und September und zeigen Ansammlungen von Fahrzeugen und Tanklastwagen an verschiedenen Ölpumpstationen in den Provinzen Deir Al-Sor und Hasaka. »Unter dem Schutz von US-Soldaten und Angestellten privater US-Militärfirmen« eine von der kurdischen Selbstverwaltung gegründete Firma namens »Sadcub« das Öl und schmuggele es außer Landes, sagte Generalmajor Igor Konaschenkow, Sprecher des Verteidigungsministeriums laut russischer Agentur TASS. Unterstützung gebe es von »führenden amerikanischen Unternehmen«, militärischen Schutz von US-Elitesoldaten und aus der Luft. Die illegale Ölförderung bringe monatlich rund 30 Millionen US-Dollar ein, die auf den Konten verschiedener US-Militärunternehmen und Geheimdienste landeten.

Bereits am 21. Oktober hatte US-Präsident Donald Trump bei einer Besprechung im Weißen Haus erklärt, wenn man das Öl behalten wolle, »sollte vielleicht eine unserer großen Ölunternehmen dort hineingehen und es richtig tun«. Der republikanischen Senator Lindsey Graham freute sich darüber, dass »Präsident Trump kreativ« denke. »Wir sollten nicht nur verhindern, dass die Ölfelder Iran in die Hände fallen, wir stehen kurz davor, ein Joint Venture mit den Syrischen Demokratischen Kräften zu vereinbaren (…), um die Ölfelder zu modernisieren und sicherzustellen, dass sie die Erträge bekommen, nicht die Iraner, nicht Assad.«

Namentlich nicht genannte Quellen aus der US-Administration hatten gegenüber dem Sender NBC erklärt, dass US-Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge die syrischen Ölfelder schützen sollten. Es müsse verhindert werden, dass der »IS« wieder die Kontrolle übernehme und daran verdiene.

Die Kontrolle der Ölfelder im Osten Syriens sei eine der wichtigsten Errungenschaften für die »USA und unsere Partner«, sagte laut der Nachrichtenagentur Reuters ein anderer US-Beamter, ebenfalls anonym. Die USA seien »entschlossen (…) in Zusammenarbeit mit unseren SDK-Partnern (…) zu verhindern, dass diese Ölfelder wieder in die Hände von ISIS oder anderen destabilisierenden Akteuren fallen«. Von kurdischer Seite gab es bis jW-Redaktionsschluss zu den Vorwürfen des illegalen Ölhandels keine Stellungnahme.

Über umfangreichen Schmuggel war der Autorin bereits Anfang Oktober in Damaskus berichtet worden. Ingenieure, die vor dem Krieg auf den Ölfeldern östlich des Euphrat gearbeitet hatten, beschrieben in einem ausführlichen Gespräch, dass das syrische Öl über den Nordirak in die Türkei, aber auch in die Gebiete unter Kontrolle der von Ankara unterstützten Kampfverbände nördlich und westlich von Aleppo geschmuggelt werde. Geschäftsleute würden zudem Öl an die syrische Regierung verkaufen, damit es in Homs, einer von zwei Raffinerien Syriens, zu Benzin und Diesel verarbeitet werden könne.

Die Ingenieure berichteten auch, dass die Verantwortlichen für die illegale Ölförderung ungestraft Produktionsabfall in Gruben entsorgten, sogenannten Teergruben, oder in lokale Wasserläufe leiteten. Die Angaben wurden mit Fotos dokumentiert. Allein im Gebiet zwischen Rmeilan und Schadadi soll es 1.290 illegale Teergruben geben. Das zuständige syrische Ministerium geht davon aus, dass es rund um die Ölfelder Syriens östlich des Euphrats bis zu 20.000 illegale Bohrlöcher gibt. Damaskus bereitet sich darauf vor, schätzungsweise eine Million Tonnen verseuchten Bodens entsorgen zu müssen.

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