Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 26.10.2019, Seite 2 / Inland
Anti-Atomkraftbewegung

»Wir fordern, die Anlagen sofort stillzulegen«

Aufruf zur Großdemo: Lingen im Emsland besonders durch Atomwirtschaft betroffen. Gespräch mit Udo Buchholz
Interview: Gitta Düperthal
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Kontinuierlicher Protest: Demonstration gegen die Brennelementefabrik Lingen am 19. Januar 2019

Die Antiatomkraftbewegung hat für den heutigen Samstag überregional zur Demonstration in Lingen im niedersächsischen Emsland aufgerufen. Erst in der vergangenen Woche hat sich wieder ein Störfall im von RWE betriebenen Atomkraftwerk (AKW) Lingen 2 ereignet. Wie gefährlich ist das?

Es war kein Störfall, der mit großen Ereignissen wie in Tschernobyl oder Harrisburg vergleichbar wäre. Aber die kleinen Vorfälle in Lingen häufen sich. Im Frühjahr wurden dort defekte Rohre gefunden – mit Rissen, welche der Betreiber verharmlosend »Wanddickenschwächungen« nennt. Das AKW ist seit rund 30 Jahren am Netz, im Laufe der Jahre gab es etwa 150 solcher Vorkommnisse. Deshalb ist jeder Störfall beunruhigend. Daneben gibt es die letzte Brennelementefabrik in der BRD, die zu dem französischen Atomkonzern Électricité de France (EDF) gehört. Dort werden Nuklearbrennstoffe für AKWs in aller Welt hergestellt – ohne Laufzeitbegrenzung. Damit nicht plötzlich ein Ernstfall eintritt, fordern wir, die Anlagen in Lingen endlich sofort stillzulegen.

Sind weitere Atomanlagen nahe Lingen eine Gefahr?

Im Umkreis von etwa 50 Kilometern gibt es Urananlagen im westfälischen Gronau und in Almelo in den Niederlanden, die beide dem Konzern Urenco angehören. In der Region finden ständig gefährliche Transporte statt. Weiterhin gibt es im Umkreis das Brennelemente-Zwischenlager Ahaus im Münsterland, wo die radioaktiven Abfälle in Castorbehältern gelagert werden. Zwischen Gronau und Lingen befindet sich der Bombenabwurfplatz Nordhorn-Range, wo die Bundeswehr seit Jahrzehnten Abwürfe mit Munition trainiert – mitunter landet die außerhalb des Testgeländes. Das ist hochriskant.

Wieso bekommt man über bürgerliche Medien eher wenig von Störfällen mit?

Die lokale Presse berichtet weniger über unsere Proteste und verbreitet dafür die Betreiberinformationen, weil es wirtschaftliche Interessen in der Umgebung gibt. Das prägt dann wiederum die Berichterstattung in der überregionalen Presse. Damit die Öffentlichkeit dennoch aufgerüttelt wird, rufen etwa 40 Organisationen für unsere Demo am Samstag auf, darunter das Bündnis AGIEL, Atomkraftgegner im Emsland, und der Elternverein Restrisiko Emsland. Auch »Fridays for Future«-Gruppen schließen sich an. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Klimabewegung jetzt nicht mehr nur der Kohle die rote Karte zeigen will.

Ist das Thema »Atomindustrie und ihre Machenschaften« für die Schülerinnen und Schüler neu?

Wir gehen davon aus, dass jetzt zu unseren älteren Aktivistinnen und Aktivisten junge Leute hinzukommen. Inwieweit sie sich mit dem Thema der Atomkraft schon ausführlich beschäftigt haben und die komplizierten Zusammenhänge bereits bearbeiten, kann ich nicht beurteilen. Die Schulen und ihr Lehrpersonal stehen zunehmend unter Druck, Fridays-for-Future-Gruppen nicht unterstützen zu dürfen. Wenn sie aber jetzt an unseren Demonstrationen teilnehmen, wird sich reger Informationsaustausch kaum verhindern lassen.

Wie reagieren Sie auf die Behauptung, dass ein Stopp des Kohleabbaus den Ausbau der Atomkraft nach sich ziehen müsste?

Auch RWE betreibt Propaganda, wie klimafreundlich die Atomkraft angeblich sei. Wir halten dagegen und erklären, wieviel Energie der Uranabbau benötigt. Im Emsland gilt es, die Nutzung erneuerbarer Energiequellen wie Windkraft und Solaranlagen auszubauen. Wir erwarten von der Bundesregierung und vom niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD), dass sie sich für die Stilllegung aller Atomanlagen stark machen.

Am Montag soll es Transporte mit Uranmüll von Gronau nach Russland geben. Wie haben Sie davon erfahren?

Der Betreiber Urenco reichert hochgiftiges Uranhexafluorid in der Anlage Gronau in Westfalen als Brennstoff für Atomkraftwerke an. Der radioaktive Müll, der dabei anfällt, wird üblicherweise nach Frankreich verschickt, weil die Verträge mit Russland abgelaufen waren. Durch eine Anfrage der Grün-Alternativen Liste Gronau an die NRW-Landesregierung wurde aber offenbart, dass es aktuell wieder Transporte nach Russland gibt. Letztere sind noch gefährlicher, weil diese Fracht ab Amsterdam per Schiff nach St. Petersburg geht. Das ist skandalös. Müll, der hier erzeugt wird, muss hier entsorgt werden.

Udo Buchholz ist Sprecher des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU)

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