Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 25.10.2019, Seite 12 / Thema
Klassenanalyse

Blinde Macht

Thesen zum Zustand der Klasse der Lohnabhängigen
Von Klaus Dörre
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Industrie- und Produktionsarbeiter sind zu einer – quantitativ immer noch bedeutenden – Minderheit unter den Lohnabhängigen geworden (Arbeiter der damaligen »Aker Ostsee«-Werft in Wismar lauschen 2005 einer Rede von Gerhard Schröder)

Wir veröffentlichen an dieser Stelle einen kurzen Auszug aus den »20 Thesen für eine demokratische Klassenpolitik«, die der Jenaer Soziologe Klaus Dörre in einer in diesen Tagen erscheinenden, von der Rosa-Luxemburg-Stiftung herausgegebenen Broschüre unter dem Titel »Demobilisierte Klassen. Gesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik. Beiträge zur Klassenanalyse (2)« veröffentlicht hat. Ausgewählt wurden, teilweise gekürzt, die Thesen 6, 9, 10, 11, 12, 14 und 15. Zur besseren Übersicht werden diese Thesen im folgenden von 1 bis 7 durchnummeriert. Wir danken Herausgebern und Autor für die Genehmigung zum Abdruck. (jW)

1) In Deutschland wie auch in anderen kapitalistischen Zentren haben sich demobilisierte Klassengesellschaften herausgebildet.

Obwohl die Bundesrepublik sowohl bei Einkommen und Vermögen als auch beim Wohnen, der Gesundheit, Bildung und sozialer Distinktion zu einer jener Gesellschaften Europas und der OECD-Welt mit der größten Ungleichheit geworden ist, sind Gewerkschaften und politische Akteure, die an der Konfliktachse von Kapital und Arbeit agieren, so schwach wie nie zuvor in der Nachkriegsgeschichte. Diese Konstellation kann als Tendenz zu einer demobilisierten Klassengesellschaft bezeichnet werden. Damit ist auch gemeint, dass die sozialen Kämpfe und Konflikte auf der Klassenachse, die es nach wie vor und hierzulande gar in steigendem Maße gibt, im politischen Raum und auch innerhalb der politischen Linken überwiegend nur auf geringe Resonanz stoßen. Hinzu kommt ein Trend zur Desorganisation der Arbeitsbeziehungen. Obwohl die Erwerbstätigkeit in Deutschland ein Rekordniveau erreicht hat, liegt der gewerkschaftliche Organisationsgrad nur noch bei etwa 18 Prozent der abhängig Erwerbstätigen. Die Regulierung von Löhnen und Arbeitsstandards findet zunehmend in zwei Welten statt: In der schrumpfenden ersten Welt existieren noch immer Flächentarife und Mitbestimmung. Das ist in der expandierenden zweiten Welt so nicht mehr der Fall. In dieser Welt des Outsourcings, der schlechtbezahlten Dienstleistungsjobs und der abgewerteten »Frauenarbeit« dominieren, sofern überhaupt vorhanden, betriebliche oder unternehmensspezifische Regelungen. Es ist die Welt der unsicheren Beschäftigung, der niedrigen Löhne und fehlenden sozialen Wertschätzung, die – gemessen an wohlfahrtsstaatlichen Standards, sozialen Rechten und realen Partizipationsmöglichkeiten – zu einem Außen, einem expandierenden gesellschaftlichen Exklusionsbereich geworden ist.

Erodierende Sozialsysteme, geschwächte Gewerkschaften und die Marktmacht großer Konzerne haben gemeinsam mit dem technologischen Wandel dafür gesorgt, dass der Anteil der Löhne am Volkseinkommen, die Lohnquote, seit den 1980er Jahren in allen OECD-Ländern bis in die jüngste Vergangenheit kontinuierlich gesunken ist. Auch wenn sich dieser Trend seit 2013 wieder leicht umgekehrt hat, sind wir doch weit vom Ausgangsniveau der 1980er Jahre entfernt. Das ist Ausdruck eines erfolgreichen Klassenkampfs von oben.

2) Die Vorstellung einer großen, wenngleich intern fraktionierten und fragmentierten Klasse aller Lohnabhängigen lässt sich auch in den kapitalistischen Zentren analytisch nicht aufrechterhalten.

Lohnabhängige und deren Familien, die noch immer die große Mehrheit der Gesellschaft ausmachen, spalten sich in mindestens drei Klassen auf, die sich hinsichtlich der Ausbeutungsformen, der Verfügung über Machtressourcen und Sozialeigentum, ihrer Stellung in Unternehmenshierarchien und gesellschaftlicher Arbeitsteilung sowie den daraus resultierenden Chancen am Arbeitsmarkt gravierend unterscheiden.

Arbeiter und auch kleine Angestellte mit überwiegend mittleren Qualifikationen in kommandierten Arbeitstätigkeiten bilden nur eine der drei Lohnabhängigenklassen. Diese Großgruppe ist im Finanzmarktkapitalismus in die Defensive geraten. Ihre institutionellen Machtressourcen reichen jedoch noch immer aus, um Einkommensverluste und Einbußen bei der Arbeits- und Lebensqualität in Grenzen zu halten. In ihren Handlungsstrategien und subjektiven Orientierungen ist diese Arbeiterklasse dennoch primär am Erhalt ihres sozialen Status interessiert. Wer ihr angehört, verteidigt sein verbliebenes Sozialeigentum gegen finanzkapitalistische Landnahmen »von oben«, aber auch gegen Konkurrenz aus dem prekären Sektor. Die defensive Grundhaltung kann eine exklusive, nicht nur gegen oben, sondern auch gegen fremde und andere Gruppen gerichtete Solidarität motivieren. Angehörige dieser Arbeiterklasse, die häufig das Gefühl haben, in einer dynamischen Gesellschaft festzustecken, tendieren teilweise dazu, Konkurrenzen mit dem Mittel des Ressentiments auszutragen, ohne dass dies als naturwüchsiges, unumkehrbares Verhaltensmuster zu interpretieren wäre.

Akademisch gebildete Lohnabhängige ohne Kontrollmacht stellen eine weitere, expandierende Klasse von Lohnabhängigen dar. Im Zuge der Digitalisierung dürfte die quantitative und qualitative Bedeutung dieser Klasse noch wachsen. Zugleich wird sie aber auch zum Objekt von Rationalisierung und Kommodifizierung. Der Zugang zu dieser Klasse erfolgt teilweise über Formen akademischer Prekarität. Kennzeichnend sind Berufsstolz, Fachkenntnisse und teilweise ein ausgeprägtes Expertentum. In ihren sozialen Positionierungen entsprechen diese sehr gut qualifizierten und teilweise akademisch gebildeten Arbeitskräfte jener expandierenden Großgruppe, die vor Jahrzehnten als »neue Arbeiterklasse« von sich reden machte und der teilweise eine besondere Militanz attestiert wurde.

Von beiden Lohnarbeitsklassen zu unterscheiden sind Angehörige der neuen Unterklasse, die kaum über institutionelle Machtressourcen verfügen, um ihre Lage kollektiv zu beeinflussen. Zur Unterklasse zählen teils prekär, teils informell Beschäftigte, Langzeiterwerbslose, illegale Migranten, Obdachlose und andere Außenseiter. Für sie alle ist charakteristisch, dass sie sich in sozialer Nähe zu einem Fürsorgestatus bewegen, der zugleich die Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität darstellt. Der Überlebenshabitus dieser in sich sozial heterogenen Unterklasse unterscheidet sich deutlich vom Kollektivhabitus der Beschäftigten in anderen Lohnarbeitsklassen. Diese Unterklasse bildet kein neues Proletariat, und sie ist auch nicht mit einem auf unsichere Beschäftigung angewiesenen Prekariat identisch, das sich aus unterschiedlichen Klassenfraktionen rekrutiert und einen Exklusionsbereich bildet, der die Klassenstruktur von unten nach oben durchzieht. Vielmehr handelt es sich um eine Klasse, die sich aufgrund der Enteignung von Sozialeigentum, des sozialen Ausschlusses, der Stigmatisierung und systematischen Abwertung sowohl der Klassenposition als auch des räumlichen Umfelds herausbildet. Bei der neuen Unterklasse ist völlig offen, ob die ihr Zuzurechnenden ein positives, auf kollektive Veränderung des Status quo gerichtetes Klassenbewusstsein überhaupt entwickeln können. Die bloße Existenz von aus der Kapitalperspektive wirtschaftlich vermeintlich Überflüssigen wirkt indes disziplinierend auf andere beherrschte Klassen zurück. Nichts fürchten Lohnabhängige mehr als einen Absturz unter die Schwelle gesellschaftlicher Respektabilität. Deshalb tendieren viele Angehörige subalterner Klassen beim drohenden Verlust eines halbwegs gesicherten Status dazu, eine niedrig entlohnte, wenig anerkannte Erwerbstätigkeit der Erwerbslosigkeit vorzuziehen.

3) Innerhalb der veränderten Klassenstruktur stellt die Marginalisierung von Industrie- und Produktionsarbeitern eine – gewichtige – Sonderproblematik dar.

Über die soziale Lage von Arbeitern, ihre Lebensweisen und politischen Orientierungen wissen wir gegenwärtig wenig. Fasst man den Tenor vorliegender Studien zusammen, so fällt das Ende des »Jahrhunderts der Arbeiter« mit der Renaissance des Klassenbegriffs zusammen. Die Studien beschreiben, dass die Deindustrialisierung in den alten kapitalistischen Zentren nicht zum Niedergang der Lohnarbeit, wohl aber der Arbeiterschaft in einem engeren Sinne geführt hat. Sozialstrukturell sind Industrie- und Produktionsarbeiter zu einer – quantitativ allerdings noch immer bedeutenden – Minderheit unter den Lohnabhängigen geworden. Parteistrategen gelten sie als schwer mobilisierbare Klientel mit Tendenz zur Wahlenthaltung.

In diesem Zusammenhang stellt sich klassenanalytisch die Frage, was unter Arbeitern eigentlich zu verstehen ist. Zur Arbeiterschaft zählen nach einem bestimmten, keineswegs unangefochtenen Ansatz in der sozialwissenschaftlichen Literatur Beschäftigte mit vornehmlich mittleren und niedrigen Qualifikationen, die bei der Herstellung von Gütern und Dienstleistungen operativ und manuell tätig sind oder Tätigkeiten in unmittelbarer sozialer Nachbarschaft zum Shop floor (Werkstatt, Fertigungshalle, jW) ausüben.

So verstanden, ist in Deutschland noch immer ein gutes Drittel der Bevölkerung (33 Prozent im Westen, 35 Prozent im Osten, Daten für 2014) den Arbeiterklassen – einschließlich der in der Statistik so bezeichneten »Arbeiterelite« (Vorarbeiter, Meister, Techniker) – zuzurechnen. Wer sich zur Arbeiterschaft zählt, empfindet sich häufig selbst als gesellschaftlich abgewertet. Die subjektiven Selbstverortungen sind ein wichtiges Indiz. So liegt der Anteil an der – anders als Klassenlagen auch auf subjektiven Selbsteinschätzungen beruhenden – Arbeiterschicht im Westen deutlich unter der strukturellen Klassenzugehörigkeit (2014: 23 Prozent; 1990: 27 Prozent), im Osten hingegen nur noch leicht darüber (2014: 36 Prozent). Vor allem für den Osten der Republik ist dieser Wandel dramatisch, denn 1990 hatten sich noch 57 Prozent der Erwerbstätigen der Arbeiterschicht zugerechnet. Die Arbeiterschaft schrumpft, sie verschwindet aber nicht und bildet sich – etwa in der Logistikbranche oder im Bereich der erneuerbaren Energien – immer wieder neu. Deshalb wird es zum Problem, wenn diese Arbeiterschaft, ihre Interessen und Lebensweisen mehr und mehr aus der politischen Öffentlichkeit verschwinden.

4) Wenn eine große Klasse aller Lohnabhängigen als strukturiertes und zugleich strukturierendes Kollektiv nicht mehr existiert, kann »Einheit« nur noch als temporärer, politisch immer wieder neu hergestellter sozialer Block der Lohnabhängigkeit gedacht werden.

Die Vorstellung einer großen, allumfassenden Lohnarbeitsklasse erzeugt beständig das Problem, dass begründet werden muss, weshalb deren Fraktionen gewerkschaftliche Organisierung verweigern, in ihren männlichen Teilen in überdurchschnittlichem Maß für konservative oder gar rechtspopulistische Parteien votieren und andere Handlungsstrategien für realitätstauglicher halten als eine Beteiligung am organisierten Klassenkampf. Daher lässt sich »Einheit« mit dem Konzept eines sozialen Blocks lohnabhängiger Klassen besser analysieren als mit einer statistischen Klasse, die allenfalls auf dem Papier und in Zahlen existiert. Der Zusammenhalt eines solchen Blocks kann mit Antonio Gramsci nur politisch gedacht werden. Er muss über hegemoniefähige Projekte und unter Berücksichtigung von realen Interessenunterschieden immer wieder neu hergestellt werden.

Was auf den ersten Blick spitzfindig erscheinen mag, besitzt praktische Relevanz. So reicht es beispielsweise nicht aus, schwindenden Einfluss der politischen Linken in der gewerkschaftlich organisierten Industriearbeiterschaft mit dem Hinweis zu parieren, dass der Zustrom an neuen Mitgliedern bei Linkspartei oder SPD ohnehin aus den urbanen, akademisch gebildeten Milieus stamme. Ebensowenig kann Einflussverlust in der Industriearbeiterschaft durch Geländegewinne im Dienstleistungssektor kompensiert werden. Gibt man zum Beispiel spezifische Klassenlagen von Industrie- und Produktionsarbeitern politisch preis, sind linke Hegemonie und Mehrheitsfähigkeit ausgeschlossen. Gleiches gilt selbstverständlich auch, wenn sich linke Politik auf die verbliebene und zudem schrumpfende Industriearbeiterschaft beschränkt.

5) Auch in demobilisierten Klassengesellschaften wird unablässig gekämpft. Auf dezentraler, betrieblicher Ebene werden Konflikte ungleich härter ausgetragen als in früheren Zeiten.

2015 war für die organisierten Arbeitsbeziehungen in Deutschland sicherlich ein außergewöhnliches Jahr. In deutlichem Kontrast zur Entwicklung in den meisten europäischen Staaten kam es zu einer Serie von Arbeitskämpfen. Rund zwei Millionen Streiktage (2014: 392.000) mit etwa 1,1 Millionen Beteiligten (2014: 345.000 Streikende) zeugen von einem neu erwachten gewerkschaftlichen Selbstbewusstsein.

Zwar ist die Streikbereitschaft im europäischen Vergleich noch immer unterdurchschnittlich ausgeprägt und hat – wenig überraschend – nach 2015, zumindest was die Anzahl der großen Arbeitskämpfe angeht, wieder etwas nachgelassen. Dafür aber ergab sich 2018 im Streik der Industriegewerkschaft Metall (IG Metall) um eine kurze Vollzeit von 28 Wochenstunden eine neue Dynamik. Insgesamt waren zwischen 2012 und 2016, das Jahr 2014 ausgenommen, jeweils mehr als eine Million Beschäftigte an Streiks beteiligt. Nach einem vorübergehenden Abebben hat die Zahl der Streikenden 2018 wieder deutlich zugelegt.

Entscheidend ist, dass die Regulation der Arbeitsbeziehungen auch in der Bundesrepublik zunehmend in zwei Welten stattfindet. Die erste Welt umfasst Branchen, große und mittlere Unternehmen, in denen der Flächentarif oder günstige Haustarife Löhne, Gehälter und Arbeitsbedingungen regulieren. In dieser Welt hat sich an der Institutionalisierung des Klassenkonflikts scheinbar wenig geändert. Die zweite Welt ist die der Ausgründungen, des Sozial- und Tarifdumpings, der Billiglohnkonkurrenz, der erodierenden Flächentarife und der Abkehr von günstigen unternehmensbezogenen Vereinbarungen. Es ist eine Welt von Überausbeutung, von unsicherer, schlechtbezahlter, wenig anerkannter und deshalb prekärer Erwerbsarbeit. Beide Welten existieren nicht getrennt voneinander, die Grenzen zwischen ihnen sind fließend, und es gibt konfliktträchtige Bewegungen, die Betriebe jeweils von der einen in die andere Welt führen. Nach den vorliegenden Zahlen haben sich Tarifkonflikte, die mit Streiks verbunden waren, binnen weniger Jahre von nur 82 (2007) auf 214 (2014) beinahe verdreifacht.

Die Mehrzahl der Auseinandersetzungen fand bislang, wenngleich mit relativ geringen Zahlen an Streikbeteiligten, im Dienstleistungssektor statt. In jüngster Zeit verschiebt sich die Konfliktdynamik jedoch in Richtung des industriellen Sektors. 2016 wurden 199 Arbeitskonflikte mit insgesamt 404 Streiks registriert, davon 184 außerhalb der Flächentarifauseinandersetzungen. Ein Jahr später konnten 199 Konflikte mit 446 Streiks und 198 Auseinandersetzungen außerhalb der Fläche gezählt werden. Galt der industrielle Friede lange Zeit als Produktivitätsfaktor, der von den Akteuren der organisierten Arbeitsbeziehungen gehegt und gepflegt wurde, so gleichen die Arbeitsbeziehungen nun auch in Deutschland in wichtigen Unternehmen und Branchen mehr und mehr einem Guerillakrieg, in dem wieder um basale Arbeitsstandards gerungen werden muss.

Die neue Konfliktsituation entsteht aufgrund fragmentierter Arbeitsbeziehungen und sie zeugt von einer Aufsplitterung der Arbeitskonflikte. Den Gewerkschaften verlangt sie ab, sich wieder stärker als soziale Bewegung zu verstehen. Erstaunlicherweise prägen Bewegungsmomente auch solche Konflikte, die als Kämpfe von und für Berufsgruppen angelegt sind. Das gilt selbst für den Streik der Gewerkschaft der Lokomotivführer (GdL), dem gern das Etikett einer ständischen Auseinandersetzung angeheftet wird. Damit wird man diesem Konflikt, der sicher auch ständische Züge trägt, aber nicht vollständig gerecht. Berufsstolz und das Vertrauen in die eigenen fachlichen Fähigkeiten kollidieren mit der markt- und wettbewerbsgetriebenen Abwertung der Arbeit ganzer Berufsgruppen. Richtig genutzt, verwandelt sich ein vermeintlich berufsständisches Bewusstsein in eine Quelle von Widerständigkeit, Protest und kollektivem Engagement. Ein ähnliches Phänomen zeigt sich in den Sozial- und Erziehungsdiensten. Hier hat eine berufliche Identität, die lange als Hindernis für gewerkschaftliche Organisierung galt, ein Facharbeiterbewusstsein hervorgebracht, das zur subjektiven Triebkraft eines heftigen Arbeitskampfes geworden ist.

Obwohl von politischem Klassenbewusstsein im Sinne früherer sozialistischer Arbeiterbewegungen keine Rede sein kann, finden sich bei den aktiven Schlüsselgruppen doch Motivationen, aus denen sich das Bemühen um autonome Bestimmungen gewerkschaftlicher Interessenpolitik speist. Ohne solch überschießende Motivationen lassen sich Arbeitskämpfe nicht verstehen. Zu den subjektiven Streikbilanzen der Aktiven gehört die Erfahrung, der Gegenseite immerhin die Stirn geboten zu haben. Diese Erfahrung bleibt subjektiv auch dann wichtig, wenn Arbeitskämpfe, wie im Fall der Erzieher oder der Post, an zentralen Forderungen gemessen nicht mit einem Erfolg enden. Ob Niederlagen konstruktiv verarbeitet werden, hängt wesentlich von der Vermittlungsarbeit gewerkschaftlich Aktiver ab. Deren Deutungsangebote, das beständige Ringen um einigermaßen stabile, zugleich aber erfahrungsoffene Überzeugungen, sind eine wichtige Dimension kommunikativer Gewerkschaftsmacht, deren Stellenwert in einer fragmentierten Arbeitslandschaft beständig zunimmt.

6) Die Zunahme klassenspezifischer Ungleichheiten ist eine der Triebkräfte für die rechtspopulistische Revolte

Ein Grundproblem der politischen Linken ist gegenwärtig, dass sie eine verbindende Politik für einen sozialen Block der von Löhnen Abhängigen nicht gesellschaftlich wirksam zu entwickeln vermag. Das ist einer der Gründe, weshalb die Zunahme klassenspezifischer Ungleichheiten gegenwärtig zu einer Triebkraft der rechtspopulistischen Revolte werden kann. Im Anschluss an Marx kann man die zeithistorische Konstellation der Gegenwart als Tendenz zur Herausbildung bonapartistischer Demokratien bezeichnen. In seiner berühmten Schrift »Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte« analysiert Marx Kräfteverhältnisse und Bündniskonstellationen zwischen Klassen und Klassenfraktionen, die die damalige französische Gesellschaft prägten. Am Beispiel der französischen Parzellenbauern begründet er, weshalb sich eine Mehrheitsklasse aufgrund ihrer monadischen Produktionsweise, fehlender Kommunikationsmittel und geringer Organisiertheit nicht als mobilisierte Klasse zu formieren vermag.

Klassen bringen demnach keineswegs im Selbstlauf bewusste Klassenbewegungen hervor. Im Gegenteil, demobilisierte Klassen ohne repräsentative Akteure haben kaum eine andere Wahl, als ihre – stets widersprüchlichen und deshalb interpretierbaren – Interessen an handlungsfähige politische Akteure zu delegieren. Die Mehrheitsklasse der französischen Parzellenbauern votierte für Louis Bonaparte und dessen Ordnungspartei, weil diese neben sozialen Vergünstigungen die Wiederherstellung öffentlicher Sicherheit versprach. Mit demokratischen Mitteln an die Macht gelangt, nutzte die Ordnungspartei ihre Position sodann zur Beseitigung der Demokratie und der Wiederherstellung einer monarchistischen Herrschaftsform.

Unter völlig anderen Bedingungen macht sich die Demobilisierung in der Gegenwart erneut bemerkbar. Zwar wiederholt sich die Geschichte nicht, es ist jedoch auffällig, dass es dem Alltagsbewusstsein von Lohnabhängigen im Allgemeinen und dem von Industriearbeitern im Besonderen an verbindenden Begriffen, an Denkformen und Orientierungen fehlt, mit deren Hilfe sie sich in die Lage versetzen könnten, auf bestehende Ungleichheiten mit kollektiver Mobilisierung und »demokratischem Klassenkampf« zu antworten, um so gesellschaftliche Kräfteverhältnisse zu verändern und Einfluss auf das Geschehen im politischen Raum zu nehmen. Diese bonapartistische Konstellation kann dazu führen, dass die klassenspezifische Deep story von Industriearbeitern – eine Tiefengeschichte verletzten Gerechtigkeitsempfindens – einen verzerrten politischen Ausdruck bei der radikalen Rechten finden kann.

7) Als Reaktion auf Ungleichheit, Unsicherheit und soziale Abwertung reagieren Teile der – vor allem männlichen – Arbeiterschaft mit Selbstaufwertung durch Abwertung anderer.

In ihrer Studie zu den Anhängern der rechtspopulistischen Tea-Party-Bewegung hat die US-amerikanische Soziologin Arlie Hochschild eine Deep story rekonstruiert, die »sich für viele Menschen wie die eigentliche Wahrheit anfühlt«. In der rechten Tiefengeschichte stehen Menschen wie bei einer Pilgerfahrt in einer langen Schlange am Fuße eines Berges, der für sie den amerikanischen Traum symbolisiert. Ihre Füße sind müde, es geht nicht vorwärts. Während man selbst vergeblich ansteht, werden, so die Wahrnehmung, andere bevorzugt, die in der Wahrnehmung der Wartenden deutlich weniger geleistet haben, um sich den Traum vom besseren Leben zu erfüllen. Ungeachtet aller Unterschiede zur US-amerikanischen Situation fällt es nicht schwer, eine rechte Deep story auch bei deutschen Arbeitern und Angestellten aufzuspüren. Deren Geschichten reichen bis in die Bundesrepublik der 1980er Jahre zurück. Zwei Ereignisse, die europäische Finanz- und die sogenannte Flüchtlingskrise, haben der rechtspopulistischen Deep story eine neue Wendung verliehen. Über Jahrzehnte daran gewöhnt, dass es nicht mehr für alle reicht, war im Zuge des Krisenmanagements scheinbar Geld im Überfluss vorhanden – zunächst zur Rettung maroder Banken und Unterstützung kriselnder Staatsfinanzen an der südeuropäischen Peripherie, dann für Hunderttausende Geflüchtete, die 2015 deutsches Staatsgebiet erreichten. Seither ist das »Schlangestehen« aus der Sicht (nicht nur) rechtsaffiner Arbeiter sinnlos geworden.

Vom wirtschaftlichen Boom kommt bei denen, die so lange gewartet haben, wenig an. Je geringer die Hoffnung von Arbeitern ist, trotz individueller Anstrengungen Anschluss an die prosperierenden Teile der Gesellschaft zu finden, desto stärker tendieren sie dazu, wahrgenommene Verteilungsungerechtigkeit als Konflikt zwischen produktiven Inländern und leistungsunwilligen, kulturell nicht integrierbaren Ausländern zu interpretieren. Während man sich selbst vergeblich in der Warteschlange angestellt habe, werde »den Flüchtlingen«, so die Wahrnehmung, plötzlich »alles« gegeben. Nun dürften sich, wie man meint, Menschen in der Reihe der Anspruchsberechtigten vordrängeln, die selbst keinen Beitrag zum »Volksvermögen« und zu den kollektiven Sicherungssystemen geleistet hätten.

Die Kränkung, mit den eigenen Problemen gesellschaftlich nicht genügend wahrgenommen zu werden, findet sich auch bei gutverdienenden Beschäftigten und bei solchen mit akademischer Bildung. Das Empfinden sozialer Abwertung kommt in allen Lohnabhängigenklassen vor. Es speist sich aus dem gesamten Lebenszusammenhang. Ein Gewerkschaftssekretär beschreibt die Vielfalt der Motive, die zur Unterstützung rechtspopulistischer Parteien führen, treffend mit folgenden Worten: »Es ist nicht einfach Angst, es ist eine Mischung von vielen Einflüssen, die Arbeitnehmer unzufrieden macht. Im Osten leben die meisten an Orten, aus denen man kommt, und nicht in Städten, in die man geht. Man kann fest angestellt sein und verdient doch nicht genug, um sich ein Leben leisten zu können, wie es die Medien als normal darstellen. Viele haben das Gefühl, in einer prosperierenden Gesellschaft nicht mithalten zu können, den Anschluss zu verlieren. Für diese Probleme gibt es aber keine gesellschaftliche Öffentlichkeit. Arbeiter kommen nirgendwo vor. Und dann kommen die Flüchtlinge und erhalten eine Aufmerksamkeit, die man selbst nicht bekommt. Es gibt Investitionen, Lehrer, Personal für Sprachkurse und berufliche Qualifizierung. Das halten viele für ungerecht. Und deshalb ist es selbst für Betriebsräte und aktive Gewerkschafter kein Widerspruch, sich aktiv an einem Arbeitskampf zu beteiligen und gleichzeitig zur Pegida-Demonstration zu gehen.« (Gewerkschaftssekretär im Gespräch mit d. Verf.)

Nicht nur im Osten, auch in Niederbayern und dem Ruhrgebiet empfinden Lohnabhängige das als Abwertung der eignen sozialen Position. In wohlhabenden Regionen wie dem Ingolstädter Speckgürtel, wo es als besonderer Makel gilt, im Prosperitätszug nicht mitfahren zu können, stößt man auf ein ähnliches Lebensgefühl. Selbstaufwertung mittels Abwertung anderer ist nicht die einzig mögliche, für rechtsaffine Arbeiter aber eine subjektiv naheliegende Reaktion, an die der völkische Sozialpopulismus politisch anzudocken vermag.

Mario Candeias, Klaus Dörre und Thomas E. Goes: Demobilisierte Klassengesellschaft und Potenziale verbindender Klassenpolitik. Beiträge zur Klassenanalyse (2). Manuskripte – Neue Folge, herausgegeben von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Berlin 2019, 148 Seiten.

Klaus Dörre ist Professor für Arbeits-, ­Industrie- und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena.

Debatte

  • Beitrag von josef w. aus H. (25. Oktober 2019 um 13:54 Uhr)
    Wie gerne würde ich nach dem Lesen dieser detaillierten Analyse noch ein wenig gegen die Linke nachtreten, die ihr bestes Pferd im Stall, die auf diese Klassenwidersprüche politisch aktiv reagierende Sarah Wagenknecht, schlachtet, um dem im schleppenden Gleichschritt trottenden Führungsgespann die Schmach zu ersparen, von einem Rennpferd auf die eigene dürftige Existenz zurückgeworfen zu werden. (Ich gebe zu, da ist der Metapherngaul mit mir durchgegangen - immerhin habe ich mir die "rassige Rennstute" verkniffen)

    Aber wie der Volksmund sagt: Einen toten Hund tritt man nicht! Und man erweckt ihn auch nicht durch Tritte zum Leben. Die Frage stellt sich natürlich auch für Herrn Dörre: Was nun, was tun? Den Marxismus stärken, wo man kann, sich nicht verstecken, was sonst! Die imperialistischen Machenschaften der Herrschenden aufdecken und vor allem den zunehmend erfolgreichen Kampf der Völker dieser Erde dagegen aufzeigen. Marx, Gramsci, Losurdo lesen und ihre Gedanken verbreiten. Kurz: Den Kampf um die Köpfe führen, wo immer der eigene steckt! Im Gegensatz zu Dörre sehe ich dabei vor allem die Gefahr, dass das sogenannte Bildungsbürgertum rechts abdriftet. Es hat durch seine gesellschaftlichen Funktionen oft verheerenden Einfluss auf die Bewusstseinsbildung der gesamten Bevölkerung, sei es als Lehrer, Journalist, Pfarrer usw. Die von mir heiß gehasste ZEIT z.B. zitiert ahnungs- und kommentarlos Mark Zuckerberg mit dem Satz: "Libra (Zuckerbergs Währungshirngespinst) wird größtenteils durch Dollar gedeckt sein und ich bin überzeugt, dass es die führende Rolle Amerikas in der Finanzbranche stärken wird, genauso wie unsere demokratischen Werte und die Kontrolle rund um die Welt." "Demokratischen Werte und die Kontrolle rund um die Welt" in einem Ausdruck zu vereinen, das bringen wohl nur Amerikaner zustande. Wenn Völker souverän sind und sich selbst verwalten, sind sie demokratisch. Aber wenn sie demokratisch sind, unterliegen sie nicht der Kontrolle durch andere Länder und streben auch nicht die Kontrolle anderer Länder an.

    Das versteht sich für jw-Leser von selbst, aber anderen sind das böhmische Dörfer. Aufklärung tut not!

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