Gegründet 1947 Sa. / So., 23. / 24. November 2019, Nr. 273
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Sachbuch

Gab es denn »Gamer« in der DDR?

Nun ja, die meisten hatten Besseres zu tun: Ein Buch zur Mikroelektronik im Arbeiter- und Bauernstaat
Von Ronald Kohl
sad Kopie.jpg
480.000 Operationen pro Sekunde – die erste »EC 1055«-Anlage aus dem VEB Robotron-Elektronik Dresden wurde 1980 in die UdSSR geliefert

In der späten DDR kursierte der Witz, der Arbeiterstaat werde schon bald den größten Mikrochip der Welt bauen. Heute lässt sich sagen: Auch soweit musste man erst einmal kommen. Die verschlungenen Pfade dorthin zeichnet Autor René Meyer in seinem Buch »Computer in der DDR« nach.

Am Anfang stand die Vision der Parteiführung, den ganz großen Durchbruch zu schaffen. Erstes Ergebnis der Aufholjagd in der elektronischen Datenverarbeitung war die serienreife Produktion der Rechenanlage Robotron 300, die 1966 auf einer internationalen Messe in Moskau den staunenden Brudervölkern vorgeführt wurde, um danach wieder eingepackt und für den Export gesperrt zu werden; sie sollte erst einmal die volkseigenen Betriebe fit für den Weltmarkt machen. Programmiert wurde die sechs Tonnen schwere Anlage übrigens in MOPS, was für maschinenorientierte Programmiersprache stand.

Meyer erzählt seine Geschichte der ostdeutschen Rechentechnik nicht nur aus volkswirtschaftlicher Perspektive. In einigen Kapiteln wird die gewissermaßen subkulturelle Szene der Zocker und Bastler beschrieben, die von behördlicher Seite allerdings nicht nur geduldet, sondern auch gefördert wurde. Der Staat war auf diesen Nachwuchs angewiesen.

Im Chemiestandort Böhlen südlich von Leipzig fand 1987 im dortigen Kulturpalast das erste Computertreffen der Republik statt. Hartmut Flemming, Ehemann der Leiterin des Veranstaltungsortes, erinnert sich: »Der Erfolg hatte sich bis zu den Besitzern von Commodore, Amiga, ZX Spectrum und KC 85 herumgesprochen, und sie wollten nun ebenfalls am Treffen teilnehmen. Jeder Computertyp bekam seinen eigenen Raum; Atari war immer am meisten vertreten und residierte im großen Saal.«

Im Frühjahr 1990 ließen sich bei dem Treffen in Böhlen dann erstmals zwei Vertriebsleiter von Atari blicken. Der Charakter einer reinen Tauschbörse soll ihnen die Haare zu Berge stehen lassen haben.

Dabei hätten die Herren aus dem Westen, was die Begeisterung für das längst allgegenwärtige »Gaming« anging, durchaus vorgewarnt sein können. Anno 1977 hatte das Halbleiterwerk Frankfurt/Oder entsprechend einer Weisung des Ministeriums für Elektrotechnik und Elektronik eine Spielkonsole produziert, die für 550 Mark im Einzelhandel angeboten wurde. Es blieb der einzige Versuch dieser Art, da der Absatz, gelinde ausgedrückt, etwas hinter den Erwartungen zurückblieb: Man war doch nicht blöd!

René Meyer: Computer in der DDR. Landeszentrale für politische Bildung, Thüringen 2019, 147 Seiten, 5 Euro (Bereitstellungsgebühr)

Mehr aus: Feuilleton