Gegründet 1947 Freitag, 17. Januar 2020, Nr. 14
Die junge Welt wird von 2218 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 24.10.2019, Seite 6 / Ausland
Krieg in Syrien

Alarmiert und beunruhigt

Forum in Brüssel stellt OPCW-Abschlussbericht zu angeblichem Chemiewaffenangriff in Duma Anfang April 2018 in Frage
Von Karin Leukefeld
Syrien_Konflikt_56994769.jpg
Zerstörte Gebäude in der syrischen Stadt Duma (16.4.2018)

Am 1. März 2019 veröffentlichte die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) ihren Abschlussbericht über einen angeblichen Chemiewaffenangriff in der östlich von Damaskus gelegenen syrischen Stadt Duma, der am 7. April 2018 stattgefunden haben soll. In der Zusammenfassung hieß es, »die Auswertung und die Analyse aller Informationen«, die von der Fact-Finding-Mission (FFM) zusammengetragen worden seien, lieferten »vernünftige Gründe« für die Annahme, dass »eine giftige Chemikalie als Waffe eingesetzt wurde«. Dabei habe es sich »vermutlich« um molekulares Chlor gehandelt.

Dieser Darstellung hat eine Quelle aus der OPCW auf einem eintägigen Forum am 15. Oktober in Brüssel widersprochen. Veranstalter war die »Courage Foundation«, die Whistleblower wie Julian Assange und Edward Snowden unterstützt. Eingeladen war ein kleiner Kreis von ehemaligen UN-Diplomaten, pensionierten Militärs und Geheimdienstlern, Ärzten und Wissenschaftlern aus verschiedenen Ländern. José Maurício Bustani, erster Generaldirektor des OPCW von 1997 bis 2002, unterstützte das Treffen. Wenige Journalisten, darunter die Autorin dieses Artikels, waren als Beobachter anwesend.

Die Quelle »Alex« erwies sich als eine Person mit langjähriger Berufserfahrung innerhalb der OPCW-Untersuchungsteams, spezialisiert auf die Produktion und Analyse chemischer Waffen. Bei der FFM, die im April 2018 den angeblichen Angriff mit giftigen Chemikalien in Duma untersuchen sollte, hatte »Alex« eine führende Position. Die Quelle sprach in ihrer Auswertung von einem »regelwidrigen, unethischen und betrügerischen Verhalten« der OPCW gegenüber dem eigenen Untersuchungsteam und letztendlich auch der internationalen Öffentlichkeit.

Ausführlich ging »Alex« auf die zentralen Elemente aller OPCW-Untersuchungen ein, die im Sichern von Proben, ballistischen und toxikologischen Analysen und der Dokumentation von Augenzeugenberichten bestand. In einem zweiten Informationsblock schilderte die Quelle die Ereignisse vor, während und nach der Mission.

Nach seiner Rückkehr nach Den Haag wurde das Untersuchungsteam von der weiteren Arbeit so gut wie ausgegrenzt. Beispielsweise hatten seine ersten toxikologischen Ergebnisse im Juni 2018 ergeben, dass die in Videos beobachteten und von Augenzeugen beschriebenen Symptome nicht mit jenen übereinstimmen, die durch molekulares Chlor oder Chemikalien, die reaktives Chlor enthalten, auftreten. Im Abschlussbericht fand sich diese Bewertung nicht wieder.

Das Untersuchungsteam sei mit einem Bericht konfrontiert worden, der nicht von ihm verfasst worden war und in dem wesentliche eigene Erkenntnisse verändert oder ausgelassen worden waren. »Abweichende Beobachtungen«, wie sie für OPCW-Inspektoren in der Chemiewaffenkonvention ausdrücklich vorgesehen sind, wurden nicht zugelassen.

Ian Henderson, ebenfalls Mitglied des Duma-Untersuchungsteams versuchte vor Veröffentlichung des Abschlussberichts wochenlang, seine abweichenden ballistischen Studien zu diskutieren, ohne Erfolg. Schließlich brachte er seinen Bericht innerhalb der OPCW in Umlauf und verstieß damit gegen interne Regeln. Gegen Henderson wurde eine Untersuchung eingeleitet. Sein Fazit über die wahrscheinliche Herkunft zweier Gaszylinder, die angeblich von der syrischen Luftwaffe am 7. April 2018 über zwei Wohnhäusern abgeworfen wurden, war, dass »die Beobachtung der Situation an den beiden Orten mit der anschließenden Analyse darauf hinweisen, dass es wahrscheinlicher ist, dass die Zylinder per Hand an den beiden Orten abgelegt wurden, und nicht von einem Flugzeug abgeworfen wurden«.

Das internationale Forum in Brüssel zeigte sich nach dem Vortrag von »Alex« alarmiert und beunruhigt über die »inakzeptable Vorgehensweise« der Untersuchung. »Zentrale Informationen über chemische Analysen, toxikologische Untersuchungen, ballistische Studien und Zeugenaussagen« seien offenbar unterdrückt worden, um »eine vorbestimmte Schlussfolgerung zu begünstigen«, heißt es in einer Erklärung.

Allen Inspektoren der Duma-Untersuchung müsse ermöglicht werden, ihre »abweichenden Beobachtungen in einem angemessenen Forum der Vertragsstaaten der Chemiewaffenkonvention vorzutragen«. Das müsse »ohne Angst vor Repressalien oder Zensur« geschehen, so die Forderung des Forums.

Ähnliche:

  • Khan Scheikhun einen Tag nach dem vermeintlichen Giftgasangriff ...
    18.09.2019

    Falsche Anschuldigungen

    Giftgasangriff in Syrien 2017: Opposition und Westen sehen Verantwortung bei Damaskus. Regierung und Russland dementieren
  • Auf dem Mittelmeer: Auch die norwegische Fregatte »Helge Ingstad...
    08.03.2019

    Basteln mit »Beweisen«

    Westen beschuldigt Syrien weiter des Einsatzes verbotener chemischer Waffen. Debatte im UN-Sicherheitsrat
  • Am 21. August 2013 sollen bei Angriffen mit Sarin auf Rebellenst...
    21.04.2018

    Giftige Propaganda

    Vorgebliche Einsätze von Chemiewaffen im Syrien-Krieg waren wiederholt der Vorwand für militärische Interventionen der USA. Die umfassende Unterstützung von Islamisten durch NATO-Staaten wird dabei ausgeblendet

Regio:

Mehr aus: Ausland