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Aus: Ausgabe vom 23.10.2019, Seite 12 / Thema
Geschichte der Arbeiterbewegung

Auf den Misthaufen steigen

Parlamentarismus und Gewerkschaften: Vor 100 Jahren stellte der Heidelberger Parteitag die Weichen für die Spaltung der KPD
Von Leo Schwarz
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»Was war das für ein Mensch? Was wollte er bei uns?« fragte sich Paul Frölich später – Paul Levi, von 1919 bis 1921 Vorsitzender der KPD (Bleistiftzeichnung von Max Beckmann, 1918)

Der zweite Parteitag der KPD fand im Oktober 1919 ohne die überragenden Gestalten der radikalen Linken statt, die alle in den Monaten davor ermordet worden oder verstorben waren: ohne Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg, aber auch ohne Johann Knief, Leo Jogiches und Franz Mehring. Und er tagte wegen der Verfolgung der Partei und des allenthalben verhängten Belagerungszustandes unter konspirativen Bedingungen zum größeren Teil weitab von den Zentren der Arbeiterbewegung: in Heidelberg, in Mannheim, auf der Wachenburg bei Weinheim und dem Dilsberg bei Neckargemünd. Der Parteitag ist, obwohl er als Auslöser einer Parteispaltung für die weitere Entwicklung der KPD von wesentlicher Bedeutung war und mit der Gewerkschaftsfrage und der Arbeit in bürgerlichen Parlamenten in zugespitzter Form über den spezifischen historischen Kontext hinaus interessante Probleme der Strategie und Taktik einer kommunistischen Partei behandelte, heute vergessen.

Das mag, sieht man einmal von dem Fehlen der großen Namen und der Heimlichkeit der Tagung ab, auch daran liegen, dass das führende Personal der streitenden Flügel späterhin in der KPD überwiegend keine Rolle mehr spielte: Die linke Strömung, die in dem Fraktionskampf unterlag und in der Folge ausgeschlossen wurde, gründete im April 1920 die Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands (KAPD), die bald wieder in der Bedeutungslosigkeit versank, die rechte löste sich in der Hauptsache bis 1921 von der Partei und ging auf dem Umweg über die USPD zurück zur SPD (wie übrigens auch einige Köpfe der KAPD).

Eine Ursache für das vergleichsweise geringe Interesse an der Frühzeit der KPD ist allerdings neueren Datums. Nach 1990 diente der Verweis auf den Heidelberger Parteitag konservativen und rechtssozialdemokratischen Historikern dazu, Hermann Webers – in der Bundesrepublik jahrzehntelang sakrosankte – Konstruktion einer akzeptablen, »demokratischen«, am politischen Erbe Rosa Luxemburgs orientierten jungen KPD und damit die These einer »Wandlung des deutschen Kommunismus« zu verwerfen. Geschichte ist, wie sich hier einmal mehr zeigt, eben vor allem eine Wissenschaft, die eine politische Nachfrage bedient: Weber hatte einst eine »gute«, nicht von »Moskau« dirigierte, also potenziell integrierbare KPD der Frühzeit (etwa bis zum Jahr 1923) erfunden, um vor diesem Hintergrund desto besser auf die linksradikale, »stalinisierte« Thälmann-KPD der späten 1920er und frühen 1930er Jahre einprügeln zu können. Nach dem Ende der DDR war ein in diesem Sinne differenzierter Antikommunismus nicht mehr nötig, ja plötzlich sogar unerwünscht, räumte er doch nicht gründlich genug mit der Vorstellung auf, dem »Parteikommunismus« sei zumindest in seiner Anfangszeit ein Minimum an Verständnis entgegenzubringen: Jetzt ging es darum, die gesamte kommunistische Arbeiterbewegung als gefährliche Abirrung zu denunzieren. Klaus-Michael Mallmann fand 1996 heraus: »Es bedurfte nicht Stalins, um die KPD zu ›stalinisieren‹«; auf dem Heidelberger Parteitag sei mit der innerparteilichen Opposition nämlich schon im Stile späterer Jahre verfahren worden. Diese Kritik von rechts an Webers Modell mochten einige »linke« Historiker nicht hinnehmen; seither wird ein etwas müder Streit darüber geführt, ob denn schon 1919 eine »Säuberung« in der KPD stattgefunden hat oder eben nicht. Interesse findet also die Form, nur am Rande aber der Inhalt der damaligen Auseinandersetzung. Überraschend ist das nicht, denn in diesem Fach findet im Durchschnitt der Beachtung, der die falschen Fragen stellt.

Windstille

Nach der Niederwerfung der Münchner Räterepublik Anfang Mai 1919 flaute die Massenbewegung der Revolutionsmonate langsam ab. Die in Teilen politische Streikbewegung hielt zwar an, die Arbeiter- und Soldatenräte wurden aber, sofern noch vorhanden, entweder nach und nach aufgelöst oder aus Politik und Verwaltung hinausgedrängt. Paul Frölich, auf dem Gründungsparteitag der KPD als Vertreter der Bremer Linksradikalen in die Zentrale gewählt, nannte diese Phase später einen »Erschöpfungszustand (…), eine Windstille (…) nach den Sturmmonaten«. Es musste nun die Frage beantwortet werden, ob es sich hier um eine kurze Atempause der Revolution oder aber um ihr Ende und damit um eine zumindest mittelfristige Stabilisierung des bürgerlichen Staates handelte, der die Massenbewegung der Jahreswende 1918/19 »demokratisch« aufgefangen und kanalisiert hatte. Je nachdem, wie diese Frage beantwortet wurde, ergaben sich weitere Probleme für die Kommunisten: Wie war mit den Möglichkeiten »demokratischer« Partizipation in den Parlamenten, wie mit dem Kampf der reformistischen Gewerkschaften um eine Verbesserung der sozialen und ökonomischen Lage der Arbeiterklasse im Rahmen der bürgerlichen Ordnung umzugehen? Die Mehrheit der Delegierten des Gründungsparteitages der KPD hatte sich in der Absicht, eine reine »Revolutionspartei« zu gründen, folgerichtig gegen eine Beteiligung der Partei an der Wahl zur Nationalversammlung ausgesprochen (was zumindest vom linken Parteiflügel bald so ausgelegt wurde, als sei damit eine grundsätzliche und bindende Entscheidung gegen die Arbeit in bürgerlichen Parlamenten getroffen worden). Eine ähnliche Entscheidung gegen die Mitarbeit von Kommunisten in den reformistischen Gewerkschaften war auf dem Gründungsparteitag nur vermieden worden, indem das Thema an eine Kommission zur Prüfung verwiesen wurde. Außerdem gab es noch einen dritten Streitpunkt, der sich aus der Entwicklung der linken Opposition in der SPD erklärt, aber in Verbindung mit den beiden anderen offenen Fragen eine eigene Dynamik im innerparteilichen Konflikt gewann: Der Umstand, dass Parteivorstand und Reichstagsfraktion der SPD sich 1914 gegenüber der Partei verselbständigt und in ihrem Kampf gegen die Opposition den Parteiapparat rücksichtslos eingesetzt und nach Belieben einzelne Genossen und ganze Wahlkreisorganisationen ausgeschlossen hatten, führte zu einem tiefen Misstrauen gegen jede Form zentraler Leitung und zu einem Streben nach hoher Autonomie lokaler und regionaler Parteigliederungen. Bereits die USPD war nach diesem Prinzip organisiert worden; in der KPD gab es eine starke Tendenz in die gleiche Richtung, die sich in der polemischen Gegenüberstellung von »Führerbewegung« und »Massenbewegung« ausdrückte.

In der Frage der Wahlbeteiligung und eines föderalen oder zentralen Parteiaufbaus hatte die Parteiführung vergleichsweise rasch eine Linie gefunden. Verwickelter war das Problem der Gewerkschaftsarbeit. Bei den radikalsten und politisch bewusstesten Arbeitern gab es 1919 unzweifelhaft eine Bewegung »weg von den Gewerkschaften«. Hier artikulierte sich zum einen die Ablehnung des Prinzips des Berufsverbandes, an dem die rechtssozialdemokratischen Gewerkschaftsführer weiter verbissen festhielten (an der Gründung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes im Juli 1919 waren 52 Gewerkschaften beteiligt, von denen einige nur ein paar tausend Mitglieder hatten), und zum anderen die Opposition gegen die Überleitung der Politik des »Burgfriedens« der Kriegszeit in die der »Arbeitsgemeinschaft«. Insbesondere in Berlin, in Mitteldeutschland und im rheinisch-westfälischen Industriegebiet entwickelte sich eine keineswegs unbedeutende Absetzbewegung von den freien Gewerkschaften; Zehntausende Arbeiter schlossen sich auf Betriebsebene zu sogenannten Betriebsorganisationen (BO) bzw. Arbeiterunionen zusammen, die bald über den engen lokalen Rahmen hinaus Verbindung miteinander suchten. Diese Bewegung entstand im Frühjahr 1919 spontan, ihre Führung lag beinahe überall in den Händen von Kommunisten. Die Parteiführung agierte gegenüber dieser Bewegung dennoch anfänglich ratlos und abwartend; schließlich förderte sie die Austrittsbewegung. Im Spätsommer 1919 machte sich allerdings der Einfluss von Paul Lange – in dieser Phase der einzige Gewerkschaftsfunktionär in der KPD-Spitze – bemerkbar, der die BOs ablehnte und eine ausdrückliche Festlegung der Parteimitglieder auf die Mitarbeit in den freien Gewerkschaften forderte.

Langes stärkstes Argument war, dass die BOs die Bewegung einer zwar dynamischen, aber dennoch eindeutigen Minderheit waren. 1919 drängten nämlich massenhaft bis dahin unorganisierte und passive Arbeiter in die Gewerkschaftsbewegung hinein: Die freien Gewerkschaften hatten schon Ende 1918 mit 2,8 Millionen Mitgliedern den Stand der Vorkriegszeit erreicht und übertroffen; Ende 1919 waren es 7,3 Millionen, im Sommer 1920 8,5 Millionen. Und linke Kräfte waren hier nicht einflusslos; in der größten Einzelgewerkschaft, dem Deutschen Metallarbeiterverband, gelang es der linken Opposition im Oktober 1919 bei der ersten Verbandstagung nach dem Krieg, die rechte Führungsmannschaft um Alexander Schlicke, einen besonders exponierten Verfechter der »Arbeitsgemeinschaft« von Gewerkschaften, Staat und Kapital, abzulösen. Die innergewerkschaftliche Opposition kämpfte also, so schien es, nicht ohne Aussicht auf Erfolg darum, die Gewerkschaften auf einen Kurs des Klassenkampfs festzulegen, und es war nicht einzusehen, warum Kommunisten hier nicht mittun sollten.

Heterogene Opposition

Paul Levi, dem nach der Ermordung von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Leo Jogiches die Parteiführung zugefallen war, gelangte spätestens im Sommer 1919 zu der Ansicht, dass die Revolution an einem »toten Punkt« angelangt sei. Schon bei einer Reichskonferenz in Frankfurt am Main war Ende März erstmals über diese Fragen debattiert worden. In Levis Referat zum Auftakt einer weiteren Reichskonferenz, die – ebenfalls in Frankfurt – am 16. und 17. August stattfand, hieß es dazu: »Wir stehen am Ende der Epoche, die am 9. November eingesetzt hat und die zu einer Niederlage der Revolution führte (…). Wir sind in ein schleichendes Stadium der Revolution eingetreten und werden nicht mehr mit großen Massenbewegungen rechnen dürfen«; das »heroische Zeitalter der Revolution« sei vorüber. Man dürfe im politischen Kampf deshalb »kein zur Verfügung stehendes Mittel ungenützt lassen«.

Die Diagnose Levis und das daraus abgeleitete Plädoyer für den »Parlamentarismus« riefen heftigen Widerspruch hervor. Ein Diskussionsredner kritisierte die Passivität der Parteiführung: Er sehe eine »Ähnlichkeit der Zentrale mit dem alten Parteiapparat; die Zentrale droht, Selbstzweck zu werden«. Fritz Wolffheim erklärte, dass grundsätzlich »kein Kommunist in einem Parlament etwas zu tun« habe. Auch Willi Münzenberg, damals für die Jugendarbeit der KPD verantwortlich, wandte sich »aufs schärfste« gegen die »Beteiligung am Parlament«: »Unser Eintritt in diese bankrotte Einrichtung würde die Arbeiterschaft mit neuer Hoffnung auf sie erfüllen.« Die Kritik des Parlamentarismus sei von außen viel erfolgreicher als von innen. Otto Rühle, der 1915 im Reichstag als erster Fraktionskollege zusammen mit Karl Liebknecht gegen die Kriegskredite gestimmt hatte und nun als Sprecher der sächsischen Opposition auftrat, kündigte bereits in Frankfurt an, sich aus der Parteiarbeit zurückzuziehen, da er »den Parlamentarismus nicht mehr mitmachen« könne. Für die »Ausnutzung« des Parlaments sprachen Edwin Hoernle und Clara Zetkin. Letztere plädierte dafür, jede Möglichkeit wahrzunehmen, um die Massen zu erreichen: »Wenn ich keine Tribüne habe, dann steige ich auf die nächste Tonne, meinetwegen auf einen Misthaufen.« Das Protokoll verzeichnet an dieser Stelle den Zuruf: »Ist auch besser.« Lange wandte sich am Ende der Konferenz gegen die Parole »Heraus aus den Gewerkschaften«, denn die bedeute eine »Flucht vor dem notwendigen Kampf«; die Gewerkschaften würden schon bald nicht mehr in der Hand der SPD, sondern der USPD sein. Ein Anhänger der Opposition wandte dagegen ein, dass die Politik der Gewerkschaften »während des Krieges konterrevolutionär, während der Revolution offener Verrat« gewesen sei; man müsse diese Organisationen »vernichten« und »an ihre Stelle andere setzen«.

Die innerparteiliche Opposition, die in Frankfurt erstmals organisiert auftrat, war durchaus heterogen. Besonders bei den Sprechern der Hamburger Richtung, Heinrich Laufenberg und Fritz Wolffheim, war von Anfang an viel – und vielleicht sogar vorwiegend – taktisches Kalkül im Spiel. Laufenberg war noch Ende 1918 für die Nationalversammlung und gegen eine Räterepublik eingetreten, um »den Bürgerkrieg« zu vermeiden; mit Wolffheim hatte er im Januar 1919 gegen den angeblichen »Putsch« der »Spartakusführung« in Berlin polemisiert. Nun propagierten beide den Generalstreik, den Antiparlamentarismus und die Betriebsorganisation als eigentliche Kampforganisation der Arbeiterklasse. Frölich wollte sich später nicht festlegen, ob die beiden »dieses Programm selbst ernst nahmen« oder nur »gewisse Strömungen in der Arbeiterschaft« für persönliche Zwecke ausnutzten: »Ihre politische Argumentation und ihre Losungen schillerten überhaupt in allen Regenbogenfarben. Es konnte keinem Zweifel unterliegen, dass ihr Hauptinteresse war, die Führung der Partei in ihre Hand zu bekommen.« Die Parteiführung provozierten sie, so Levi im August in Frankfurt, durch das »Herumsenden eigener Kuriere im Reich« und durch den Versuch, ohne Wissen der Zentrale eine Verbindung zur Räterepublik in Ungarn herzustellen. Der Essener Kommunist Arthur Hammer, der in der »Parlamentsfrage« gegen die Zentrale argumentierte, distanzierte sich deshalb ausdrücklich von der »Ziellosigkeit« und der »Störungspolitik« der Hamburger.

Dagegen wurde die Opposition etwa in Bremen und in Berlin ohne Zweifel von einem authentischen, rigoros antiparlamentarischen und gewerkschaftsfeindlichen Arbeiterradikalismus getragen. Eine Berliner Funktionärsversammlung verlangte im August 1919 von Clara Zetkin, die noch als Mitglied der USPD in die württembergische Landesversammlung gewählt worden war, das Mandat niederzulegen oder aus der KPD auszutreten. In der Zeitung des Berliner Parteibezirks verbreiteten Fritz Rasch, Karl Schröder, Alexander Schwab, Friedrich Wendel und andere die Losung »Heraus aus den Gewerkschaften!«; kennzeichnend für diese Richtung war die Vorstellung einer finalen Krise des Kapitalismus und die fieberhafte »Suche nach künstlichen Mitteln« (Frölich), um dessen Zusammenbruch zu beschleunigen. Diese Mittel suchte sie vor allem in den Betrieben; der »wirtschaftliche Kampf«, hieß es bald, habe Vorrang vor dem »politischen Kampf«. Das führte zumindest bei einem Teil dieser Strömung zu eindeutig syndikalistischen Argumentationen, bei denen der Führungsanspruch und sogar die Existenzberechtigung der Partei zugunsten der Betriebsorganisationen bestritten und ihr allenfalls noch eine Propagandafunktion zugebilligt wurde.

Überrumpelte Partei

Die Diskussion über die genannten Streitfragen wurde bis zum Oktober 1919 nur sporadisch bei den erwähnten Reichs- und einigen Regionalkonferenzen geführt; eine strukturierte, von der Parteiführung organisierte Debatte gab es nicht. Als die Delegierten des 2. Parteitages am 20. Oktober auf der Wachenburg an der Bergstraße zusammentraten, rechnete deshalb kaum einer damit, dass hier eine definitive Entscheidung über die strittigen Punkte oder gar eine Spaltung der Partei auf den Weg gebracht werden sollte. Levi allerdings wollte – Frölich zufolge – »unbedingt und in diesem Augenblick den Ausschluss der Opposition«; er nahm dabei »keinerlei Rücksicht auf die Stimmung und die Erkenntnis der Mitgliedschaft«.

Levis Hebel waren die »Leitsätze über kommunistische Grundsätze und Taktik«, mit denen er die überraschten Delegierten gleich am ersten Verhandlungstag konfrontierte. Sie enthielten nach der Meinung der Zentrale nur das »Abc des Kommunismus«, vor allem aber eine automatische und in der Anfangsfassung sogar rückwirkende Ausschlussverfügung: »Mitglieder der KPD, die diese Anschauungen über Wesen, Organisation und Aktion der Partei nicht teilen oder ihnen in Wort und Schrift entgegengehandelt haben oder entgegenhandeln, haben aus der Partei auszuscheiden.« Levi motivierte sein Vorgehen später damit, dass vor allem »die Frage des Verbleibens in den Gewerkschaften« eine »Frage von Leben und Tod« für die KPD gewesen sei. In einem Rundschreiben der Zentrale von Anfang November 1919 wurde die Klärung als »unaufschiebbar« bezeichnet, weil die Partei durch die inneren Gegensätze »an Händen und Füßen gelähmt« gewesen sei. Außerdem nahm die Parteiführung »Notwehr« für sich in Anspruch: Die Hamburger Delegierten seien nämlich mit der festen Absicht auf dem Parteitag erschienen, »die Zentrale nicht etwa abzusetzen, sondern sie aus der Partei hinauszuwerfen«. Wäre das gelungen, so stand es in einer Mitteilung an die Mitglieder nach dem Parteitag, dann wäre die Partei keine kommunistische mehr gewesen, sondern hätte sich aufgelöst »in ein Sammelsurium syndikalistischer Ortsgruppen, die planlos, ohne Einheit, ohne Geschlossenheit, jede um ihren Kirchturm herum die ›ökonomische Revolution‹ machen«.

Frölich, ein linker Gegner Levis, der allerdings auch die Richtung um Laufenberg und Wolffheim entschieden bekämpfte, unterstützte den Parteivorsitzenden zusammen mit den anderen Mitgliedern der Zentrale in dieser Auseinandersetzung, betonte aber später: »Man kann getrost sagen, dass die Partei mit diesen Beschlüssen überrumpelt wurde.« Dafür trage Levi die »alleinige Verantwortung«; entschuldigen lasse sich das Verfahren nur damit, dass es sich wirklich »um einen Machtkampf um die Führung der Partei handelte und dass man es bei Wolffheim mit einem skrupellosen Demagogen, bei Laufenberg mit einem intriganten Politiker zu tun hatte, die tatsächlich eine Gefahr für die Partei darstellten«.

In den Leitsätzen hieß es, dass die KPD »auf kein politisches Mittel grundsätzlich verzichten« könne, das der Vorbereitung größerer Kämpfe – »Massenstreik, Massendemonstration, Aufstand« – diene. Als ein solches Mittel komme »auch die Beteiligung an Wahlen in Betracht«. Nur in »ganz besonderen politischen Situationen« könne darauf verzichtet werden, nämlich dann, wenn »auf die Entscheidung gehende revolutionäre Aktionen« die parlamentarische Aktion »vorübergehend oder dauernd überflüssig machen«. Weiter hieß es, dass die Partei die Vorstellung bekämpfe, »als löste eine wirtschaftliche Revolution eine politische ab«. Und die »wirtschaftliche Organisation« der Arbeiterklasse sei jeweils die, in der »die breiten Massen sich sammeln« – also unter den gegebenen Umständen die sozialdemokratische Gewerkschaftsbewegung. Auch dem »Föderalismus« erteilten die Leitsätze eine klare Absage: Die Partei könne ihren Aufgaben nur »in straffster Zentralisation« gerecht werden. Die Position, der Partei komme nur eine Propagandafunktion zu, wurde als direkt »gegenrevolutionär« abgelehnt, weil sie »die klare Einsicht der Vorhut der Arbeiterklasse durch den chaotischen Trieb der in Gärung geratenen Masse ersetzen will«.

Mit diesem Papier, das gleich zu Beginn des Parteitages eingebracht wurde und dann sofort debattiert und beschlossen werden sollte, ließ Levi der Opposition offensichtlich nur zwei Möglichkeiten: »Unterwerfung oder Ausschluss« (Frölich). In seiner Polemik gegen die »syndikalistische Krankheit« räumte der Parteivorsitzende ein, dass über die Frage, ob in der augenblicklichen Situation auf »parlamentarische Mittel« verzichtet werden könne, eine Verständigung möglich sei. Unmöglich sei dies aber, wenn aus dem Verzicht ein Prinzip gemacht werde. Wolffheim wies für die Opposition den Vorwurf des Syndikalismus zurück; dass er in seiner Erwiderung auf den Parteivorsitzenden die Positionen der Opposition abschwächte und als weder neu noch vollkommen unvereinbar mit den »unklaren« Leitsätzen hinstellte, während Laufenberg eine Debatte über die Finanzen der Zentrale anzuzetteln versuchte, zeigte, dass der Angriff Levis die Opposition tatsächlich überrumpelt hatte.

Am 21. Oktober trat der Parteitag in Heidelberg wieder zusammen. Nach einer Aussprache und verschiedenen redaktionellen Änderungen wurden die Leitsätze mit 31 gegen 18 Stimmen angenommen. Die Delegierten, die gegen sie gestimmt hatten, wurden von den weiteren Verhandlungen des Parteitages – aber, wie ein Mitglied der Zentrale erläuterte, vorläufig nicht aus der Partei – ausgeschlossen. Laufenberg begrüßte das; Wolffheim erklärte, dass ab sofort neben einer »KPD (Spartakusbund)« auch »eine Kommunistische Partei Deutschlands« existiere. Die beiden sowie Otto Rühle versammelten die Ausgeschlossenen am Abend und machten offenbar den Vorschlag, sofort eine neue Partei zu gründen. Das wurde allerdings mit deutlicher Mehrheit abgelehnt; nach dieser weiteren Niederlage reisten die drei ab (Laufenberg und Wolffheim wandten sich schon im November dem Nationalismus zu und wurden 1920 auch aus der KAPD ausgeschlossen; Rühle zog sich nach einem Zwischenspiel in der KAPD aus der Politik zurück).

Keine Verständigung

Die destruktive Wendung des Parteitages erfolgte am nächsten Tag, als er in Mannheim wieder zusammentrat. Überraschend erschienen 15 der am Vortag ausgeschlossenen Delegierten, um wieder an den Verhandlungen teilzunehmen. Sie protestierten gegen ihren Ausschluss und betonten, sie hätten nur aus »formalen Gründen« – da sie ihnen bzw. ihren Parteiorganisationen nicht vorab vorgelegen hätten – gegen die Leitsätze gestimmt. Ein formaler Beschluss über ihren Ausschluss liege zudem nicht vor; es handle sich lediglich um eine »persönliche Auslegung« Levis, der man sich nicht zu fügen brauche. In der Broschüre mit dem zusammenfassenden Bericht über den Parteitag (ein vollständiges Protokoll ist nicht veröffentlicht worden) heißt es, dass sich daraufhin eine »regellose erregte Debatte« entspann: »In dem Lärm dringt ab und zu die Stimme des Vertreters der Zentrale durch, der immer wieder feststellt, dass die Spaltung durch die Abstimmung vollzogen sei und dass die Delegierten, die gegen die Leitsätze gestimmt haben, als ausgeschlossen von dem Parteitag gelten.« Die 15 wurden aus dem Saal gedrängt; ein Vorgehen, das für Frölich »nur durch Levis Verbitterung und Menschenverachtung zu erklären« war. Hier habe sich unverhofft ein Riss in der Opposition gezeigt, die man nach der Abreise der Hamburger in ihrer Mehrheit wieder an die Partei hätte heranziehen können – darunter die Bremer und die Berliner.

Dazu kam es nicht. Die Sitzung wurde abgebrochen; nur die Delegierten, die für die Leitsätze gestimmt hatten, erhielten die Adresse des neuen Tagungslokals auf dem Dilsberg am Neckar. Erst hier, am vierten Verhandlungstag, wurden schließlich die Punkte 2 und 3 der Tagesordnung – »Parlamentarismus« und »Gewerkschaftsfrage« – behandelt (im Sinne der Zentrale).

In der Folge des »verheerenden« (Frölich) Heidelberger Parteitages verlor die KPD mindestens die Hälfte ihrer im Oktober 1919 rund 106.000 Mitglieder. Mitgliederstarke und besonders aktive Parteibezirke wie Nordwest (Bremen), Berlin und Ostsachsen wurden nach gescheiterten und von einem Teil der Zentrale wohl auch nicht ernsthaft betriebenen Verständigungsversuchen im Februar 1920 ausgeschlossen. In Berlin blieben danach von 12.000 Genossen noch etwa 800 übrig, die eine neue Organisation auf der Linie der Zentrale gründeten. Kurz nach dem endgültigen Vollzug der Spaltung ging die Partei damit in einem Zustand größter Schwäche in den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch und in die auf ihn folgenden Massenkämpfe; einen richtunggebenden Einfluss auf diese Auseinandersetzungen erlangte sie auch deshalb nicht. Erst durch den Übertritt des linken Flügels der USPD im Herbst 1920 wurde die KPD wieder ein maßgebender politischer Faktor – dass der ohne den Heidelberger Parteitag nie erfolgt wäre, ist ziemlich sicher. Eine spannende Frage ist freilich, ob die untrennbar mit der frühen und vollständigen Amputation ihrer radikalsten Strömung verbundene Entstehung einer kommunistischen Massenpartei in Deutschland nicht auch schon die Möglichkeit einer – sehr viel später ja gründlich erfolgten – inhaltlichen Verflachung eröffnete.

Leo Schwarz schrieb an dieser Stelle zuletzt am 17. August zur Ermordung des KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann.

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