Schwarzer Kanal
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Antianthropozentrismus

Von Helmut Höge
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Dreimal wurde mir eine neue Sichtweise auf die Welt eröffnet. Das war erstens der Marxismus – die Gegensätze zwischen Kapital und Arbeit, zwischen Proletariat und Bourgeoisie etc. Zweitens der Feminismus – der Gegensatz zwischen den Sichtweisen und Phantasien von Männern und von Frauen als Geschlechterkampf. Und drittens – über meine Beschäftigung mit Tieren und Pflanzen seit 2000 – ein Antianthropozentrismus, der Menschen kritisiert, die wie selbstverständlich Lebensäußerungen von Tieren und Pflanzen übersehen und übergehen.

Bei den Indigenen Amerikas ist die Idee weit verbreitet, dass jede Lebensform sich selbst als menschlich (an)sieht. Mit einer solchen totalen Anthropologie entkommen sie witzigerweise dem Anthropozentrismus, wie der Ethnologe Eduardo Viveiros de Castro und die Philosophin Deborah Danowski in »In welcher Welt leben?« schreiben. Denn das, was alle von sich selbst sehen, mache »ihre ›Seele‹« aus. Demzufolge sehe »ein Jaguar, wenn er einen anderen Jaguar anschaut, einen Menschen; aber wenn er einen Menschen anschaut, sieht er ein Schwein oder einen Affen, da dies das von den amazonischen Indios das am meisten geschätzte Wild ist«. Die beiden Autoren definieren deren »Animismus« als ein »anthropomorphes Prinzip«, das fähig sei, sich jenem »anthropozentrischen Prinzip« entgegenzustellen, »das uns als eine der tiefsten Wurzeln der westlichen Welt erscheint«.

Aktuelles Beispiel: Mehrere wissenschaftliche Studien und sogar die Regierungsrichtlinien des Berliner Senats legen nahe, dass die Natur in der Stadt zum menschlichen Wohlbefinden beiträgt, es davon aber zu wenig gibt, weswegen »die grüne und soziale Infrastruktur entwickelt« werden soll. Nicht um ihretwegen, sondern für uns also soll mehr »Natur« geschaffen werden, das ist Anthropozentrismus für Doofe. Abgesehen davon, dass in Wirklichkeit genau das Gegenteil geschieht.

Schwieriger ist ein Beispiel, das die feministische Biologiehistorikerin Donna Haraway in ihrem 2008 erschienenen Buch »When Species meet« erwähnt, im Hinblick auf einen verborgenen Anthropozentrismus zu deuten: »Gesetzt den Fall, eine Wildkatze hinterlässt Junge, die von einem Haushalt bestehend aus überqualifizierten, wissenschaftlich ausgebildeten Kriegsgegnern mittleren Alters aufgenommen werden, oder von einer Tierwohlfahrtsorganisation, die eine Ideologie zum Schutz des Wilden und Tierrechte propagiert: Wird das Tier garantiert glücklich werden?« Wo doch die Wildheit laut Haraway unsere ganze Hoffnung bleibt.

Es wird gesagt, dass viele Tiere (und auch Pflanzen) vom Land in die Stadt gedrängt werden. Es sind quasi Flüchtlinge aus der Wildnis, die bedrohlich zusammenschrumpft. Was aber, wenn sie in die Städte einwandern, weil sie hier vor allem weniger von den Menschen verfolgt werden? Der Tierparkgründer Heinrich Dathe erwähnte einmal, dass im Tierpark Vertreter von 123 Vogelarten frei leben – als »Selbstversorger«, und dass mit Beginn der Jagdsaison im Umland Berlins noch weit mehr Vögel den Tierpark als Schutzzone bevölkern.

In »Ökologie der Angst« (2018) legt der Philosoph Jens Soentgen dar, dass das »Anthropozän« als Innenseite die Angst der Tiere hat. Alle haben Angst vor den Menschen. »Hunger, Durst und sexuelle Begierde, die ebenfalls zentrale Triebe sind, sind Bedürfnisse, die ein Lebewesen, wenn nötig, eine Zeitlang aufschieben kann. Nicht aber die Angst.«

Man weiß, dass die ersten Weißen, die von Menschen unbewohnte Inseln betraten, von den dortigen Tieren ohne Scheu empfangen wurden, was die Weißen ihnen allerdings nicht gedankt haben. Umgekehrt haben z. B. einige Walarten, die von den Menschen streng verfolgt wurden, heute in Schutzzonen ihre Angst vor ihnen verloren – und kommen sogar an das Schlauchboot der »Whale-Watcher«, um sich anfassen zu lassen.

Wenn man in Berlin Krähen, Füchse oder Wildschweine füttert und diese dabei ihre Angst verlieren, werden sie erschossen. Auch wenn sie »wild« geblieben sind, aber die Menschen sie für »zu viele« halten. Die freie Hansestadt Hamburg leistet sich dafür 71 Stadtjäger. Das würde ich auch noch Anthropozentrismus für Doofe nennen.

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