Gegründet 1947 Donnerstag, 21. November 2019, Nr. 271
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Ballett

Was für ein Triumph!

Nachruf auf die kubanische Ballettlegende Alicia Alonso
Von Gisela Sonnenburg
Cuba_Alicia_Alonso_O_63040935.jpg
»Ich wusste, dass ich stark war« – Alicia Alonso 1949 in ihrer Garderobe in Havanna

»Brava, Alicia!« riefen die Menschen, als schwarz gekleidete Tänzer den mit einem weißen Tuch bedeckten Sarg aus dem Gran Teatro de La Habana trugen. Ein Orchester spielte Musik des Balletts »Giselle«, Künstler des Opernhauses in Havanna standen Spalier. Die am Donnerstag im Alter von 98 Jahren verstorbene Ballettlegende Alicia Alonso, bis zuletzt Leiterin des von ihr gegründeten Kubanischen Nationalballetts, war eine der berühmtesten Ballerinen ihrer Generation – eine Frau, die genau wusste, was sie wollte.

Sie war Revolutionärin auf ihre Art: am 21. Dezember 1920 als Alicia Martínez in Havanna geboren, tanzte in der Weltklasse, trotz einer Augenerkrankung, die sie fast erblinden ließ. Ersten Ballettunterricht erhielt sie mit acht Jahren in Straßenkleidung; zwei Jahre später stand sie schon auf der Bühne. Ihr Lehrer war Russe, und die russische Klassik blieb für Alonso lebenslang ebenso wichtig wie das sozialistische Gedankengut.

Schon bevor sie mit ihrem Ehemann Fernando Alonso, den sie mit 16 Jahren geheiratet hatte, nach New York übersiedelte, hofften die beiden auf eine Revolution in Kuba. Ihre künstlerische Berufung hatte Alicia noch früher erkannt: »Ich wusste, dass ich stark war, und ich wollte immer die Beste sein«, sagte sie der BBC in einem Interview.

In New York nahm sie privaten Unterricht, bis sie ein Stipendium für die School of American Ballet bekam. Deren Gründer, der Choreograph George Balanchine, nahm das Paar in seine Tourneetruppe Caravan auf. Ab 1940 tanzte es beim Ballet Theatre, dem späteren American Ballet Theatre.

Mit 20 begann Alicia zu erblinden und musste zwei Jahre pausieren. Mit geschlossenen Augen lag sie in Kuba auf ihrem Bett und ging mit mit ihrem Ehemann die Choreographie von »Giselle« durch. Mit ihren Fingern trainierte sie, was die Beine später tanzen sollten. Tatsächlich kehrte sie 1943 zurück nach New York, und als eine Kollegin erkrankte, sprang sie ein, um ihr »Giselle«-Debüt zu geben. Was für ein Triumph – auch über die Prognosen der Ärzte, die gesagt hatten, sie würde nie wieder tanzen können.

Ihren Plan, in Kuba etwas Eigenes auf die Beine zu stellen, gab Alicia nicht auf. 1948 gründeten sie und Fernando das Alicia Alonso Ballett mit einer Schule in Havanna. Noch vor dem Sieg der kubanischen Revolution am 1. Januar 1959 liefen Gespräche mit Fidel Castro, wie das Ballett zum Ruhm der Revolution zu fördern wäre. Statt veranschlagter 100.000 Dollar Subvention gewährte der Comandante das Doppelte für die Gründung des Kubanischen Nationalballetts, aus dessen Schule bis heute zahlreiche Stars hervorgingen.

Über alle Grenzen hinweg geehrt, tanzte Alicia Alonso noch mit über 70 im Gran Teatro. Sie schuf eigene Versionen der Klassiker, tanzte auch auf improvisierten Bühnen in Fabriken und Werkstätten. Am Bolschoi Theater in Moskau trat sie mit Iwan Wasilijew auf. Eines ihrer Erfolgsballette auch in der SU: »Giselle«.

Ihre Nachfolgerin als Ballettchefin ist die frühere Tänzerin Viengsay Valdés. Alicia por siempre.

Ähnliche:

  • Kubas Außenminister Bruno Rodríguez am Freitag in Havanna
    23.09.2019

    In diplomatischer Mission

    Kubas Außenminister Bruno Rodríguez kämpft bei UN-Vollversammlung gegen die US-Blockade
  • Kubas Präsident Miguel Díaz-Canel spricht am 26. September vor d...
    11.10.2018

    Als wäre es nicht passiert

    Leitmedien manipulieren durch Weglassen. Ein Beispiel: Die USA-Reise des kubanischen Staatschefs Ende September
  • Kubas Präsident Díaz-Canel während des Nelson-Mandela-Friedensgi...
    01.10.2018

    Rückhalt für Díaz-Canel

    Eine Woche in New York: Kubas Präsident spricht vor UN-Vollversammlung und trifft US-Amerikaner

Regio:

Mehr aus: Feuilleton