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Aus: Ausgabe vom 19.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Buchmesse

Handke und kein Ende

Fachbesucher, die es wissen müssten, aber nicht wissen wollen: Eindrücke von der Frankfurter Buchmesse
Von Peter Merg
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»Bringt in den Frankfurter Messehallen niemanden in Wallung« – Protest gegen den Krieg in Nordsyrien

Kaum in der Stadt, geht es schon los: Eine Literaturagentin fragt nach dem Weg zur Messe, und keine fünf Minuten später diskutieren wir das Profil von Extinction Rebellion und die Klima- als Klassenfrage. Vor den Hallen demonstrieren ein paar hundert Menschen im Nieselregen gegen den türkischen Überfall auf die kurdischen Gebiete in Nordsyrien. Grüne YPG-Fahnen wehen im Wind.

»Politik, Politik, Politik« sei das Motto dieser Buchmesse, hatte NDR-Literaturredakteur Alexander Solloch erklärt, und der scheidende Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Heinrich Riethmüller, sah das ähnlich: »In einer Zeit, in der es global ums Ganze geht, ist die Buchbranche besonders gefragt.« Tatsächlich stieg der Umsatz in der Sparte Sachbuch zuletzt um ganze zehn Prozent, und es verkaufen sich beileibe nicht nur Ernährungsratgeber.

An gefühlt jeder Ecke propagiert Luisa Neubauer von »Fridays for Future« den Kampf gegen die Erderwärmung, anderswo erklären Übersetzer ernstlich und vernünftig, dass Rassismus nicht (nur) mit Sprachpolitik zu bekämpfen ist, und selbst an einem Fachbesuchertag hängen fast hundert junge Frauen mit freudig-stolzem Blick an den Lippen der Feministin Margarete Stokowski, die das Patriarchat seziert.

Doch was diskutieren sie an den Ständen, auf den Gängen und abends beim Wein? Peter Handke. Wäre der nur mal nach Frankfurt gekommen, dem hätte man was gehustet, dem alten Völkermordleugner mit seiner gewundenen Prosa. Immerhin habe der Stanisic es ihm gegeben. Die da so grimmig-selbstbewusst sprechen, fassen linke Zeitungen nicht mit spitzen Fingern an. In ihren Verlagen erscheinen kluge Bücher über die sozialen Verheerungen der Regierung Schröder/Fischer. Vor zwei Jahren trugen sie »Free Deniz«-Buttons. Sie schauen rechte Verleger nicht einmal mit dem Arsch an. Es sind Leute, die es wissen müssten, aber nicht wissen wollen.

Nur besonders optimistische Geister freuen sich über den Beginn einer überfälligen Diskussion über das Verhältnis von Werk und Autor, Realität und Ästhetik, künstlerischer und politischer Haltung. Denn diskutiert wird hier wenig. Man vergewissert sich gegenseitig, auf der Seite der Guten zu stehen, der Opfer. Man weiß nichts, aber bestens Bescheid. Denn 13 Jahre nach Erscheinen der »Winterlichen Reise« hat man das Buch noch immer nicht gelesen. Überall das Wort von den Milizen in Visegrad, die barfuß nicht hätten töten können, ohne dass jemand weiß, wo es steht (im »Sommerlichen Nachtrag zu einer winterlichen Reise«), oder wie es gemeint war. Ansonsten: nichts. Nur, dass Handke die Wahrheit leugne.

Der hatte am Grab Milosevics – nach einigen Zweifeln, ob nach den aufputschenden Reden nationalistischer Exgeneräle seine Botschaft gehört werden könnte – gesagt: »Ich weiß, dass ich nicht weiß. Ich weiß die Wahrheit nicht. Aber ich schaue. Ich höre. Ich fühle. Ich erinnere mich. Ich frage.« Dieses Fragen kostet etwas. Es widerspricht dem Bild einer wohlgeordneten Welt, in der in jenen Tagen der Jugoslawienkriege die Serben die Bösen und die Deutschen wie immer auf seiten der Richtigen gewesen sind. Sasa Stanisic’ Familie hat unter diesen Kriegen gelitten, und natürlich wiegen Verbrechen an Serben nicht die an Bosniern auf. Doch relativiert dieses Leid nicht, wer wie Handke feststellt, dass die Zerschlagung des Vielvölkerstaates Jugoslawien, die von den Führern des globalen Westens, ob im Weißen Haus, im deutschen Kanzleramt oder den Herausgeberbüros in Frankfurt, so sehr herbeigesehnt und schließlich auch mit Bomben erzwungen wurde, der Schlüssel zu diesem Unglück ist.

Derweil mordet an einem anderen Ende der Welt ein NATO-Mitgliedsland und vertreibt Hunderttausende, weil sie Kurden sind. Aber das bringt in den Frankfurter Messehallen niemand in Wallung.

Die Literaturagentin war mal Journalistin. Sie ist es nicht mehr, weil in der Presse, für die sie schrieb, Fakten nicht mehr viel zählen und skeptische Fragen auch nichts. Vielleicht muss sie bald schon wieder die Branche wechseln.

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