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Aus: Ausgabe vom 18.10.2019, Seite 8 / Ausland
Australische Abschottungspolitik

»Regierung will sich nicht die Hände schmutzig machen«

Protest gegen Australiens Flüchtlingspolitik und die Zustände in Lagern auf Papua-Neuguinea. Ein Gespräch mit Helen L. Fox
Interview: Thomas Berger
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Protest gegen Internierungslager für Geflüchtete (Sydney, 31.8.2017)

Seit rund zwei Jahren protestiert eine Gruppe von Aktivisten mit Transparenten vor dem Bibliotheksgebäude im Zentrum der australischen Großstadt Melbourne. Um was geht es Ihnen?

Jede Woche stehen wir hier, ganz egal, ob es regnet, bitterkalt ist oder an die 40 Grad Celsius herrschen. Wir wollen ein Zeichen setzen gegen die inhumane Flüchtlingspolitik der australischen Regierung. Zur Gruppe »Keep Up the Pressure« (Haltet den Druck aufrecht, jW) gehören unterschiedlichste Leute, von der Lehrerin oder Anwältin bis zur Obdachlosen.

Wie ist die Reaktion auf Ihren Protest?

Es gibt ganz viele, die stehenbleiben und uns sagen: Macht weiter! Und es gibt Menschen, die sich einreihen. Wir in Australien sind eine Nation von Immigranten. Es gibt viele, die sagen: Was den Flüchtlingen angetan wird, geht gar nicht.

Das Internierungslager auf der Insel Manus ist nach einem Urteil des Obersten Gerichtshofs von Papua-Neuguinea aus dem Jahr 2016 mittlerweile aufgelöst worden. Hat sich damit der Fokus der öffentlichen Wahrnehmung verschoben?

Keineswegs, das Problem besteht fort: Es sind noch immer rund 300 Flüchtlinge auf Nauru (kleiner Inselstaat im Pazifik, jW), darunter zehn Frauen. Zudem sind wohl bis zu 300 Menschen in Papua-Neuguinea untergebracht, wenn auch zumeist nicht mehr auf Manus, sondern nunmehr vorrangig in der Hauptstadt Port Moresby.

Sie kennen die Zustände aus eigenem Erleben. Können Sie die beschreiben?

Auf der Insel Manus war ich zuletzt vor zwei Jahren als Freiwillige in einem medizinischen Team. Viele der dort Festgehaltenen leiden unter schweren Depressionen. Es gibt Menschen, die sich ritzen, und Menschen, die versuchen, sich das Leben zu nehmen. Die medizinische Versorgung ist mangelhaft. Ich habe selbst einige Dinge wie ­Stethoskope mit ins Lager schmuggeln können. Und gerade wegen der gesundheitlichen Probleme vieler Flüchtlinge gibt es auch die Initiative »grüner« und unabhängiger Senatoren, sie mit einem speziellen Programm zur Behandlung nach Australien zu holen.

Einer Ihrer Mitstreiter verweist besonders auf die »Bomana 53«. Wer ist damit gemeint?

Das sind jene, die in Port Moresby in einer Haftanstalt (»Bomana Immigration Centre«, jW) einsitzen, die an das Hochsicherheitsgefängnis »Bomana« angeschlossen ist. Sie haben dort keinen Zugang zu Anwälten oder Ärzten und kein Telefon. 53 Menschen, die laut den Behörden keinen Anspruch auf Asyl haben, werden in Isolationshaft gehalten. Viele davon sind Kurden, aber es sind auch Bangladeschis und andere darunter.

Wie reagiert der australische Staat auf Ihren Protest?

Es hat schon 60 Verhaftungen gegeben. Auch meine Freunde und Bekannten sind besorgt um mich. Aber bisher hat es mich nicht getroffen.

Sie kritisieren die Doppelzüngigkeit der Politik. Was genau meinen Sie damit?

Australien hat beispielsweise Waffen an Sri Lanka verkauft. Unter den Flüchtlingen, die ich in Papua-Neuguinea getroffen habe, war unter anderem eine Tamilin, die vor der Verfolgung ihrer Volksgruppe geflohen ist. Ebenfalls seit Jahren sitzt dort der kurdisch-iranische Journalist Behrouz Boochani fest (der in den zurückliegenden Monaten für den Roman über seine Flucht- und Internierungserlebnisse mehrere hochdotierte australische Literaturpreise gewonnen hat, jW).

Ein anderer Punkt, auf den Sie hinweisen, sind die Kosten.

Das Abschottungsregime hat allein während der letzten sechs Jahre schätzungsweise über 20 Milliarden Australische Dollar (gut 12 Milliarden Euro, jW) gekostet – finanziert vom Steuerzahler. Allein der Bau des »Bomana Immigration Centre« kostete erwiesenermaßen 22 Millionen Australische Dollar. Der ganze Bereich ist privatisiert, weil sich die Regierung nicht die Hände schmutzig machen will. Transport, Bewachung, Unterbringung, Versorgung – das ist alles privat, alles »Big Business«, mit großen Profiten für die Auftragnehmer. Dabei wechseln zwar manchmal die Namen, aber die Unternehmen bleiben letztlich die gleichen.

Helen L. Fox gehört zu den Initiatoren der Aktionsgruppe »Keep Up the Pressure«

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