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Aus: Ausgabe vom 17.10.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Literaturnobelpreis

Bekenntnis zum Imperium

Der deutsche PEN assistiert dem PEN America bei der Diffamierung des Nobelpreisträgers Peter Handke
Von Otto Köhler, PEN
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»Nicht allein mit dieser Erschütterung« – Betriebsschriftsteller Stanisic am Montag bei der Verleihung des deutschen Buchpreises

Viele Schriftsteller und Intellektuelle sind, das weiß die Süddeutsche Zeitung, »entsetzt über den Literaturnobelpreis für Peter Handke«. Beim deutschen Zweig der internationalen Schriftstellervereinigung PEN war solche Aufgeregtheit auf Unverständnis gestoßen. »Mit Bestürzung«, erklärte der deutsche PEN, »registrieren wir das Niveau und den Verlauf der öffentlichen Diskussion« um den Preis für Peter Handke. »Hier wird ein unwürdiges Schauspiel geboten«, stellte die Autorenvereinigung fest. »Politiker gebärdeten sich als Literaturkritiker, ohne die strittigen Texte überhaupt zu kennen.« Auf einem »Minimum an Sachkenntnis« sollte jedermann bestehen. »Eine auf Skandale versessene Boulevardpresse«, so fuhr der deutsche PEN fort, »schürt die Erregung über einen Schriftsteller, nur weil er auf dem demokratischen Recht einer abweichenden Meinung besteht.« Gerade über die gesammelten Serbien-Texte Handkes und ihre Befremdlichkeiten sei »eine genaue Diskussion erforderlich«.

Doch die ist jetzt überflüssig. »We champion the freedom of write«, erklärt der PEN der USA. Und darum ist jetzt dem PEN America, wie sich der US-PEN imperial nennt, der Kragen geplatzt: »We are dumbfounded«, wir sind entsetzt, tönt es aus New York, dumbfounded »über die Wahl eines Schriftstellers, der mit seiner öffentlichen Stimme die historische Wahrheit untergraben und den Tätern des Völkermords wie dem ehemaligen serbischen Präsidenten Slobodan Milosevic und dem bosnischen Serbenführer Radovan Karadzic öffentliche Unterstützung gewährt hat«. PEN America lehnt »die Entscheidung ab, dass ein Schriftsteller, der hartnäckig gründlich dokumentierte Kriegsverbrechen in Frage gestellt hat, es verdient, für seinen ›sprachlichen Einfallsreichtum‹ gefeiert zu werden«. Und: »Wir bedauern die Entscheidung des Nobelkomitees für Literatur sehr.«

Die Erklärung der US-Champions des freien Worts ließ schleunigst die Schuppen von den Augen der Präsidiumsmitglieder des deutschen PEN fallen. Sie erkannten sofort, dass die oben zitierten PEN-Worte total überholt sind. Sie stammen aus dem Jahr 2006, wurden vom damaligen PEN-Präsidium geprägt. Und galten den Düsseldorfer Ratsherren, die entgegen dem Beschluss der von ihnen einberufenen Jury Peter Handke den Heinrich-Heine-Preis nicht geben wollten. Unmittelbar nach der Damnatio aus New York begriff nun der deutsche PEN: »Mit Peter Handke wird ein Schriftsteller gewürdigt, der durch die Verbreitung falscher Informationen und die Leugnung historischer Wahrheiten schreckliche Gewaltverbrechen in Frage gestellt hat.« Und: »In einem Zeitalter des zunehmenden Nationalismus, der autokratischen Führung und der weitverbreiteten Desinformation auf der ganzen Welt bedauern wir ebenso wie PEN America die Entscheidung des Nobelkomitees für Literatur.«

Ebenso wie PEN America. Der deutsche PEN hat sein Bekenntnis zum Imperium erneuert. Wie auch die breite demokratische Öffentlichkeit, verkörpert durch Wolfgang Ischinger, den langjährigen Chef der Münchner »Sicherheitskonferenz«: »Deutschland hat gegen den von Handke geehrten Milosevic 1999 Krieg geführt, mit sehr guter humanitärer Begründung. Und jetzt ehren wir den Apologeten des Diktators mir nichts, dir nichts?«

Ja, damals, unter den Kriegsherren Gerhard Schröder und Joseph Fischer. Damals, der Endsieg über Jugoslawien war gerade errungen, da stellten der soeben abgetretene PEN-Präsident Christoph Hein und ich auf der Mitgliederversammlung in Nürnberg den Antrag: »Ein Jahr nach dem dritten deutschen Krieg im 20. Jahrhundert bedauert die Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland, dass Schriftsteller dazu bereit waren, sich hinter die Friedenspolitik der deutschen Bundesregierung zu stellen, die eine Politik des Krieges war.« Wir erinnerten: »Schon im Ersten Weltkrieg haben berühmte deutsche Schriftsteller und Professoren sich in gemeinsamen Erklärungen und Aufrufen hinter ihre Regierung gestellt und die deutsche Propaganda unterstützt.« Und wir warnten »vor Fortsetzung in einer Zeit, in der die Bundeswehr als Krisenreaktionsstreitmacht fähig gemacht werden soll, jederzeit und an jedem Punkt der Welt militärisch einzugreifen«.

Wir verwiesen darauf, dass der »serbische Hufeisenplan« zur Vertreibung aller Kosovo-Albaner, mit dem Verteidigungsminister Rudolf Scharping die Bombardierung Jugoslawiens rechtfertigte, eine Erfindung eben dieses Ministeriums war, ebenso erdichtet wie das »Massaker von Racak« und das von Scharping in Pristina lozierte »serbische KZ«. Und wir forderten »Misstrauen gegenüber allen deutschen Regierungen, die sich so leichtfertig wie das gegenwärtige Kabinett zu kriegerischen Einsätzen bereit finden«.

Johano Strasser, damals PEN-Generalsekretär und Mitglied der SPD-Grundwertekommission, servierte unseren Antrag ab: In zehn Minuten müsse das gemeinsame Mittagessen pünktlich eingenommen werden. Was im Antrag stehe, stellte Versammlungsleiter Strasser fest, sei falsch. Den »Hufeisenplan« etwa habe es doch gegeben. Sein Freund Scharping (später bestritt er die Bezeichnung »Freund«) habe ihm das ausdrücklich versichert. Und jetzt schnell abstimmen, sonst wird das Essen kalt. 78 Mitglieder stimmten gegen den Antrag, ganze neun stimmten zu. Und Strasser konnte ungesäumt nach Moskau fliegen, um auf dem dortigen PEN-Kongress den Friedenskampf der Tschetschenen gegen Putin zu unterstützen.

Kurz darauf hatte der deutsche Generalsekretär auf der Tagung des Internationalen PEN Grund zur Freude: »Im russischen PEN ist es mittlerweile ziemlich eindeutig. Sie haben dort mehrheitlich eine Erklärung abgegeben, die in dieser Frage ganz klar ist, die von einer humanitären Katastrophe und den Einschränkungen der Pressefreiheit spricht und die sich eindeutig, auch in einem Brief an Putin, dafür erklärt, diesen Krieg einzustellen.« Gemeint war der Krieg gegen die tschetschenischen Terroristen.

Dass der russische PEN-Klub kein Geld von der Regierung bekomme, betonte Strasser damals, sei »in dieser Situation eher ein Vorteil«. Die Finanzierung des Moskauer PEN-Kongresses habe trotzdem keine Sorgen bereitet, denn, so der deutsche Generalsekretär: »Die Ford Foundation (benannt nach Henry Ford, dem bedeutenden Antisemiten und Freund Adolf Hitlers, d. A.) hat mitfinanziert, so dass auch von der Finanzierungsseite her Unabhängigkeit garantiert ist.«

Da lacht der Literaturbetrieb! Der an ihn überangepasste Sasa Stanisic bedankte sich am Montag, so grinsend, für den Deutschen Buchpreis, indem er seinen Kollegen Peter Handke der »Lüge« über die Zerbombung Jugoslawiens zieh. Dass einer, dem jedes Verständnis für NATO-Angriffskriege abgehe, nun den Nobelpreis erhalten solle, habe ihn »erschüttert«, offenbarte der Belletristikverkäufer unter Applaus: »Ich stehe nicht allein mit dieser Erschütterung da, und das freut mich auch.« Handke geht sprachmächtiger zu Werke und ungleich skrupulöser. Man muss ihm nicht kommen mit Betriebsnudeln vom Schlage Stanisic, wie er am Mittwoch auch einem Pulk Journalisten beschied: »Ich komme von Homer, ich komme von Cervantes, lasst mich in Frieden, und stellt mir nicht solche Fragen.« (jW)

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. (17. Oktober 2019 um 14:32 Uhr)
    Na, da fehlt doch noch ein bisschen mehr Hintergrund: Die Grünen haben den Ex-PEN-Präsidenten Heinrich Böll für ihre Stiftung »vereinnahmt«. Der Grüne Krieg-gegen-Serbien-Außenminister Fischer hatte auch noch zusätzlich Adorno zentral zur Begründung herangezogen. »Nie wieder Auschwitz« (die »erfolgreiche« Kampagne gegen freilaufende Tiger Mullah Nasruddins ... lässt aus der narrativen Goethe-Vorbildkultur der Sufigeschichten grüßen – im Jugoslawien-Krieg waren sogar Mohammedaner verdutzt »statt« Juden (z. B. Bosnien) dabei!

    Der echte Adorno-Intimus Habermas, Literaturprofessor Walter Jens war auch dabei, hat in den von ihm mit herausgegebenen Blättern für deutsche und internationale Politik damals ganze Serien von Artikeln zur Unhaltbarkeit von Begründungen der NATO-Angriffskriege gegen Jugoslawien veröffentlichen lassen, unter anderem vom US-Linguistik-Professor Noam Chomsky.

    Böll selbst hatte entschieden an der Friedensbewegung gegen Helmut Schmidt teilgenommen, auch gegen die Zensurgesetze protestiert, und würde wohl leibhaftig der Grünen-Stiftung die Vereinnahmung seines Namens verbieten .

    Es muss also unbedingt das bildungsbürgerliche moralische Image der »grünen« Außenpolitik gewahrt werden. Zudem ist Fischer seit langem bei der Ex-US-Außenministerin Albright angestellt. Daher wohl der schnelle Draht nach USA zum US-PEN.

    Die Beschäftigung bei fremden Staaten oder in der Privatwirtschaft von Bundesministern und Verfassungsschutzpräsidenten ist an sich »Landesverrat«, und die Pensionen im Falle von Rücktritten sind eigentlich deshalb so großzügig bemessen, um das auszuschließen!

    Ob der Ukraine-Krieg trotz – nein: wegen! – der Anstellung Schröders beim russischen Gasprom-Konzern zustande kam mit dubiosester Fremdzuschreibungsbegründung?

    Schröder, Fischer konnten ihre Wiederwahl nur durch Abstinenz im Irak-Krieg sichern!

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • I. Wolle: Wider das Vergessen (…) Am 24. März 2016 – zehn Jahre nach Milosevics Tod – stellte der Internationale Strafgerichtshof in Den Haag fest, es habe nicht genügend Beweise für Völkermord (oder) schwere Kriegsverbrechen (…) ...
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