Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 15.10.2019, Seite 8 / Inland
»Knast-Vlog«

»Ich will zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind«

Einblicke in den Knastalltag: Inhaftierter betreibt Videoblog und kritisiert mangelnde Resozialisierung. Ein Gespräch mit Tomekk*
Interview: Christof Mackinger
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Blick durch ein vergittertes Fenster in der Justizvollzugsanstalt Heidering (19.5.2016)

Seit sieben Jahren sitzen Sie im Gefängnis und haben aktuell noch drei Jahre Haft vor sich. Wie lebt es sich in Deutschland hinter Gittern?

Man findet einen Weg damit klar zu kommen. Aber viele gehen auch daran zugrunde, durch Drogen oder wegen psychischer Probleme. Meine momentane persönliche Lage ist nicht gut. Die JVA Heidering (gehört zum Land Berlin, liegt aber in Brandenburg, jW), wo ich derzeit bin, ist eine vollzugstechnische Katastrophe. Die Unterbesetzung beim Gefängnispersonal führt zu einer angespannten Atmosphäre bei den Inhaftierten und den Beamten. Die Aufschlusszeiten wurden hier schon vor Monaten eingeschränkt und werden aktuell wegen Personalmangel weiter zusammengestrichen. Das bedeutet für uns oft nur zwei bis drei Stunden außerhalb der Zelle und damit einundzwanzig Stunden Einschluss am Tag.

Wen trifft man hinter Gittern?

Es ist wie eine Gesellschaft im Kleinen. Es gibt hier den Manager und den armen Schlucker, den aus dem Affekt heraus handelnden Mörder und den Berufsverbrecher. Wer sozial schlechter gestellt ist, wird mit höherer Wahrscheinlichkeit im Knast landen. Rund 90 Prozent der Inhaftierten sind arm.

Sie sind durch Ihren »Knast-Vlog« bekannt geworden: einen Videoblog, den Sie trotz Internet- und Handyverbot betreiben, anfangs noch aus der JVA Berlin-Tegel heraus. Was ist Ihre Motivation dafür?

Der »Knast-Vlog« ist für mich ein soziales Experiment. Mein größtes Ziel ist es, mir aus der Haft heraus etwas aufzubauen. Wenn ich nach zehn Jahren rauskomme, will ich nicht komplett bei Null anfangen. Als sehr politischer und sozialer Mensch will ich meine Reichweite nutzen. Eventuell kann man damit ja ein paar Verbesserungen im Vollzug herbeiführen.

In Ihren Berichten sprechen Sie immer wieder über die mangelhafte Resozialisierung im Gefängnis. Was meinen Sie damit?

Resozialisierung ist zu einer leeren Floskel verkommen, sie findet hier nicht statt. Wir haben eine Straftat begangen, wurden eingesperrt und verbüßen unsere Strafe, okay. Warum aber kommt der Staat seiner Pflicht nicht nach, uns zu resozialisieren?

Das lässt sich anschaulich am Beispiel Digitalisierung zeigen. Alle regen sich über illegale Handys im Knast auf. Dabei ist die gesamte Gesellschaft digitalisiert. Nach zehn Jahren im Knast ohne Internet bist du wirklich arm dran. Mit Resozialisierung hat das nichts zu tun. Das ist gesellschaftlicher Selbstmord.

Mit der Nutzung von Handy und Internet verstoßen Sie gegen die Regeln. Wie geht die Gefängnisleitung damit um?

Die Verwaltung sieht es nicht gerne, wenn ungefiltert Informationen aus dem Vollzug heraus gesendet werden. Man hat mir das Leben schwer gemacht: Haftraumkontrollen, Verlegungen, als einziger muss ich Anstaltskleidung tragen, Kontrollen mit komplettem Entkleiden, mein Gebetsgewand wurde mir abgenommen, Einschluss und so weiter – die Politik der kleinen Nadelstiche. Mittlerweile habe ich einen Weg gefunden, mit den Schikanen umzugehen. Ich lasse mich nicht aufhalten.

Mit 100.000 Abonnenten ist Ihr »Knast-Vlog« recht erfolgreich. Was können Leute von Ihnen, der offensichtlich etwas falsch gemacht hat, lernen?

Ich will mich gar nicht zum Oberlehrer oder zum Vorbild aufschwingen. Ich will meinen Fall darstellen, weil ich glaube, dass er viele Schnittmengen zu anderen Menschen bietet. Ich bekomme immer wieder Zuschriften von Leuten, die von meinen Videos abgeschreckt wurden. Etwa von Menschen, die vorher Gras verkauft haben und die mir dann schreiben, sie hätten jetzt eine Ausbildung angefangen. »Ich feier’ dein Projekt, aber ich will nicht enden wie du.« Wenn ich so etwas lese, dann geht mir das Herz auf.

In der Gesellschaft herrscht das Bild vor, jeder Knacki sei ein Monster. Ich will zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind. Wenn das Projekt einen gewissen Mehrwert für die Gesellschaft hat, wenn es nur einer Person hilft, dann macht mich das glücklich.

Tomekk (* Pseudonym) sitzt derzeit seine Haftstrafe wegen Raubüberfalls in der JVA Heidering in Brandenburg ab. Seit Juli 2018 betreibt er unter dem Titel »Knast-Vlog« auf Youtube einen regelmäßigen Videoblog.

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