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Aus: Ausgabe vom 12.10.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Eins durch zwei

Wahrheit als Geschichte der Zukunft: Sehen (und fühlen) lernen mit Science-Fiction
Von Dietmar Dath
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Der vorliegende Text ist ein Kapitel aus Dietmar Daths Buch »Niegeschichte. Science-Fiction als Kunst- und Denkmaschine«, das dieser Tage bei Matthes & Seitz erscheint. Es ist das fast 1.000seitige Produkt einer zehnjährigen ästhetischen Begriffsarbeit, eine große materialistische Genre­geschichte. Wir danken Autor und Verlag für die freundliche Genehmigung zum Vorabdruck. (jW)

Science-Fiction ist ein Genre.

Über Genres insgesamt hat Peter Hacks im »Versuch über das Libretto« (1973) das Entscheidende gesagt:

»Das Genre ist eine Mischung aus Bewilligung und Verbot. Es ermöglicht, eine bislang ungekannte Art von Kunst zu machen, indem es sofort festlegt, was alles innerhalb derselben nicht statthaft sei; diese beschränkende Seite ist natürlich die minder beliebte. Aber wenn wahr ist, dass Kunst eine Weise ist, uns und die Welt zu verstehen, und wenn fernerhin stimmt, dass Kunst sich nicht anders als unter bestimmten technischen und soziologischen Bedingungen verwirklichen kann, dann folgt doch nicht weniger als dies: Jedes Genre ist so, wie es immer aussieht, ein seiner Fähigkeit nach einmaliges Werkzeug der künstlerischen Erkenntnis.«

Über die Kunstanschauung hinter solchen Feststellungen herrscht Verwirrung. Einzelfestlegungen wie die zitierte Genrebestimmung werden oft nicht als Momente einer größeren Systemarchitektur erkannt, und da es bei Hegel und seiner Schule zum Begriff gehört, dass er sich durch Widersprüche hindurch entwickelt, wird beiden mitunter vorgeworfen, sie stellten die Kunst mal als Erkenntnisinstrument, mal als ein Ding eher praktischer Natur dar (letzteres etwa da, wo man in der Hegel-Nachfolge von der Spielfunktion der Kunst spricht). Man sucht also bei der Hegel-Schule nach der Unbedingtheit von Möglichkeitsbedingungen, die Kant in seinen Kritiken verspricht (darunter auch in der für die Kunst zuständigen »Kritik der Urteilskraft«). Hegels Schritt über Kant hinaus besteht aber gerade darin, dass er in die vom Älteren begründete kritische Ästhetik neue Differenzkritierien solcher Möglichkeitsbedingungen eingeführt hat: Es gibt bei Hegel nicht allein Bezeichnungen einerseits und Unterscheidungen zwischen Bezeichnungen andererseits, sondern zusätzlich eine »Einheit der Differenz von Unterscheidung und Bezeichnung« (Niklas Luhmann), die vor allem die notwendigen mit den hinreichenden Möglichkeitsbedingungen vermittelt.

Für Kunst heißt dies: Das Kunstwerk muss zwar einen Inhalt haben, aber ohne Form (zum Beispiel Genreform) kann es den weder tragen noch vorführen, hat ihn dann mithin gar nicht. Wie gewinnt Kunst unterm Formzwang Erkenntnis so, dass sie nicht nur allgemein dem Formanspruch, sondern spezifischer dem Anspruch der Genregerechtigkeit entspricht?

Auch das hat Hacks behandelt, erfreulicherweise sogar in einem Zusammenhang, der zum Erkenntnisinteresse von »Niegeschichte« passt. Der betreffende Erzähltext spielt im alten Babylon und stellt den Ich-Erzähler als eine Art Teletemporarier vor: »Ekbal, oder: eine Theaterreise nach Babylon« birgt eine Stelle, die dem letzten, im engsten Verständnis theoretischen Teil von »Niegeschichte« als Motto dienen könnte; Hacks lässt darin seine alten Babylonier übers Theater reden, das Gesagte gilt aber für alle Zugänge zu allen Genres:

»Der Wunsch zu wissen ist schon mehr als das halbe Wissen. Es geschieht selten, dass wir erkennen: einer ist böse, und ihn dann hassen, oder: er ist gut, und ihn dann lieben. Für gewöhnlich hassen wir einen und erkennen daher, dass er böse ist, oder erkennen, weil wir ihn lieben, seine Verdienste. Es verhält sich auch nicht so, dass wir einen Weg finden, unsere Lage zu verbessern, und es dann tun, sondern die Begierde, unsere Lage zu verbessern, treibt uns auf die Suche nach einem solchen Weg. Das Theater nun lehrt uns wissen, indem es uns die Gefühle aufregt, die wir hätten, wenn wir wüssten. Mit diesen Gefühlen versehen, werden wir die Welt mit mehr Aufmerksamkeit betrachten, und unsere Einsichten, falls wir sie erlangen, werden in diesen Gefühlen haften oder Wurzeln schlagen, denn dass ein Gedanke bloß gedacht ist, heißt nicht, dass man ihn auch hat. Das Theater zeigt wenig genau, wie die Welt ist, aber es zeigt überaus genau, was von der Welt zu halten ist.«

Erkenntnis durch Kunst bedeutet Erkenntnis des Erkenntnisvermögens qua Empfindung, die dem Empfundenen den Charakter des Erkannten verleiht und ihn daran enthüllt – mit Hegel persönlich:

»Den Endzweck (der Kunst) erkennen wir aus dem, was bewirkt wird, in den Formen liegt der Unterschied, der Inhalt bleibt derselbe. Wir können erfahren, dass die Kunst dem Gefühle oder dem Gemüte das überhaupt näherbringt, was im Geiste Hohes und Wahres oder Wesentliches liegt, (und) dass durch die Darstellung der Kunst alles in uns zur Empfindung und Erfahrung gebracht wird. Die Kunst ergänzt stets die Erfahrungen unseres wirklichen Lebens, und durch diese Erregungen werden wir zugleich fähiger gemacht, in besonderen Zuständen und Situationen (gründlicher, tiefer zu empfinden,) oder (werden fähiger gemacht), dass (die äußerlichen Umstände) diese Empfindungen erregen, was erst durch diese Vermittlungen in der Kunstanschauung möglich geworden ist.«

Das ist von der Seite der Rezeption her gedacht. Komplementär dazu, von der Seite der Produktion her, sagt Hacks in einem Brief an den Kollegen Rudi Strahl aus Anlass einiger ästhetischer Bemerkungen des Schriftstellers Gerhard Branstner, der unter anderem auch Science-Fiction geschrieben hat:

»Branstner vernachlässigt mir zu sehr die Erkenntnisfunktion der Kunst. Er steht da ganz in der Tradition Schillers, der aus Ärger über die Aufklärung sehr ausschließlich die Spielfunktion betonte. Aber Kunst ist Erkennen-Spielen.«

Dieses »Erkennen-Spielen« produziert seine »Erregungen«, also dass wir uns dabei fühlen, »als ob wir wüssten« (Hacks), für die verschiedenen Genres je verschieden: Der psychologische Roman erregt uns, als ob wir wüssten, was in den Leuten vorgeht. Der historische Roman erregt uns, als ob wir den abstrakten Begriff des Schicksals in der Besonderheit erzählter Lebensläufe fassen könnten. Der humoristische Roman weckt in uns das Gefühl, wir wüssten, wie wir den Unterschied zwischen Erwartung und Ergebnis von der höchstmöglichen, vom Humor suggerierten Warte aus betrachten könnten; jenen Unterschied, der die viel beredete »Fallhöhe« (Robert Gernhardt) des Komischen ausmacht und für die spontane psychische Aufwandsersparnis sorgt, die sich im Lachen entlädt.

Die drei genannten Genres im Romanspektrum sind in der Tradition der Hegel-Schule breit behandelt worden. Die Frage nach dem Als-ob-wir-Wüssten der Science-Fiction dagegen wird selten mit Blick auf die Genreform, sondern fast immer als stoffliche gestellt.

»Niegeschichte« schlägt vor, den Namen »Science-Fiction« als Formhinweis ernst zu nehmen und diesen Namen als ein Hendiadyoin zu lesen.

Dieses Wort bedeutet »eins durch zwei« und ist in der Rhetorik eine Redefigur, die einen Gedanken erst verdoppelt (oder anders iterativ variiert) und dann die beiden Teilbegriffe zu einem neuen, synthetischen Begriff koppelt. Beispiele dafür sind Wendungen wie »Recht und Ordnung«, »Aid and comfort« und ähnliches. Damit ein Hendiadyoin gegeben ist, muss keineswegs ein Quasipleonasmus oder eine Kopplung mit »und« vorliegen. Oft erlaubt die schlüssige Interpretation einer solchen zweiseitigen Wendung, das in ihr verwirklichte Hendiadyoin als Ergänzung eines Allgemeinen um ein Besonderes zu verstehen – bei »Recht und Ordnung« zum Beispiel darf man sich denken, dass das Recht eine (besondere, von einem Staatswesen garantierte, von einer Polizei bewachte, von einer Regierung beschlossene, von Gerichten ausgelegte) Sorte der Ordnung ist.

Man könnte mich nun so verstehen, ich wollte, wenn ich »Science-Fiction« als Hendiadyoin lese, damit nahelegen, »Science« sei eine Sorte »Fiction«. Das hieße dann, die seit Galilei und Newton etablierte moderne Forschung als Erzählzusammenhang zu begreifen. Der Gedanke wäre weder neu noch originell. Ich halte seine Geltung auch keineswegs für so gesichert wie zahlreiche Autorinnen und Autoren, die ihn artikuliert und mehr oder weniger schlüssig begründet haben. In den rund zweihundert Jahren Kulturgeschichte zwischen 1815 und 2015, die der historische Teil von »Niegeschichte« näher betrachtet, hat sich in humanwissenschaftlich unterrichteten Kreisen eine Auffassung von »Science« herausgebildet, die mit den von der Aufklärung erhobenen Wahrheitsansprüchen an die wissenschaftliche Methode ins Gericht geht. Schöngeister sind nicht die einzigen, die ihr folgen: Der Mathematiker und Physiker Henry Poincaré vertritt sie in seiner weit über die Fachwelt hinaus beachteten Studie »La Valeur de la science« (1905), wie sie sein Physikerkollege Ernst Mach in »Die Analyse der Empfindungen und das Verhältnis des Physischen zum Psychischen« (1886) vertreten hatte, nämlich als den bereits bei Kant voll ausgeformten Einfall, dass die Grundlagen jener exakten wissenschaftlichen Arbeitsweise, systematische Beobachtung und Gegenprobe und ihre Verknüpfung mit logischen Schlussweisen, ihre Grenzen an der Verlässlichkeit und am Wahrheitswert der Beobachtungen haben.

Die sind tatsächlich anfällig für Täuschungen und Fehler, weil unser Wahrnehmungsapparat kein transzendental mit allen überhaupt möglichen Reizauslösern abgestimmtes Wunder ist, sondern unvollkommen und endlich, Ergebnis einer Entwicklung, nie fertig. Den Sprung von den fehlbaren Wahrnehmungen zur logischen Auswertung ihrer Daten hatte Kants Geistesverwandter David Hume daher zur »Entscheidung« erklärt, die man auch bleiben lassen könne. Derlei Zweifel an der Empirie schlechthin ist als Hauptstoßrichtung der durch Pyrrhon von Elis begründeten Denktradition der Skepsis bereits aus der Antike überliefert. In der Moderne haben Neoskeptiker wie Sir Karl Popper die Induktion, das heißt die wissenschaftsnotwendige Verallgemeinerung der Erfahrungsbefunde zu Gesetzen, breit problematisiert. Die Wissenschaftsgeschichtsschreibung nach Thomas Kuhn hat die Problematik überdies historisiert: Wissenschaftliche Theorien aus verschiedenen Abschnitten der Forschungsgeschichte seien, lehrt sie, wegen ihrer voneinander abweichenden erkenntnispraktischen Voraussetzungen inkommensurabel.

Die Physik, die im Zentrum von Kuhns Erwägungen steht, treibt seit der Relativitätstheorie und der Quantenmechanik Hermeneutik, das heißt, sie erstellt »Interpretationen« physikalischer Gleichungen, angefangen mit der instrumentalistischen Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik durch Heisenberg und Bohr. Der Aufwand dieser Hermeneutik ist seit dem ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts immer weiter gewachsen und hat den sogenannten radikalen Konstruktivismus der Erkenntnistheorie genährt, wie das auch systemische Überlegungen der (Meta-)Biologie und evolutionären Epistemologie getan haben. Gemeinsam ist ihnen allen die Zurückweisung realistischer Korrespondenztheorien der Wahrheit, deren Parteileute Sätze glauben wie: »Wahr sind Sätze oder Gleichungen, die den Welttatsachen entsprechen.«

Die Validitätsansprüche naturwissenschaftlicher Wahrheitenproduktion sind dieser Behauptung zuwider von vielerlei Theoriefiltern durchgemustert und zurückgewiesen worden: diskursanalytischen, dekonstruktiven, postkolonialen, feministischen und so fort.

Der bekennende »Erkenntnisanarchist« Paul Feyerabend hat schließlich noch das Letzte, was die exakten Naturwissenschaften für ihr unanfechtbares Proprium halten durften, nämlich ihre Methodologie, in seiner Brandschrift »Against Method. Outline of an Anarchistic Theory of Knowledge« (1975) für fadenscheinig bis nichtig erklärt.

Man kann, wenn man über »Science« und »Fiction« urteilen will, den Weg der Skepsis von Pyrrhon bis Feyerabend kaum für unerheblich halten. Skepsis hat das weltweite Denken in den zweihundert Jahren, in denen reifen durfte, was »Niegeschichte« untersuchen will, als Enttäuschungsrhetorik entscheidend mitgeprägt: »Was ihr Wissenschaftler für die Wahrheit ausgegeben habt«, sagt sie, »ist eure Erfindung, eure ganze Science ist nur eine spezifische Sorte Fiction!« Ich teile diese Enttäuschung nicht.

Wenn ich sage, der Name »Science-Fiction« sei als Hendiadyoin zu verstehen, spielt der Satz, der behauptet, Science sei eine Form von Fiction, keine Rolle, er mag stimmen, wo und wie er will. Was ich für wahr halte und belegen möchte, kehrt ihn um: Fiction ist eine besondere Sorte Science.

Bei der Science-Fiction hat sich diese Eigenschaft des Fiktiven in bedeutsamer Weise gegen andere Wesenszüge von Fiction durchgesetzt und so vielfältig realisiert, dass die Analyse des Phänomens eine Kulturgeschichte der Epoche öffnet, in der dies geschah.

Die Proposition, exakte Wissenschaft sensu Galilei und Newton könne Wahrheiten anbieten, auf deren Grundlage sich anders leben und anders denken lasse als in traditionellen, ideologisch vor allem religiös geprägten Gesellschaften, hat nicht durch Newton oder Galilei selbst Geschichte gemacht.

Dass die Religion und die Mythologie, der »waldursprüngliche Blödsinn« (Engels) und weltanschauliche Urväterhausrat, bestenfalls Illusion, schlimmstenfalls Betrug, die Wissenschaft aber auf Objektivität ihrer Verfahren und Reproduzierbarkeit ihrer Ergebnisse gegründet und daher das Licht der Welt seien, war polemische Parole französischer Materialisten, Enzyklopädisten, bald überhaupt der (nicht nur französischen) Aufklärer und schließlich der sozialepistemologisch militanten Fraktion des Bürgertums zu einer Zeit, da dieses Bürgertum sich vom Feudalismus zu emanzipieren suchte.

Die Polemik führte zu zahlreichen kontravarianten Wiederholungen theologischer Wissensbehauptungsgesten; man sah ihr sozusagen den Abdruck der Waffen des Feindes an, wenn sie Postulate aufstellte wie: »Die Religion hat heilige Schriften, wir haben die Enzyklopädie«, oder: »Die Religion behauptet, zu wissen, wie es war und wie es kommt, wir aber können das Verschwundene rekonstruieren und Vorhersagen des Kommenden treffen«, oder: »Die Religion reklamiert universelle Gültigkeit für ihre Lehren, wir können die universelle Gültigkeit unserer Gleichungen begründen.«

Das Vorhersagevermögen von Gleichungen, chemischen Reaktionsformeln und sonstigen Gesetzen war das wichtigste Aktivum der neuen Lehre. Noch bis in die Quantenmechanik und die Betrachtung kosmischer Zusammenhänge durch die Brille der Einsteinschen Geometrodynamik gilt als das entscheidende Gütesiegel wissenschaftlicher Theorie ihre jeweilige Eignung, den Ausgang messbarer Prozesse vorhersagen zu können – günstigstenfalls, so sagt man gern, »auf hundert Stellen hinterm Komma«.

In der tatsächlichen Wissenschaftspraxis hat sich allerdings während der fraglichen zweihundert Jahre eine Wandlung vollzogen, welche diejenigen, die noch immer mit Humeschen Einwänden gegen die Selbstgewissheit der Ableitung von Gesetzen aus Beobachtungen, also von notwendigen aus kontingenten Wahrheiten, argumentieren, oft gar nicht mitbekommen haben: Die exakte Wissenschaft musste sich nicht erst im Zuge der elektronischen Datenverarbeitung angewöhnen, ihre Propositionen immer seltener monokausal-mechanistisch-deterministisch zu bauen, sondern statt dessen überdeterminiert, verteilt und statistisch zu forschen, zu folgern und Vorhersagen zu formulieren.

Sie interessiert sich mittlerweile für das Wahrscheinliche, das Mögliche, das Konditionale (sit venia verbo: das Bedingte) viel mehr als für das Unwandelbare, Eherne, Ewige und wie die aus der theologischen und der philosophischen Sphäre herüberwehenden Begriffsschleier sonst heißen. In der statistischen Thermodynamik des neunzehnten Jahrhunderts war dieser Wandel noch ein Ereignis, das Forschergemüter aufwühlte. Mit der Quantenmechanik wurde er zur epistemischen Rahmenhandlung der Fundamentalwelterzählung der Physik. Das hieß und heißt nicht, was eine bald populäre Zweifel- und Erschütterungsliteratur der Welt gern weismachen wollte und was deren Erbengemeinschaft bis heute wähnt, nämlich dass die älteren Einsichten Galileis und Newtons abgetan wären.

Man hat bloß gelernt, sie als Grenzfälle mit je besonderer, recht genau bestimmbarer Wahrheitsreichweite zu verstehen, unter durchaus dialektischen Vorzeichen (der berühmte Umschlag von Quantität zu Qualität, der dem Antihegelianismus als verstiegene Spinnerei erscheint, ist beim Vergleich von Mikro- und Makrosystemen und der Untersuchung von Dekohärenzerscheinungen inzwischen physikalisches Alltagswissen).

Spätestens seit der Axiomatisierung der wichtigsten Wahrscheinlichkeitskalküle durch Andrej Nikolajewitsch Kolmogorow bewegt sich das Denken über Mögliches nicht mehr auf den subjektivistischen Planken, deren Zerbrechen undialektisches, mechanistisches Denken stets fürchtet. Die heutige computergestützte Forschung hat ältere Vorstöße in diese Bereiche auf breitester Front wiederentdeckt; die lange unterschätzte Vorarbeit des bedeutendsten aller Probabilisten, Thomas Bayes, der im achtzehnten Jahrhundert bereits Fragen des einundzwanzigsten formulierte und beantwortete, wird als »Bayesianismus« heute in die Grundlagen der verschiedensten exakten Disziplinen integriert. Science-Fiction unterhält zu dieser Entwicklung eine komplizierte Beziehung, die teils durch Anziehung, teils durch Abstoßung bestimmt ist.

Das Mögliche, das Wahrscheinliche: Hier gehört der Satz von Hacks über die Aufgabe der Kunst hin, in uns die Gefühle aufzuregen, »die wir hätten, wenn wir wüssten«. Das Wort »wüssten« steht nicht zufällig im Konjunktiv.

Die These, dass die Wortkopplung »Sci ence-Fiction« ein Hendiadyoin ist, das davon spricht, in welchem Sinne Fiction eine Form von Science ist, vollzieht die Naturalisierung von Hegels Auffassung über den Erkenntniswert der Kunst.

Dietmar Dath ist Kommunist, 1970 geboren und schreibt Science-Fiction. Gerade hat er den Roman »Neptunation« (S.Fischer) veröffentlicht. Zuletzt erschien an dieser Stelle in der Ausgabe vom 3./4. November 2018: »Eine sehr große Ausnahme. Wie man ins Lenkrad greift. Über die kommunistische Konsequenz Rosa Luxemburgs«.

Dietmar Dath: Nie­geschichte. Scien ce-Fic tion als Kunst- und Denkmaschine. Matthes & Seitz, Berlin 2019, 942 Seiten, 30 Euro

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