Gegründet 1947 Donnerstag, 14. November 2019, Nr. 265
Die junge Welt wird von 2220 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 12.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Revue

Rosenkranz der Melancholie

Die Revue »Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt« von René Pollesch im Friedrichstadtpalast Berlin
Von Maximilian Schäffer
FSP_PR_Glauben_Foto_William_Minke_1_print.jpg
»To die by your side is such a heavenly way to die!« Fabian Hinrichs (M.) und die ganze beschissene Einsamkeit

»Take me out tonight / Because I want to see people and I / Want to see life / Driving in your car / Oh, please don’t drop me home / Because it’s not my home, it’s their / Home, and I’m welcome no more«

(»There is a Light That Never Goes Out« – The Smiths)

Im Friedrichstadtpalast, dem Hort des Kitsches und der programmatisch guten Laune, arbeitet sich René Pollesch an einem Text der britischen Popband The Smiths ab. Es geht um die chronische Einsamkeit in der postmodernen Gesellschaft, die längst zur chronischen Depression mutiert ist. »Enjoy the life!« – wünscht die Lautsprecherstimme im Saal, bevor 70 Minuten Traurigkeit zwischen belüfteten Kinosesseln und künstlichen Eiskristallskulpturen einziehen.

Es ist ein Solostück für Fabian Hinrichs, der im goldenen Glitzerspandex die riesige Bühne des fast 2.000 Besucher fassenden Revuetheaters vermisst. Verwendet hat man nicht nur allerlei soziologischen Text, unter anderem von Hans Ulrich Gumbrecht und David Riesman, sondern auch die funkelnden Kulissen, Laserprojektoren und die Tanzcompagnie des Palasts. Die darf ihre gewöhnlichen Formations- und Ausdruckschoreographien vorführen, die sonst bunte Spektakel wie die große Abendgala »Vivid« schmücken. Hinrichs hinkt hintendrein, betet den Rosenkranz der Melancholie, während die idealen Körper im idealen Freizeittempel um ihn herumschwirren. Genau so fühlt es sich an, wenn man mit En de 20 durch nächtliche, leere Einkaufspassagen geht, weil man nicht mehr als Clique, in den VW-Passat gezwängt, herumfährt – meint Pollesch, und so ist es. Wahrheiten stapeln sich im Sprachgewirr, Wahrheiten über Jugend, über die DDR und das dröge Dasein.

Weil so was eigentlich unaussprechlich ist, erst recht in der Postmoderne, muss ironisiert und gebrochen werden. Anekdoten aus kindlichen Biographien, wo Sechsjährige darüber nachdenken, sich den Kinderarm abzutrennen, reihen sich an Anekdoten zu Erich Honecker, der von Helmut Kohls Fett erdrückt wird, reihen sich an Anekdoten zu Wolf Biermann, der im Westen vorm Kauftempel steht und den Westen scheiße finden muss, reihen sich an Anekdoten über Randbezirkjugendliche auf dem Alexanderplatz, reihen sich an Anekdoten über 1.000 nackte Männer im Berghain. Denn um die ganze beschissene Einsamkeit des Schwulseins geht es natürlich auch bei René Pollesch, der bald neuer Intendant der Volksbühne sein wird.

Dort kann er dann Celine Dion spielen, und alle wissen, dass es doppelbödig gemeint ist. Im Friedrichstadtpalast ist Celine Dion nämlich vollkommen ernstgemeint, und Fabian Hinrichs, der dazu vorm Sternenhimmel kopfüber rotiert, nicht eingeladen. An diesem Abend aber ist alles anders, darauf weist auch die Webseite des Friedrichstadtpalasts hin: »›Glauben an die Möglichkeit der völligen Erneuerung der Welt‹ ist keine Revue/Grand Show im gewohnten Palast-Stil. (…) Während für Grand Shows des Hauses sonst eher keine Deutschkenntnisse erforderlich sind, sind sie hier von Bedeutung.« Man kann sich jetzt selbstverständlich fragen, wer da eigentlich hingehen soll. Feuilletonautoren, Kulturschwulen und kulturinteressierten Rentnern (davon gibt es in Berlin ziemlich viele) gefällt diese recht raffinierte Revue vom unangenehm ideologiefreien Raum natürlich recht gut. Vor allem, weil man billig saufen und fressen kann – billiger als in den staatlich vollsubventionierten Opernhäusern, wo die kleine Cola schon mal 4,50 Euro kostet – und zur Premiere sogar kostenlos. Morrissey, ehemals Sänger der The Smiths, singt weiter: »And if a double-decker bus / crashes into us / to die by your side is such a heavenly way to die!« Die Liebe also wieder mal: einzige Zuversicht, einziger Weg raus aus der Verwertungslogik einer Welt zwischen Markendiscounter und Lufthansa. Die ersten drei Vorstellungen sind ausverkauft. Zu Recht.

Nächste Vorstellungen: 23. Oktober, 6., 27. November, 11. Dezember

Regio:

Mehr aus: Feuilleton