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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 8 / Kapital & Arbeit
Arbeitskampf in Stahlindustrie

»Bis die Tinte unter dem Tarifvertrag trocken ist«

Seit 18 Wochen streiken Beschäftigte von Riva-Stahl. IG Metall kritisiert Blockadehaltung des Konzerns. Ein Gespräch mit Uwe Zabel
Interview: Susanne Knütter
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Ein Gewerkschafter bei einer Kundgebung nahe des Fähranlegers Teufelsbrück in Hamburg (2.2.2018)

Die Beschäftigten von Riva-Stahl in Trier und Horath befinden sich mittlerweile in der 18. Streikwoche. Wie ist der aktuelle Stand?

Die 130 Beschäftigten setzen den Streik der IG Metall für das Ziel der Tarifbindung unvermindert fort. Ihr Motto: »Keiner schiebt uns weg!«. Sie wollen nicht als einzige Beschäftigte des Riva-Konzerns in Europa ohne Schutz durch einen Tarifvertrag sein. Dabei erfahren sie breite internationale Solidarität.

Schlichtungsangebote seitens der IG Metall hat die Konzernführung bislang abgelehnt. Wie ist die Hartnäckigkeit von Riva zu erklären?

Die Frage können nur die Kapitalvertreter selbst beantworten. Management und Inhaber des Konzerns lehnen alle Vorschläge der IG Metall ab – auch den zur Unterbrechung des Streiks, um eine Schlichtungslösung für einen Tarifvertrag und eine Maßregelungsklausel zu finden. Unsere Antwort ist eindeutig: Der Streik wird fortgesetzt, bis die Tinte unter dem Tarifvertrag trocken ist. Der wirtschaftliche Schaden, den Riva bisher hatte – Experten sprechen von über 30 Millionen Euro –, scheint ihnen egal zu sein, die Durchsetzung ihrer Tarifflucht dafür um so wichtiger.

Beim Konzern Saarstahl sollen 1.500 Jobs gestrichen werden. Wie sicher sind die Arbeitsplätze für die Kollegen von Riva-Stahl?

Bei den Stahlarbeitern des Saarlandes ist die Situation eine andere. Die Beschäftigten in Trier und Horath fordern tarifgebundene und geschützte Jobs. Mit der Blockadehaltung schädigt sich Riva selbst. Der Konzern verkauft Stahl an die Tochterwerke in Trier und Horath, der dort weiter veredelt wird, und macht damit profitable Geschäfte. Wenn die Fachkräfte das Unternehmen verlassen, weil sie keinen Tarifvertrag erhalten, wird der Konzern dieses Geschäft nicht mehr machen können.

Wollen die Kollegen nach fast 18 Wochen Streik und angesichts der Ignoranz, die ihnen von der Konzernseite entgegengebracht wird, überhaupt noch für Riva arbeiten?

Klar. Der Streik hat die »Familie« von Trier und Horath zusammenwachsen lassen. Sie wollen aber nicht um jeden Preis weiterarbeiten, sondern nur wenn ihnen Anerkennung und Respekt zukommt – geschützt durch den IG-Metall-Tarifvertrag. Der Ball liegt im Spielfeld des deutschen Riva-Managements: Es kann entweder qualifizierte Fachkräfte verlieren oder gemeinsam mit guten Leuten gute Arbeit machen, von der auch die Kapitaleigner profitieren. Weil die Streikenden bleiben wollen, unternimmt die IG Metall aktuell einen weiteren Versuch, den Konflikt in Verhandlungen zu lösen.

Was brauchen die Streikenden für das weitere Durchhalten?

Sie brauchen jetzt und in allen kommenden Streikwochen praktische Solidarität in Wort und Tat. Protestnoten gegen das skandalöse Verhalten des Konzerns und Solidaritätserklärungen für die Streikenden können direkt an das Riva-Management per E-Mail gesandt werden. Die Streikenden freuen sich auch über weitere Solidaritätserklärungen und Spenden auf das Solikonto der »Katholischen Arbeitnehmerbewegung« in Trier.

Nach welchen Gesichtspunkten wird in der IG Metall entschieden, ob und wie lange ein Streik durchgeführt wird?

Das ergibt sich aus unserer Satzung. Der Vorstand der IG Metall entscheidet darüber nach intensiver Analyse der Situation und Diskussion.

Täuscht der Eindruck, oder wagt die IG Metall Erzwingungsstreiks nur in kleinen Betrieben?

Streik ist immer das letzte Mittel in Konflikten. Dabei steht stets das Erreichen des Ziels und nicht das eingesetzte Mittel im Vordergrund. Je nach Situation reichen manchmal schon die Androhung von Streiks oder Warnstreiks, manchmal müssen wir auch zu 24-Stunden-Warnstreiks oder zum Erzwingungsstreik greifen. Nach meiner Erfahrung setzt die IG Metall im Betrieb und in der Fläche immer das Mittel ein, das für die Durchsetzung der Ziele und für den Erfolg nötig ist. Ein langer Erzwingungsstreik, das lehrt uns die Geschichte der Arbeitskämpfe der IG Metall, ist nicht schon ein Kampferfolg.

Uwe Zabel ist Streikleiter der IG Metall beim Arbeitskampf der Beschäftigten von Riva Stahl in Trier und Horath (Rheinland-Pfalz)

Streikblog: igmetall-riva.de

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