Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 5 / Inland
Arbeitskampf

Gebäudereiniger in der Offensive

IG BAU weitet Aktionen gegen Ausbeuterkonzerne aus
Von Bernd Müller
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Die Beschäftigten beteiligen sich seit Dienstag an Streikaktionen (Flughafen Münster/Osnabrück, 8.10.2019)

Die Industriegewerkschaft Bauen, Agrar, Umwelt zeigt sich kämpferisch: Im Tarifstreit der Reinigungskräfte mit den Unternehmern kam es am Donnerstag an mehreren Standorten zu Streikaktionen. Betroffen waren unter anderem die Industriereinigung bei Volkswagen an den Standorten Wolfsburg und Baunatal, bei BMW in Dingolfing, bei Thyssen-Krupp in Duisburg sowie bei Bayer in Berlin. Grund sind die festgefahrenen Verhandlungen über einen Rahmentarifvertrag im Gebäudereinigerhandwerk.

Am VW-Standort Baunatal kam es vor dem Werkstor gegen sieben Uhr zu einer Kundgebung, sagte der Regionalleiter der IG BAU Klaus-Dieter Körner im Gespräch mit jW. Beteiligt hatten sich etwa 70 Reinigungskräfte. Diese sind bei »Tip-Top Dienstleistungen« mit Sitz in Zwickau und »ISS Facility Services« mit Sitz in Düsseldorf angestellt.

Nachdem der Branchenverband den Rahmentarifvertrag gekündigt hatte, sei den Beschäftigten ein deutlich schlechterer Arbeitsvertrag vorgelegt worden, monierte Körner. So sollen die Angestellten beispielsweise auf zehn Tage Urlaub verzichten. Sah der Tarifvertrag noch sechs Wochen Urlaub vor, wollten die Unternehmer nun nur noch vier gewähren. Manche Kollegen hätten den Vertrag unterschrieben, so Körner. Ob aus Unwissenheit oder Angst, das könne er nicht sagen. Für die meisten sei aber klar gewesen, dass sie kämpfen müssen. Solidarische Grüße der VW-Belegschaft übermittelte der IG-Metall-Vertrauenskörperleiter Thomas Freiberg. »Ihr leistet unverzichtbare Arbeit«, sagte er.

Auch die Mitarbeiter des Glas- und Gebäudereinigers »Lieblang«, die am Standort des Vitaminherstellers DSM im baden-württembergischen Grenzach arbeiten, traten in den Ausstand. Sie legten von sechs Uhr bis zum Nachmittag ihre Arbeit nieder. Andreas Harnack, ebenfalls Regionalleiter der IG BAU, berichtete jW, es sei dort eine ganze Schicht ausgefallen. In Karlsruhe hatten die Angestellten des Gebäudedienstleisters »Piepenbrock« am Vormittag am Standort von Siemens ihre Arbeit niedergelegt. Auch hier kam es zu Solidaritätsbekundungen, sagte Harnack. Der Betriebsrat von Siemens und die IG Metall hätten sich demonstrativ hinter die Streikenden gestellt.

Der Tarifkonflikt in der größten deutschen Handwerkssparte mit rund 650.000 Beschäftigten ist nach sechs Verhandlungsrunden festgefahren. Die IG BAU verlangt in den Gesprächen zum Rahmentarif unter anderem die Einführung eines Weihnachtsgelds, was die Unternehmer strikt ablehnen. Diese hatten den Vertrag gekündigt, weil sie unter anderem Teilzeitkräften keine Überstundenzuschläge zahlen wollen.

Am Dienstag hatte die Gewerkschaft den Branchenriesen Piepenbrock aus Osnabrück an den »Onlineprager« gestellt (siehe jW vom 9.10.). Ihm wird vorgeworfen, im gegenwärtig tariflosen Zustand mit neuen Verträgen die Arbeitsbedingungen drastisch zu verschlechtern. In diesem Zusammenhang sprach die Verhandlungsführerin der IG BAU, Ulrike Laux von einem »stillen Branchenangriff auf die Arbeitsverträge«. Reinigungskräfte würden »regelrecht über den Tisch gezogen«, bislang geltende Ansprüche zu Lohn und Urlaub gedrückt.

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