Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 11.10.2019, Seite 1 / Titel
Türkei Nordsyrien

Bomben auf Zivilisten

Türkei setzt Angriffskrieg im Norden Syriens fort. Massenflucht aus kurdisch kontrollierten Gebieten
Von Wiebke Diehl
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Eine von Akcakale auf der türkischen Seite der Grenze aus fotografierte Rauchsäule über dem syrischen Tel Abjad am Mittwoch

Die türkische Armee hat ihre am Mittwoch begonnene Militäroffensive mit dem zynischen Namen »Operation Friedensquelle« im Norden Syriens fortgesetzt. Weitere Bodentruppen drangen in das Nachbarland ein und erzielten erste Geländegewinne nahe der Stadt Tel Abjad. Ihr Ziel ist die Einrichtung einer türkisch kontrollierten »Sicherheitszone« auf syrischem Gebiet, verbunden mit der Bekämpfung kurdischer Milizen sowie der von ihnen dominierten »Syrischen Demokratischen Kräfte« (SDK). Zudem will Ankara dort in die Türkei geflüchtete Syrer ansiedeln. Der syrische Außenminister Walid Al-Muallem hatte bereits mehrfach erklärt, ein Austausch der im Norden Syriens ansässigen Bevölkerung stelle eine »ethnische Säuberung« dar und sei damit völkerrechtswidrig.

Bereits am ersten Tag der Luftschläge, die sich auf die kurdisch kontrollierten Ortschaften Ras Al-Ain, Ain Issa und Tel Abjad konzentrierten, wurden nach Angaben des türkischen Verteidigungsministeriums insgesamt 181 »militärische Ziele« angegriffen. 109 »Terroristen« seien inzwischen getötet worden – laut syrischen Quellen fielen den Luftschlägen dagegen mehrere Kinder zum Opfer. Mustafa Bali, Sprecher der SDK, erklärte am Donnerstag gegenüber der kurdischen Nachrichtenagentur ANF, die türkische Armee bombardiere ohne Rücksicht auf Zivilisten. Auch aus Kamischli, das teilweise unter Kontrolle der syrischen Armee steht, wurden Luftangriffe der türkischen Armee gemeldet. Zugleich nutzten IS-Schläferzellen in Rakka den Abzug kurdischer Kämpfer an die Front dazu, mehrere Anschläge zu verüben.

Die kurdische Führung musste derweil einräumen, dass sie der türkischen Armee militärisch unterlegen ist. Zwar verfügen die kurdischen Kämpfer über weit bessere Ortskenntnisse sowie ein in den letzten Jahren angelegtes Tunnelsystem und gelten als besonders opferbereit und erfahren. Mit etwa 40.000 Kämpfern stehen sie aber etwa doppelt so vielen türkischen Soldaten gegenüber, die über moderne Panzer und Kampfjets verfügen. Hinzu kommen etwa 14.000 mit der Türkei verbündete Milizionäre der »Freien Syrischen Armee« (FSA).

Aus den kurdisch kontrollierten Gebieten in Nordsyrien sind laut Menschenrechtsaktivisten bereits 60.000 Menschen geflüchtet. Sie fürchten das gleiche Schicksal wie die Menschen in Afrin, wo in Folge der Besetzung der Stadt durch Milizen der FSA und türkische Streitkräfte im Frühjahr 2018 Kulturgüter zerstört, Häuser konfisziert und die Bewohner vertrieben wurden. Die menschenrechtspolitische Sprecherin der Fraktion Die Linke, Zaklin Nastic, die sich gerade mit einer Delegation im irakischen Flüchtlingslager Machmur befindet, berichtete gegenüber junge Welt, auch die dortige Bevölkerung fürchte Angriffe der türkischen Armee. Solche hatte es in der Vergangenheit bereits mehrfach gegeben.

Währenddessen hat das US-Militär nach eigenen Angaben mehrere Dutzend besonders gefährliche IS-Kämpfer aus kurdischen Gefängnissen »übernommen«, da zweifelhaft sei, ob deren Kontrolle noch gewährleistet werden könne. Die Zahl aller Mitglieder der Dschihadistenmiliz und ihrer Familienangehörigen in kurdischer Gefangenschaft soll sich insgesamt auf bis zu 100.000 belaufen. Die Bundesregierung und andere EU-Mitgliedsstaaten haben sich bislang geweigert, ihre darunter befindlichen Staatsbürger zurückzunehmen.

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