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Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 12 / Thema
Kritik der Ideologiekritik

Being a Bat

Ideologiekritik am Abgrund. Zur Spaltung eines Milieus
Von Felix Bartels
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Ideologiekritiker sind wie Fledermäuse: Sie müssen immer jemanden anschreien, um zu wissen, wo sie stehen

Ich kann keine Karikaturen malen. Das mag daran liegen, dass ich überhaupt nicht malen kann. Könnte ich’s, brächte ich folgendes aufs Papier: Ein Mann hält vom Podium einer Pressekonferenz eine Phantomzeichnung in die Luft. Die Zeichnung zeigt ein Gesicht, das dem des Mannes aufs Haar gleicht. Darunter in Anführungszeichen: »Wir fahnden nach diesem Mann.« Die Karikatur könnte den Titel »Ideologiekritik« tragen, würde aber auch so, denke ich, nicht verstanden werden. Die Sache allerdings hätte einen Vorteil. Ich könnte jetzt aufhören.

Es geht um ein Milieu von vielleicht ein paar tausend Menschen. Ein Dorf also. Irgendwie kennt doch bald jeder jeden, der sich zwischen Hamburg, Wien, Berlin und Freiburg herumtreibt, wahlweise die Bahamas, Sans Phrase, Jungle World oder Konkret unterm Arm. Ein Milieu aber, das vorkommt und wiegt. Die letzten Tanzschritte haben das Parkett zerrissen, die Spaltung in Rechts- und Linksantideutsche ist vollzogen. Das rechte Lager, das sich vor allem im Umfeld der Bahamas zusammenmobbt, scheint auf Abwegen. Wo einst Verhaltensmuster und Denkarten der linken Bewegung auf Ressentiments hin geprüft wurden, prangen heute Hymnen auf Donald Trump, das Abendland und Frontex neben histrionischem Antifeminismus, Antikommunismus und Fremdenhass.

Die Choreographie aber ist die alte. Ideologiekritik bedeutet die unablässige Wiederholung des Nachweises, dass Schwarz Weiß sei und Weiß Schwarz. Eine linke Gewissheit muss in eine ideologiekritische Gewissheit verkehrt werden, wobei die Dekodierung zumeist von beiden Seiten her vorgenommen wird. Dasjenige, was Linke ablehnen, sei tatsächlich nicht so arg, und dasjenige, was Linke bejahen, sei tatsächlich ziemlich arg. Die uninspirierte Negation verkehrt bloß Vorzeichen und lässt das Eigentliche der Denkweise, ihre Struktur, unberührt. So schleppt der Einwand das fort, wogegen er vorgebracht wird. Diese vollkommene Abhängigkeit von der Bewegung des Gegners einesteils und der mit der Umwertung der Werte entstehende doppelte Standard andererseits ist so präsent, dass schwerfällt, darin bloß Versehen oder Überschwang zu erblicken. Die gängige Erklärung, in der ideologiekritischen Rechten komme eine ehrlich gefühlte, gleichwohl projektive Angst vorm Islam mit dem nie ganz abgelegten Gestus der K-Gruppen-Vergangenheit zusammen, mag stimmen oder nicht; ich finde sie zu vordergründig.

Mithin zu konvenient. Skandalisierung der Bahamiten verschafft dem linksantideutschen Lager das Gefühl politischer Reinigung und macht blind für die eigenen Neurosen. Die Witze zudem – von Antideutschen mit Redaktionshintergrund, das D in Bahamas steht für Dialektik, das Fachblatt für den hysterischen Mann usw. – schreiben sich fast von selbst. Es ist durchaus falsch, der rechten Fraktion Denaturierung vorzuwerfen, wenn das Verhalten sich als Problem der Ideologiekritik überhaupt darstellen lässt.

Was also bedeutet Ideologiekritik? Zunächst mal tatsächlich, die Welt nicht als Welt, sondern als falsches Bewusstsein von ihr zu fassen. Das Verfahren geht auf Marx zurück – für ihn eine Art Propädeutikum, ehe er in der Reifephase auf die Welt selbst kam. Er fing mit Kritik von Religion und Entfremdung, einem abstrakten Arbeitsbegriff und liberaler Befreiungsrhetorik an; er landete bei der Theorie der politischen Ökonomie und dem Klassenkampf. Und während in Marxens Biographie die Ideologiekritik dem Materialismus vorausging, verhält sich das bei den heutigen Ideologiekritikern umgekehrt. Sie haben oft einen marxistischen Hintergrund und enden als Gesinnungsschnüffler.

Wenn das Verfahren darin besteht, Denkmuster als verzerrende zu entschlüsseln, dient es idealerweise einem Zweck. Ideologiekritik ist ein Mittel zur Politik. Sie wird mindestens angewendet, den politischen Gegner zu entzaubern, und wenn es gut läuft, Verständnis und Durchsprechebene zu heben. Doch jegliches Mittel neigt dazu, sich im Vollzug von seinem Zweck abzusondern. Die Tendenz zur leeren Übung liegt in jeder ideologiekritischen Tätigkeit. Nicht darin unterscheiden sich Ideologiekritiker gegeneinander, sondern in der Frage, ob sie das zu moderieren gewillt sind.

Das Milieu

Wo das nicht passiert, lassen sich zwei Komplexe scheiden. Ideologiekritik begünstigt bestimmte Haltungen des Subjekts und hat in sich selbst, als Verfahren, bestimmte Eigenschaften. Man sollte also zwischen Problemen an der Methode und Problemen der Methode unterscheiden, oder, anschaulicher, nach Tendenzen fragen, die folgen, insofern sie in Gruppen betrieben wird, und solchen, weil sie überhaupt betrieben wird. Es scheint sinnvoll, die Sache zunächst von außen zu packen.

Was sich heute im Milieu bewegt, hat mit wenigen Ausnahmen eine kommunistische Vergangenheit. Die vielbeklagte Selbstzerfleischung der Linken lässt sich als Abfallprodukt jener wertvollen Übung namens Reflexion verstehen. Da linke Politik vom Anspruch utopisch ist, ruft sie heftigere Enttäuschung hervor als politische Richtungen, die sich im Rahmen des Bestehenden ausagieren wollen. Linkssein und Linksbleiben findet immer in der Antinomie von Resignation und Dogmatismus statt, wobei Standhaftigkeit nicht unbedingt gleich Verzicht auf Erkenntnis bedeutet, und Resignation durchaus ein schöpferischer Akt sein kann. In der Regel aber ist beides nicht der Fall. Politische Prinzipienfestigkeit ist allermeist kaum mehr als die Unfähigkeit, auf feinmotorische Bewegungen der Gesellschaft zu reagieren, und Resignation erscheint in der Normalform des Opportunismus. Der nun ist ohne Schuldgefühl nicht zu haben.

Wo der Heuteliberale sich in Zynismus flüchtet und der Sozialdemokrat in gereizte Bescheidenheit, bietet sich demjenigen, der die Flucht in gedankliche Konstruktionen bevorzugt, in der Ideologiekritik ein Ausweg. Er hat eine gewisse Routine entwickelt, und die Einsichten in die irrationalen Momente des Politischen dürften die Neigung zur Resignation verstärkt haben. Wo die Abkehr von den Bewegungslinken vollzogen ist, gewährt Ideologiekritik die Möglichkeit, irgendwie doch politisch zu bleiben. Man verschafft sich Beruhigung, letztlich keine Wahl gehabt zu haben. Und indem man das tut, findet man Leute, die es auch tun. Man stößt in ein Milieu, das keinen diskreten politischen Inhalt trägt. Aber wenn man vom Ideologiekritik Treibenden zum Ideologiekritiker geworden ist, hat man sich etwas angeschlossen, das zumindest wie eine eigene politische Richtung aussieht.

Damit verbunden scheint ein mächtiges Bedürfnis, sich gegen die eigene Vergangenheit abzugrenzen, nicht mehr am Rand der Gesellschaft zu stehen, anzukommen also. Die Abfuhr dieses Komplexes lässt sich als Hyperopportunismus fassen. Es geht darum, den Akt der Unterwerfung in einer Pose der Souveränität zu verhüllen. Die klassische Rechtfertigung des Opportunismus stellt Kontinuität zur Vergangenheit her. Der Sozialdemokrat legt Wert darauf, dass gerade seine Ideale ihn diesen Weg der Mäßigung beschreiten ließen. Im Hyperopportunismus wird der Vorwurf nicht abgewehrt, sondern aufgenommen. Man kokettiert regelrecht damit, Renegat zu sein. Wo die Kapitalismuskritik unfähig war, am Kapitalismus ein gutes Haar zu lassen, wird der Kapitalismus nun in ein Objekt verwandelt, aus dem das Negative elidiert ist. Er erscheint nun als »der Westen«, den es zu verteidigen gelte und hinter den die kapitalistische Wirklichkeit als akzidentiell noch vorhandene zurücktritt.

Man kann sich alles schönsaufen, selbst seinen Alkoholismus. Der Ideologiekritiker ist nichts anderes als ein Streikbrecher aus höheren Gründen. Das Geschäftsprinzip der »Kritik der Kritik« ist, Unterwerfung vorzuleben, die nicht nach Unterwerfung aussieht. Der Opportunismus dieser Exkommunisten, die heute im Schoße des Kapitalismus ruhen, erzeugt ihnen Scham. Und diese Scham ihrerseits erzeugt all die provokativen Gesten, durch die sie sich vormachen, nicht zu sein, was sie sind, und bald wieder von der gesuchten Mitte weg an den Rand treiben. Bloß ist das der brave Rand der Gesellschaft, eine exzentrische Position gegen die Merkels und Habecks. Ein Rand, der noch Teil der Mitte bleibt. Wir sprechen von einem Opportunismus, den niemand bezahlt und der nichts einbringt. Von Streikbrechern ohne Streik. Der unnütze Idiot ist ein Derivat des nützlichen Idioten und gehört wie der zum Clan der Sklavenseelen.

Ein drittes ist die Distinktionswut. Im linken Milieu stellt sich Distinktion über die Gruppe her, während der Ideologiekritiker, obgleich Teil einer Gruppe, nur vermittels persönlicher Leistung Auszeichnung erlangen kann. Da allerdings jedes Milieu, jede Gruppe, jede Partei in sich strukturiert ist, es dort ungleich verteilte Begabungen, Aufmerksamkeit und Einflussmöglichkeiten gibt, entsteht anders als in Milieus, wo die Nestwärme der Gemeinschaft hinreicht, eine seltsam äußerliche Form des politischen Verhaltens, die auf Nachahmung, einen bestimmten Sound, bestimmte Schibboleths gerichtet ist und gezielt in der Provokation Abhilfe sucht. Wo nicht Substanz den Unterschied macht, muss die Pose es erledigen. Und zwar die der Abgeklärtheit. Das unbewusst verinnerlichte Vorurteil, man erkenne das Intellektuelle an der Abwesenheit von Gefühlen, führt zu einer fortwährenden Demonstration von Zynismus und emotionaler Gleichgültigkeit gegenüber den Dingen, die dem Exlinken als Nochlinkem einmal wichtig waren. Die Gleichgültigkeit gegenüber sozialen Fragen wird dann ausgeglichen durch eine starke Konzentration auf Themen wie den Islam oder den linken Antisemitismus, an denen die sonst zurückgehaltene Emotionalität impulsiv ausgelebt werden darf. Der Vorzug dieser Themen ist, dass, wer sie anpackt, ganz ohne Widerstand gegen die bestehende Gesellschaftsform auskommt. Subversiv sein, ohne die Folgen befürchten zu müssen. Das ist, worum sich im ideologiekritischen Milieu alles dreht.

Die Methode

Wenn wir dagegen die Momente der Methode selbst betrachten, also beiseite lassen, dass sie von Menschen benutzt wird, drängen sich gleichfalls drei Punkte auf. Das erste Element ist der Atomismus. Da Ideologiekritik stets beim Denken anpackt, interessiert sie sich sehr fürs Subjekt, und um das wenigste zu sagen, ergibt sich daraus das Interesse an gesellschaftlichen Strukturen nicht gerade von selbst. Das Verfahren funktioniert diachron; Materialismus arbeitet synchron. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Problem als spezifische Erscheinung seiner Zeit fasst oder als durch die Zeit hindurchgreifende humane Kontinuität. Ich sage nicht, dass beides nicht vermittelbar ist, aber das materialistische Interesse muss hinzutreten, und eben das tut es bei vielen Ideologiekritikern erkennbar nicht.

Die übermäßige Fixierung auf das Subjekt hat zudem praktische Folgen. Sie führt dazu, bei politischen Vorgängen nicht nach dem Zusammenhang zu fragen, in dem Individuen agieren, weil bereits ein solches Inkontextsetzen zum Beispiel des islamistischen Terrors oder politischer Krawalle umgehend als Exkulpation verstanden wird. Natürlich ist es konvenient, wenn man den Islamismus nicht als Teil des gesellschaftlichen Geflechts sieht, das man gegen ihn verteidigen will. Regressives Verhalten erscheint somit immer als Resultat von Ideologie, und die wird entweder als solche gesetzt oder aber über längere Vermittlungsketten als irgendwie auch gesellschaftlich bestimmt, was nach der pflichtschuldigen Erwähnung des Zusammenhangs späterhin keine Rolle mehr spielt.

Bemerkenswert allerdings, dass sich gerade das in Teilen des Milieus zuletzt geändert hat. Zumindest bezogen auf ein Thema. Neuerdings, bei der AfD nämlich, wird ebenjene Kontextualisierung gefordert, die bloße Kritik am Erstarken der Rechten als unzureichend ausgegeben. Irre ich mich, wenn ich unterstelle, dass jemand, der gewohnheitsmäßig jegliche Einbettung in gesellschaftliche Zusammenhänge als Exkulpierung kritisiert hat, in dem Moment, worin er selbst die neuere Rechte in Zusammenhänge einbetten will, offenkundig dem Vorsatz ihrer Exkulpierung folgt?

Das zweite Element ist die Liquidierung der Utopie, von der ich meine, dass sie im ferneren Zusammenhang mit einer für die Ideologiekritik typischen Verkehrung der Rollen steht. Defensive wird hier zur Offensive und umgekehrt. Was sich als Déformation professionelle recht griffig beschreiben lässt, da insbesondere die Ränder der Gesellschaft eine Vielzahl von Gegenständen bereithalten, für die Ideologiekritik sich interessieren muss. Abseitigkeiten dieser oder jener Minderheit werden bald überall in der Gesellschaft ausgemacht. Daraus wieder folgt eine Überwertung der mit ihnen tatsächlich verbundenen Gefahr.

Was dann konstruiert wird, ist eine 5-vor-12-Situation, die allen irgendwie human Gesinnten den Zwang auferlegt, ihre sonstigen Differenzen beiseite zu lassen und gegen das gemeinsam zu Verneinende (in diesem Fall den Islam) zu kämpfen. In der permanenten Beschwörung einer solchen Lage ruht zum einen das Motiv der Disziplinierung eben jener Individualität, die hier verteidigt werden soll. Denn genau sie enthielte auch das Recht, nicht mitzutun. Wo der Bürger des Staats in den Staatsbürger zurückgenommen ist, ist der bürgerliche Staat vom Stand der Wirklichkeit in den der Möglichkeit zurückgesetzt.

Zum anderen wird die Utopie erledigt, indem der behauptete Ausnahmezustand unmöglich macht, Modelle zu verfolgen, die das Bestehende überschreiten. Wie ungemein passend, dass man gezwungen ist, die kommunistische Gesinnung abzulegen, die abzulegen man ohnehin gerade vorhatte. Der Notstand verschafft Rechtfertigung, nicht mehr zwischen besseren und schlechteren Zielen zu unterscheiden, weil es ja bloß noch das Schlechteste zu verhindern gilt. Man kann alles einfach und einseitig fassen, und es kommt nicht mehr darauf an, etwas begrifflich zu machen, nur noch darauf, auf der richtigen Seite zu stehen.

Darin anklingt das dritte Element. Ideologiekritik hat keinen Inhalt und damit keinen Standort. Sie ist vollkommen abhängig von ihrem Gegenstand. Das sollte gewöhnlich kein Pro­blem sein, aber indem sie sich als eigenständiges Milieu vereinzelt hat, hat sich das Problem des Standorts erstmals gestellt. Aus der Kritik politischer Bewegungen wurde selbst eine Bewegung, aber eben eine, der das fehlt, was eine politische Bewegung allererst konstituiert: die essentielle Idee. Wo der Liberalismus die Freiheit hat, der Konservatismus die Idee der Beständigkeit, die Grünen den Einklang des Menschen mit der naturalen Umwelt und die Linken die Idee der sozialen Gerechtigkeit, hat die Ideologiekritik eine Leerstelle. Ihr Geschäft erweist sich als Beflissenheit um Nichts.

Wenn man das erfasst hat, erklärt sich einiges. Die unablässige Provokation, das aggressive Betragen, der ständige Wechsel zwischen Abstoßen und Anschlusssuche. Wer den eigenen Standort nicht spürt, sich selbst nicht als Konstante erlebt, wem innere Ordnung und Kompass fehlen, der muss das über Kollisionen mit der Umgebung herstellen. Ideologiekritiker sind wie Fledermäuse: Sie müssen immer jemanden anschreien, um zu wissen, wo sie stehen. Das vielbescholtene antideutsche Mackergehabe ist demnach nichts anderes als ein etwas umständliches Ortungssystem. Das Mittel einer Haltung, die keinen Halt hat.

Auf fällt ferner, wie seltsam unpassend hier die Attitüde des Standortdenkens ist, die man im Milieu immer wieder beobachten kann. Vorderhand ergibt das wenig Sinn. Als Donald Trump überraschend die Wahl gewann, wurden buchstäblich über Nacht politische Überzeugungen ausgemustert. Galt er vor der Wahl als quasi-sozialistischer Protektionist, galt er nun als Liberaler im besten Sinne. War seine Beziehung zu Russland vor der Wahl ein Sicherheitsrisiko, wurde nach der Wahl sein Gespür für Realpolitik gelobt usw. Diese vollkommene Abhängigkeit der Welterklärung von politischen Bündnislagen erscheint in paradoxem Verhältnis dazu, dass die je neue Überzeugung stets als letzte Gewissheit, über die es keine zwei Meinungen geben könne, vorgetragen wird. Ich denke, es liegt auf der Hand, dass eben dies Paradoxe der Zusammenhang ist, der es erklärt. Die extreme Abhängigkeit von den Äußerungen des Gegners, das sophistische Anpassen der allgemeingültigen Wahrheiten an die jeweilige Tageslage bringt den Gestus des festen Standorts, der letzten Verteidigungslinie, der ungetrübten und einfachen Wahrheit, all dieses Restvernunft-Blabla unmittelbar hervor. Die Pose ist nicht authentisch, sondern ostentativ. Aber dies Ostentative ist sehr authentisch.

Kritik der Kritik der Kritik

Ich habe mich sehr aufs Gedankliche konzen­triert. Die Story von der antideutschen Spaltung hätte sich auch historisch erzählen lassen – als Absetzbewegung vom deutschen Kommunismus, die zum antideutschen Kommunismus führte und nicht lange brauchte, ein deutscher Antikommunismus zu werden, der sich gelegentlich noch gestattet, antideutscher Antikommunismus zu sein. So wie die antideutschen Kommunisten einst die deutschen Kommunisten zurückgelassen haben, ließen die deutschen Antikommunisten die antideutschen Kommunisten zurück. Das Gejaule war unbeschreiblich, allein warum?

Der rechte Flügel der Ideologiekritik hat ernstlich nichts anderes getan, als weiterzumachen. Man kann diesen Leuten gar nichts vorwerfen, es sei denn, sie glauben ernstlich, dabei irgendwie kommunistisch geblieben sein zu können. Im Inhalt haben sie sich gleich zweimal emanzipiert: einmal vom linken Milieu und dann vom eigenen, dem sie nun vorwerfen, die bisherige Reise nicht fortzusetzen. Es ist eine Suche nach der dritten Heimat. Aber in dieser Suche hat man – nicht im Standpunkt, doch in der Haltung – den Anschluss an alte Formen wiedergefunden.

Der autoritäre Umgangston, das öffentliche Mobbing von sorgfältig ausgesuchten linksantideutschen Szenefiguren dient weniger deren Einschüchterung, sondern vielmehr als prospektive Drohung gegen die eigene Fraktion, um Korpsgeist zu formen und selbständiges Denken zu unterbinden. Das ungehemmte Streben nach festen, klaren Standpunkten, dem jede Differenzierung verdächtig wird und das alles zerschrotet, bis es in seine Miniaturschubladen passt, ist ebenfalls kein Element, das erst in den letzten Jahren entwickelt wurde. Wer Substanz von Tendenz nicht unterscheidet, kann nichts fruchtbar machen, das nicht bereits in eigenen Dunstkreis entstanden ist. Die äußerliche Festigkeit braucht es, wo die innere fehlt, und was Ideologiekritiker der verschiedenen Fraktionen heute voneinander trennt, ist die Frage, ob Ideologiekritik noch Mittel oder schon Zweck ist. Das – nicht die Trennung von Links- und Rechtsantideutschen – macht die eigentliche Spaltung der Ideologiekritik aus. Die hohle Phrase von der Restvernunft kann sich mit Inhalt füllen, wenn man die Restvernunft als Restmarxismus begreift. Der Marxist kritisiert die Linke, damit sie besser wird. Der Ideologiekritiker, damit ihm besser wird.

Diejenigen, die sich darauf verständigen können, dass Ideologiekritik kein Selbstzweck sei, müssen sich die Frage stellen, wie sie zu einer Methode stehen, die Selbstgenügsamkeit kollateral hervorbringt. Ideologiekritik ist keine Übung, die man auch unterlassen könnte. Sie ist notwendig für eine Politik, die sich, soweit es geht, von Ressentiments und irrationalen Sprüngen befreien möchte. Wo sich zeigt, dass sie ihrerseits Elemente des Irrationalen befördert, heißt das folglich nicht, hinter sie zurückfallen zu müssen. Sie souverän zu handhaben wäre das Ziel, Bewusstheit über ihre Abläufe und Tücken das wenigstens zu Erlangende.

Wie könnte das geschehen? Ideologiekritik sollte stets auxiliaren Charakter besitzen. Wo sie zum eigentlichen Zweck des politischen Verhaltens wird, schwindet der praktische Bezug und greift Mangel an Ernsthaftigkeit um sich. Dort tritt das Bedürfnis nach Distinktion, nach Absonderung von politischer Wirksamkeit, nach Verhindern von Politik im Grunde hervor. Die Pose wird zur eigentlichen Nachricht. Wo Ideologiekritik dagegen im Dienst eines diskreten, von ihr verschiedenen politischen Anliegens eingesetzt wird, kann sie vernünftig bleiben. Dann gibt es keine Ideologiekritiker, nur Leute, die unter anderem Ideologiekritik treiben. Das Individuum hielte Distanz zum Nährstoff seines Narzissmus. Das Verfahren indessen zu einer ganzen Lebensweise ausgewachsen macht sich korrupt gegen sich selbst. Der konkrete Anlass wird ersetzt durch eine allgemeine Stimmung, in der immer schon feststeht, dass man recht hat. Damit wird unmöglich, dass Ideologiekritik sich gegen alle möglichen Seiten richte. Was sie faktisch untersucht, das sind Ideologien als ideelle Konstrukte einer Zeit. Als partikulare Antworten auf die umfassende Frage, die eine bestimmte Zeit selbst stellt. Ideologie ist daher stets im Plural zu denken. Die verschiedenen Ideologien einer Zeit bilden ein Ensemble von logisch möglichen Antworten innerhalb eines historischen Rahmens, und in keiner dieser Antworten gehen die Frage und der Rahmen ganz auf. Damit sind die einzelnen Ideologien, als synchrone Elemente, stets aufeinander bezogen und können nicht unabhängig voneinander betrachtet werden. Insofern Ideologiekritik nun selbst in der Zeit ist, wird sie zum Teil des Ensembles, das sie untersucht. Das ist so unvermeidlich, wie es nötig ist, diese Tendenz bewusst zu halten und durch Reflexion zu kontrollieren. Reflexion ist Projektion, auf die Füße gestellt. Projektion bedeutet, das Eigene im Andern zu erkennen. Reflexion erkennt das Andere im Eigenen. Ideologiekritik, wie ich sie verstehe, muss beide Verfahren enthalten. So nachvollziehbar ist, dass der exlinke Ideologiekritiker seinen Gegenstand vornehmlich in der Linken erblickt, so virulent eingeübte Tätigkeit für unser Denken wird, so wichtig bleibt, sich nicht ganz in selbstgerechte Einseitigkeit zu versenken. Ideologiekritik dient erstens, den politischen Gegner zu entzaubern, und zweitens, mögliche Verbündete zu verstehen – was sie sind, was man von ihnen erwarten kann, was nicht, wo die Gefahren liegen, wenn man sich auf sie einlässt. Der vornehmste und wichtigste Zweck des ideologiekritischen Verfahrens aber wird erreicht in der Rückwirkung auf denjenigen, der es anwendet. Indem er anderes aufschlüsselt, schlüsselt er sich selbst auf. Er wird beholfener, empathischer, scharfsinniger.

Andernfalls endet er aller Schlauheit zum Trotz als Hans Dumpf in allen Gassen, der alles kommentiert, jeden belehrt, kein Tagesthema auslässt, mit einem Wort: anderen impertinent die eigene Biographie überstülpt. Die Scham des Exlinken darüber, dass er – sagen wir mal: 2001 mit Sekt auf die gefallenen Türme angestoßen hat –, richtet sich als Anspruch gegen diejenigen, die heute immer noch nicht bereit sind, linke Inhalte komplett über Bord zu werfen. Und indem der Ex-K-Gruppler die altgewohnte autoritäre Haltung zurückgewinnt, wird die Situation vollends verrückt, weil damit die Linksgebliebenen nicht bloß die Biographie des Exlinken mit ausbaden sollen, sondern an seiner Stelle. Sie müssen büßen für seine Altmacken, zu denen er gerade, unter anderen Inhalten, zurückkehrt. Unfähig zu erkennen nämlich, dass es auch damals schon nicht die linke Position war, die ihn zu solchen Handlungen führte, sondern seine Unfähigkeit, das, was immer er vertritt, mit Vernunft zu vertreten.

Der vorliegende Aufsatz ist eine gekürzte Fassung eines Vortrags, den der Autor im Oktober 2017 an der Humboldt-Universität zu Berlin gehalten hat.

Debatte

  • Beitrag von Dieter R. aus N. (10. Oktober 2019 um 07:43 Uhr)
    Messlatte und Kernfrage allen theoretischen und praktischen politischen Handelns bleibt unverrückbar und bringt Klarheit: »Wem nützt es?«
  • Beitrag von Ralf S. aus G. (10. Oktober 2019 um 19:23 Uhr)
    Moment mal, falls das das jemand besser versteht als ich, möge mir da auf die Sprünge helfen:

    »Die Scham des Exlinken darüber, dass er – sagen wir mal: 2001 mit Sekt auf die gefallenen Türme angestoßen hat ...«

    Meint der Autor damit, dass diese Exlinken sich damals über den Anschlag an sich gefreut haben? (Das wäre ja ein Ausdruck von Antiamerikanismus.)

    Oder aber über die zu erwartenden Folgen, nämlich die als Antiterrorfeldzug eingekleideten Weltordnungskriege des »Westens« im Nahen Osten, gegen die »barbarischen« (in antideutscher Lesart) Muslime?