Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Kino

Der menschliche Faktor

Und wie man ihn abschafft: Ang Lees Thriller »Gemini Man«
Von Peer Schmitt
Film_Review_Gemini_M_62938446.jpg
Wie aus einem Trashfilm der 80er: Baron (Benedict Wong) und Henry Brogan (Will Smith)

Es führt kein Weg daran vorbei. Das Zielfernrohr auf der Knarre des Scharfschützen ist das Werkzeug unseres Blickes. Gezielt wird auf das Fenster eines in Hochgeschwindigkeit vorbeifahrenden Zuges. Der Finger am Abzug zögert und zittert leicht, bevor er dann doch noch den einzig richtigen Augenblick der Betätigung findet. Das Geschoss schlägt durch das Fenster im Kopf der dahinter im Zug sitzenden Zielperson ein. Treffer.

In der Eröffnungssequenz von Ang Lees neuem Film »Gemini Man« ist – wie bei einem Abschiedsfest – noch einmal alles Wesentliche versammelt, was mehr als ein Jahrhundert lang die Grundfesten des Kinos bildete.

Da ist zunächst die Analogie zwischen Kamera und Gewehr bzw. deren Einheit in untrennbarer historische Komplizenschaft – »der Nihilismus des Kamera-Gewehrs« schreibt Paul Virilio in »Krieg und Kino«. Und da sind natürlich die Eisenbahn und das dazugehörige Zugfenster, die schon die Voraussetzung eines »motorisierten« Bildes bzw. Bildausschnitts geschaffen hatten, bevor Ende des 19. Jahrhunderts Kameraleute auf die brillante Idee kamen, Kameras auf fahrende Züge zu montieren, um Filmen die Illusion räumlicher Bewegung zu ermöglichen.

Eisenbahn und Film »motorisierten« die Bilder, woraus der Medientheoretiker Friedrich Kittler einen radikalen Schluss zog: »Medien sind eine historische Eskalation von Gewalt, die die Betroffenen zu totaler Mobilmachung zwingt.« »Gemini Man« beginnt mit dieser Reminiszenz möglicherweise nur zufällig, vielleicht auch nur, weil es bequem scheint, die »Mission Impos­sible«-Filme zu kopieren. Andererseits präsentiert sich der Film als Produkt bahnbrechender technischer Innovation – ein sensationelles neues Verfahren wird ab jetzt den »State of the art« verkörpern.

Man kann nun nicht mehr von »24mal tot in der Sekunde« sprechen, wenn von Film die Rede ist. »Gemini Man« wurde im hochauflösenden »3D+«-Verfahren mit einer Bildrate von 120 fps (frames per second) gedreht. Gezeigt wird er allerdings vornehmlich mit einer Bildrate von 60 fps, da es weltweit bisher nicht allzu viele Kinos gibt, die die technischen Voraussetzungen haben, den Film in seiner technisch ambitionierten »eigentlichen« Fassung zu zeigen (die meisten von ihnen befinden sich in Asien).

Das Herunterrechnen von 120 fps auf 60 fps zeitigt einen seltsamen, vermutlich keineswegs intendierten Effekt einer halb unterbrochenen, abgehackten Bewegung, den ich mir aber vielleicht nur eingebildet habe. Plastizität und Tiefenschärfe der Bilder des neuen Verfahrens sind jedenfalls gewöhnungsbedürftig, d. h. zunächst schlicht merkwürdig.

Konditionierung ist eine Frage der Durchsetzung von Konventionen. Im Grunde ist – im Rahmen physiologisch bedingter Grenzen (der »menschliche Faktor«) – jede Bildrate willkürlich; im Fernsehen konnte man jahrzehntelang die komischen Effekte studieren, die aus dem Abspielen alter Stummfilme in der falschen Bildrate resultierten.

In »Gemini Man« steht nun ausgerechnet die Figur des Scharfschützen für den »menschlichen Faktor«. Was durchaus auf militärstrategischer Linie liegen dürfte. »Es ist wohl eher unwahrscheinlich, dass die Figur des Combat sniper jemals von reiner Technologie ersetzt wird. So wie ein Schütze im aktuellen Dienst es formuliert hat: ›Bis eine Maschine designt wird, die für 'nen Appel und 'n Ei arbeitet, vollkommen lautlos ist, sich unsichtbar bewegen kann und nahe genug an das Ziel kommt, um eine Tötung beim ersten Versuch zu garantieren, ist mein Job gesichert‹«, schließt die militärgeschichtliche Studie »Out of Nowhere – A History of the Military Sniper« (2004) von Martin Pegler.

»Gemini Man« handelt aber auch davon, den »menschlichen Faktor« zu optimieren bzw. abzuschaffen. Der Scharfschütze, Henry Brogan, der zum Auftakt des Films im Auftrag eines US-amerikanischen Geheimdienstes so rekordverdächtig das richtige Zugfenster erwischt hat, wird von Will Smith gespielt. Und diese Scharfschützenfigur hat nach über 70 erfolglosen Einsätzen die Nase voll und beendet vorzeitig die Karriere. Die Frührente ruft. Die Karriere hat zudem Spuren hinterlassen: Schlaflosigkeit, Alpträume, Paranoia, panische Ängste (vornehmlich vor dem Ertrinken – Fear death by water). Er fühle sich wie ein Gespenst (Ghost), sagt Brogan wiederholt.

Natürlich lässt so ein Geheimdienst sein Killergespenst nicht einfach laufen. Es folgt die handelsübliche Geheimdienstverschwörung, in deren Verlauf Brogan selbst zum Ziel wird. Auf ihn angesetzt wird sein Doppelgänger. Neben dem Kamera-Gewehr und dem Zugfenster eine weitere Gründerfigur des Kinos. Das Kino war nicht zuletzt dafür verantwortlich, »dass aus alkoholischen Episoden der Romantik wissenschaftliche Notwendigkeiten unseres Jahrhunderts werden«, schrieb Kittler im vorigen Jahrhundert.

Der Henry-Brogan-Doppelgänger ist freilich kein Schatten aus Drogen und Suff und Spukgeschichten, er ist ein genetisch identischer Klon, plastische technische Realität. Der 51jährige Will Smith – er ist Jahrgang 1968 und die von ihm dargestellte Scharfschützenfigur erklärtermaßen genauso alt – kämpft mithin gegen sein 19jähriges Selbst.

Smith war als Teenager ein ehrgeiziger Rapper in Philadelphia an der Seite des genialen DJ Jazzy Jeff. Anfang der 90er ging er als Prinz nach Bel Air. Einen Scharfschützen spielte er bereits 2016 in dem Superschurkendesaster »Sucide Squad«. Jetzt ist er ein halbes Jahrhundert alt und verleiht dem nie endenden Krieg der technischen Medien sein geisterhaftes Gesicht. Und aus so einem Geistergesicht können diese Medien mittlerweile potentiell alle Gesichter aller Zeitalter zaubern.

Vor diesem gestochen (tiefen-)scharfen Hintergrund ergibt es endgültig keinen Sinn mehr, von Unteilbarkeit und Unmittelbarkeit zu sprechen. Anders gesagt: »Es gibt keine Individuen« (Kittler zitiert Friedrich Wilhelm Riemer, der Konversationen mit dem Geheimrat von Goethe zitiert). Weder Individuen noch Doppelgänger gibt es noch, sondern Serien, die von gestörten Prototypen ausgehen.

Der Film »Gemini Man« ist nichts weiter als so ein Prototyp, der dringend optimiert werden muss. Denn bisher sieht dieses neu gezauberte Bild dem Videobild aus Trashfilmen der späten 80er verdächtig ähnlich.

»Gemini Man«, Regie: Ang Lee, China/USA 2019, 117 Min., bereits angelaufen

Mehr aus: Feuilleton