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Aus: Ausgabe vom 10.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Krimi

Der Weg hinaus

Stuart Turtons vertrackter Krimi »Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle«
Von Frank Willmann

Um es vorweg zu nehmen, ich bin kein Krimifreund, habe mir aber trotzdem Stuart Turtons »Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle« genehmigt, da im Vorfeld soviel von der Einmaligkeit des Plots zu lesen war. Und ja, ich möchte unbedingt einstimmen in den Chor der großen Schmeichler und dem Buch eine fürwahr saufindige Vertracktheit attestieren.

Worum geht’s? Um den Mord an Evelyn Hardcastle. Anlässlich ihrer bevorstehenden Hochzeit geben die Eltern einen Maskenball auf ihrem herrlich britischen Anwesen. Eingeladen sind Leute aus dem Familienumfeld der Hardcastles, fast alle stehen im Zusammenhang mit fiesen Todesfällen, die ein paar Jahrzehnte zurückliegen und sich auf dem Anwesen zutrugen. Unter den Gästen ist auch ein gewisser Aiden Bishop, für ihn hält das Schicksal eine ganz besondere Prüfung bereit. Oh, wie herrlich fies, wie verworren und genial! Von einem maskierten Mann erfährt unser Held: »Heute abend wird jemand ermordet werden. Es wird nicht wie ein Mord aussehen, und man wird den Mörder daher nicht fassen. Bereinigen Sie dieses Unrecht, und ich zeige Ihnen den Weg hinaus.«

Gefangen ist er also, bloß wo? Und warum? Überlegungen, die uns in den Stunden, die wir den dicken Schinken beiseite legen müssen, regelrecht martern. Es kommt selbstverständlich noch irrer. Krimitüftler Turnton lässt Evelyn nicht nur einmal sterben. Bis der Mord geklärt ist, wiederholt sich der tragische Tag quasi in Endlosschleife: Täglich grüßt die Evelyn im blutigen Gewand. Um noch eins drauf zu geben, erwacht der gute Aiden allmorgendlich im Körper eines anderen Gastes. Wohlige Schauer des Wahnsinns, da fällt man glatt in Ohnmacht. Und kommt prompt neben Agatha Christie, Charles Robert Maturin und Arthur Conan Doyle zu sich.

Was große Krimischaffende in ziemlich vielen Jahren so hervorgebracht haben – »Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle« ist ein furioser Mix daraus. Wer Bryan Singers Film »Die üblichen Verdächtigen« mag, Verwirrspiele generell schätzt, wird seine helle Freude daran haben, zumal Turnton, immer wenn man meint, das war’s jetzt aber, jetzt haben wir den Mörder, einen weiteren Haken schlägt.

Die einzige Enttäuschung ist, nun ja, das Ende des Buches, wo, dem Gesetz des Krimigenres folgend, sämtliche Schleier gelüftet werden. Schade. Andererseits: Welcher Krimifan mag schon offene Enden? Dass ich keiner bin, steht auf einem anderen Blatt.

Stuart Turton: »Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle«. Aus dem Englischen von Dorothee Merkel. Tropen-Verlag, Stuttgart 2019, 605 Seiten, 24 Euro

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