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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 15 / Antifa
Wiener Antifaschisten

Memes und Regenschirme

Österreichische Gruppe »Autonome Antifa Wien« bedient sich »sozialer« Medien. Aktionismus gegen Neonazis stößt an Grenzen
Von Christof Mackinger, Wien
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Demonstration von Nazigegnern gegen einen Sitz der »Identitären Bewegung« in der Wiener Löhrgasse (6.9.2019)

Es sei »falsch verstanden antiautoritär« gewesen, wie sie den öffentlichen Auftritten von »Pegida« und der »Identitären Bewegung« (IB) anfangs begegnet seien, resümierte Stephan Prokop im Gespräch mit junge Welt. Er ist langjähriger Aktivist der »Autonomen Antifa Wien« und spielte damit auf ihr Bezugsgruppenkonzept an. Erst später habe man auch Blockadestrategien übernommen, sich wegbewegt vom »klassisch autonomen Auftreten.« In ihrer zehnjährigen Existenz hat sich die studentisch geprägte Antifagruppe in der österreichischen Hauptstadt weiterentwickelt. Was geblieben ist, sind gesellschaftliche Verschiebungen nach rechts, mit denen die gesamte österreichische Linke zu kämpfen hat.

Seit ihrer Gründung vor zehn Jahren hat sich die wienerische Autonome Antifa vor allem an den Protesten gegen den Ball des Wiener Korporationsrings (WKR), eines Zusammenschlusses weit rechts stehender Burschenschaften, abgearbeitet, wie die Aktivisten Prokop und Clara Raskowa Anfang des Monats gegenüber jW erzählten. Die Kritik an der extrem rechten Vernetzungsveranstaltung hatte nach jahrelangen Protesten inzwischen die bürgerliche Öffentlichkeit erreicht, die Zahl der Ballgäste ging zurück. Die beharrliche Skandalisierung ließ die Bedeutung des Events in den letzten Jahren schwinden.

Auf den »Sommer der Migration« 2015 folgte eine Welle von Mobilisierungen neonazistischer Kleinstgruppen und rassistischer Bürgerinitiativen – neue Aktivitätsfelder für den aktionsorientierten Antifaschismus. In einem »intensiven Lernprozess« erprobte nicht nur die Autonome Antifa Wien erfolgreich, wie man sich Aufmärschen von Rechten effektiv entgegenstellt. Spätestens 2016 musste sich die damals noch wachsende IB eingestehen, dass ihr Versuch gescheitert war, Wien als Austragungsort großer Aufzüge zu etablieren. Zwar hatten sich am 11. Juni 2016 hinter dem Banner »Europa verteidigen!« 700 Faschisten aus ganz Europa versammelt. Aber Blockaden durch Antifaschisten machten den Aufmarsch nahe dem Wiener Westbahnhof trotz Polizeigewalt zum Debakel. Neben der »Offensive gegen rechts«, einem Bündnis gewerkschaftlicher und internationalistischer Organisationen, war die Autonome Antifa Wien eine Gewinnerin des Tages.

So erfolgreich die Gruppe gegen die Straßenpräsenz von Neonazis vorgeht, so schwer hat sie es mit der parlamentarischen Rechten in Gestalt der FPÖ sowie mit den Burschenschafternetzwerken in den Institutionen. »Klassisch autonome Antifaarbeit ist hier erfolglos«, konstatierte Prokop. Rassistische Äußerungen innerhalb der Partei und Verbindungen zur neonazistischen Szene würden zwar medial skandalisiert, »bei der FPÖ-Kernwählerschaft führt dies aber nicht zur Abkehr, sondern ist ihr Wahlmotiv«. Wie man dem gesellschaftlichen Rechtsruck entgegentreten kann, darauf habe man bisher keine befriedigende Antwort gefunden, gestand auch Raskowa ein. »Alles, was ­darüber hinausgeht, die Spielräume kleiner außerparlamentarischer Gruppen einzuschränken, ist schwierig.«

Gegen den Rechtsruck brauche es eine langfristige Strategie, die auf größere gesellschaftliche Veränderungen abzielt. Deswegen setze man vermehrt auf Bündnisarbeit. So auf lokaler Ebene in Wien mit der Vernetzungsplattform »Radikale Linke«, die sich auch an anderen sozialen Kämpfen beteiligt. Die Wahlergebnisse der jüngsten Nationalratswahlen in Österreich hätten aber gezeigt, wie weit man von einer Linken entfernt sei, »die eine solidarische Perspektive denkbar macht«. Mehr als 50 Prozent der Wählenden entschieden sich für ÖVP und FPÖ – und damit für eine noch restriktivere Abschottungspolitik, für technokratische Lösungsvorschläge zur Klimakrise und armutfördernde Politikentwürfe für die Zukunft. Über Österreichs Grenzen hinaus sind die Antifaschisten in Bündnissen wie »Ums Ganze!« und dem europaweiten »Beyond Europe« aktiv.

Kritik an »Riot-Ästhetik« und an ironisierten Memes von Gewalt gegen Neonazis auf ihren Social-Media-Kanälen sei berechtigt. Doch man brauche spektakuläre Bilder, um online Aufmerksamkeit zu bekommen, erklärte Prokop. »Weil Jugendliche aus irgendwelchen deutschen Kleinstädten unser Instagram-Konto kennen, wollen sie zur Antifa«, fügte Raskowa hinzu. Doch Social Media ist nicht die einzige Stärke der Wiener Gruppe.

Im Kampf gegen rechts setzt sie neue Maßstäbe: Mit ihrer Aktion gegen Infotische von Neonazis haben sie praktisch einen Exportschlager geschaffen. Im April 2018 waren die von Aktiven mit aufgespannten Regenschirmen umzingelten »Identitären« in der Wiener Innenstadt von der öffentlichen Wahrnehmung sprichwörtlich »abgeschirmt«, die Polizei überfordert. »Man muss Mut haben, neue Sachen auszuprobieren«, betonten Prokop und Raskowa im Gespräch mit jW. Wenige Wochen später schirmten auch in Bremen Nazigegner einen AfD-Infotisch ab. Ein Augenzeuge beschrieb via Facebook die von Wien inspirierte Aktion: »Nach rund eineinhalb Stunden gaben die Rechtspopulisten entnervt auf und packten ihre Sachen.«

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