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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Oper

Aus der Welt gefallen

Todessehnsucht und das Recht der Realisten: Enrico Lübbe inszeniert Wagners »Tristan und Isolde« an der Oper Leipzig
Von Kai Köhler
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In der Liebe etwas unbeteiligt: Tristan und Isolde

Die Mehrzahl von Wagners Opern hat eine Hauptperson zum Titelhelden (»Siegfried« usw.). Zwei sind nach einer Gruppe benannt (»Die Feen«, »Die Meistersinger von Nürnberg«), aber nur eine nach einem Paar. »Tristan und Isolde«, das kann eine untrennbare Verbindung ausdrücken. Dabei ist die Vorgeschichte düster genug. Tristan schlug nicht nur im Krieg seinem Feind Morold den Kopf ab, sondern schickte ihn auch noch an dessen Verlobte, die irische Königstochter Isolde. Diese pflegte später dennoch den schwerverwundeten Tristan gesund, der Genesene aber entschwand und kehrt nicht als Geliebter zurück, sondern als Brautwerber für seinen König Marke von Cornwall.

Isolde soll als Garantie für einen Frieden zwischen Irland und Cornwall dienen. Von solch pragmatischer Politik sieht sie sich mit Recht als erniedrigt und verkauft. Sie hasst Tristan, der, vorgeblich aus Ehrgefühl, auf der Überfahrt nach Cornwall jedes Gespräch mit der Braut seines Königs verweigert. Doch erpresst sie von ihm einen Besuch: Sonst werde sie sich weigern, sich zum König führen zu lassen. Tristan muss sein ihr gegenüber ehrloses Verhalten eingestehen und zur Sühne mit ihr zusammen das Gift zu trinken, das ihr ihre Vertraute Brangäne überreicht hat. Diese aber, um Isolde zu retten, hat den Todes- durch einen Liebestrank ersetzt, und so beginnt …

Auf schwankendem Grund

Natürlich beginnt da nichts. Kein Mensch zu Wagners Zeiten und kaum einer in unseren glaubt an Zaubertränke. Hört man die etwa 70 Minuten Musik bis zu diesem Zeitpunkt, so weiß man, dass die beiden auch ganz ohne solche Mittelchen aneinander gebunden sind: Isolde an ihn, seitdem sie den wehrlosen Mörder ihres Verlobten hätte töten können und es nicht tat, genauso wie Tristan an sie, der die starre Pflichterfüllung sucht, um sein Begehren zu unterdrücken. Doch wer sich gegens Gefühl zu panzern versucht, ist ihm oft umso mehr ausgeliefert. Der Trank bezeichnet dieses Umschlagen. Wenn der betrogene König Marke sehr viel später Tristan nach Brangänes Geständnis verzeiht, zeigt sich damit nur, dass von seiner Warte aus die Liebe zwischen Tristan und Isolde nicht zu begreifen ist.

Eine andere Perspektive ermöglicht die Musik, die das Ungesagte andeutet. In Wagners »Ring des Nibelungen« mit seinen relativ festgefügten Leitmotiven wissen die Hörer an vielen Stellen mittels Musik, was die Personen denken, aber nicht singen. In »Tristan und Isolde« sind die Zuordnungen zwischen Musik und einem konkreten Inhalt fast durchgehend uneindeutig. Das ist kein Mangel – man steht eben auf schwankendem Grund, und die Figuren lernen sich selbst erst allmählich kennen. In Harmonie, Klangfarben des Orchesters, Ineinander der musikalischen Motive, also: in der Differenzierung des Gefühls durch kompositorisches Kalkül erreichte Wagner einen um 1860 ganz neuen Stand. Noch vierzig Jahre später spielte diese Partitur bei der Entstehung einer Neuen Musik eine große Rolle.

Das Unausweichliche

Das Leipziger Gewandhausorchester unter Ulf Schirmer setzte das am Sonnabend nur zum Teil um. Nach einem äußerst differenzierten Beginn, der Takt für Takt den Einsatz der Klangfarben nahezu didaktisch zeigte, setzte es auf heftige Emotion. Das wurde nie grell und überladen, und es blieb hörbar, was zu hören sein soll. Aber das Dringliche, Zehrende, Erotisierende, das das Unausweichliche der Bindung von Tristan und Isolde sinnlich vermittelt, fehlte doch zuweilen.

Wie sehr man sich auf schwankendem Grund bewegt, zeigt hingegen das drehbare Bühnenbild von Étienne Pluss. Je nach Perspektive sieht man ein Schiffswrack, einen in Ruinen liegenden großbürgerlichen Salon, bei entsprechender Beleuchtung vielleicht auch ein zerfallendes Industriegebiet. Es ermöglicht unerwartete Durchblicke, und dank des geschickten Einsatzes von Projektionen ist die Bühne besonders im ersten Aufzug ein Raum, in dem nirgends sicherer Halt ist. Der Regisseur Enrico Lübbe weiß zunächst die Figuren sicher zu führen, findet erhellende Arrangements, vor allem gelingt ihm ein großer Moment: als nämlich Tristan und Isolde ihre Liebe nicht mehr leugnen können, aus der chaotischen Welt im Wortsinne herausfallen und ganz vorne auf der Bühne vor einem aus Neonleuchten gebildeten Rechteck zu sehen sind.

Leider behält Lübbe in den folgenden Aufzügen diese Trennung bei. Der Konflikt besteht jedoch auch darin, dass sich die beiden Liebenden, die sich der Welt enthoben fühlen, dennoch immer noch innerhalb dieser Welt befinden. Ein musikalischer Höhepunkt des Werks, die Liebesszene im zweiten Aufzug, leidet unter einem ständigen Wechsel zwischen den Bühnenebenen. Der Einsatz von stummen Doubles, ein Modephänomen gegenwärtiger Opernregie, steigert den Eindruck unübersichtlichen Gewusels. Der Höhe- ist hier ein Tiefpunkt. Meagan Miller als Isolde überzeugt in den kraftvoll-konfrontativen Passagen des Beginns mehr denn als Liebende. Auch Daniel Kirch als Tristan lässt die kriegerische Härte hören, mit der er zunächst fast stählern die Geliebte abweist. Auch der Verwundete des Schlussakts, der teils klagend und teils aufbegehrend auf Isolde wartet, gelingt ihm gut. Doch in der Liebe klingt er etwas unbeteiligt.

Liebe zum Tod

Es ist nun auch eine eigenartige Liebe, die Tristan und Isolde verbindet – wenn sie sie denn überhaupt verbindet. Sofort deutet sich an, was im Liebesduett explizit wird: dass es nicht um diesseitiges Glück geht, sondern um den Tod, um Weltverneinung. In dieser Hinsicht ist es stimmig, dass die Politik in die Vorgeschichte verlegt ist. Aber dass die Realität nicht auszugrenzen ist, zeigt sich nicht nur an den Problemen der Inszenierung. Wagner hat dies in sein Werk hineingenommen. Als Marke erfährt, dass er betrogen ist, bekommt er einen bewegenden Klagegesang (Sebastian Pilgrim mit dem überzeugendsten Auftritt des Abends): Wenn er auch wenig begreift, so hat er doch sein Recht.

Auch hat das Liebespaar Begleitfiguren, die bei näherem Hinsehen weit mehr sind als das. Sie vertreten das Realitätsprinzip, das so auch zu seinem Recht kommt. Isoldes Vertraute Brangäne behauptet (völlig unglaubwürdig), im Brautwerber Tristan nicht den früheren Verwundeten erkannt zu haben, tut alles für das Überleben und die Sicherheit der Königstochter. Barbara Kozelj singt sie kräftig gegen das ebenso kräftige Orchester, betont das Handlungsmächtige der Figur, macht aber die Zuneigung zu Isolde kaum spürbar. Jukka Rasilainen, der als Einspringer bei der Premiere Tristans Kameraden Kurwenal verkörperte, vermittelte zu Beginn die höhnende Soldatenkumpanei ebenso wie den Versuch am Ende, das für ihn Unbegreifliche zu begreifen. Wagner komponierte die Liebe zum gemeinsamen Tod wie auch das Leid, das sie bei den diesseits Liebenden hervorruft.

Nächste Aufführungen: 12. Oktober, 10. November, 14. März

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