Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

Wesentliche Dinge

Marmorner Monolith: Nick Caves ungewöhnliches Album »Ghosteen«
Von Alexander Kasbohm
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Und das Publikum hängt an seinen Lippen: Nick Cave

»Ghosteen« ist das erste Album, das Nick Cave geschrieben hat, seit sein Sohn Arthur 2015 in Brighton von einer Klippe stürzte und starb (»Skeleton Tree« von 2016 hatte Cave bereits vorher geschrieben, die Aufnahmen indes fanden später statt). Zu spekulieren, welchen Einfluss dieser Schicksalsschlag auf seine Kunst hat, wäre müßig, möglicherweise zynisch – ein Job, den andere Rezensenten erledigen sollen (und werden). Alles, was einem im Leben passiert, verändert einen. Doch am Ende steht der Rezipient vor dem Werk, und dieses Werk wiederum muss für sich alleine stehen.

Nick Cave hat sich wahrlich nie als »Pop-Chamäleon« hervorgetan, er bediente seine Kernklientel zuverlässig mit seiner sehr speziellen Art des Düsterpop, in den letzten Jahren jedoch deutete sich an, dass es unter der Oberfläche brodelt. Als erfüllte Cave die Sorge, sich in eine Ecke gepinselt zu haben. Wer weiß, vielleicht wachte er manchmal schweißgebadet auf, weil er geträumt hatte, er stünde mit Blixa Bargeld, Tom Waits und Ben Becker im Adlon, Rotwein trinkend, Hüte tragend, und sie würden zusammen irgendeinen furchtbaren Theaterkitsch über das Berlin der 20er Jahre ausbaldowern. Cave drohte, zusehends zum Feuilletonmusikanten zu werden. Und obwohl er nie ein richtig schlechtes Album aufgenommen hat, bewegte er sich doch immer entlang einer gefährlichen Grenze, mal auf der einen Seite, mal auf der anderen.

Einerseits gab es da nüchterne, geerdete Poperzählungen, andererseits mit ernstem Pathos vorgetragene, aufgesetzte Kirmes-Gothik: die schwarzen Abgründe der Seele, schunkelige Mordballaden, Deprotheatralik, die sich zu echten Depressionen verhält wie »Lukas der Lokomotivführer« zum Eisenbahnunglück von Eschede. Im Gegensatz zu anderen Düsterdarstellern aber ist Cave immer Künstler genug gewesen, niemals vollends ins Reich der Knallchargen hinabzugleiten. Selbst auf seinen schlechteren Platten ist manches zu hören, das einem Respekt abnötigt. Im Laufe seiner langen Karriere schrieb er auch immer wieder ausgesprochen gute Stücke. Allein, mit all seinen Alben, den besseren wie den schlechteren, hat »Ghosteen« wenig zu tun.

So nah wie hier war Cave dem Prog-Rock nie. Seltsamerweise ist das was Gutes, das Album eher Choral als Popalbum, voll berückender Schönheit, allerdings ohne Hits. Caves alter Wegbegleiter Warren Ellis steuert einen warmen elektronischen Hintergrundsound bei: Loops von Streichern und Chören, darüber Klavier und Gesang. Caves Stimme selbst ist kaum wiederzuerkennen, häufig singt er in hohen Tonlagen, die Stimme bisweilen dünn und brüchig, das Gegenteil seiner allseits bekannten. Schlagzeuger Thomas Wydler und Gitarrist George Vjestica sind zwar in den Album-Credits aufgeführt, nur hört man sie nicht, ihre Mitwirkung beschränkte sich vermutlich aufs Teekochen.

»Ghosteen« ist ein sanftes Werk, einfühlsam, die Schönheit der Welt annehmend. Dazu passt auch der Überkitsch des Covers: weiße Pferde, Schwäne, Flamingos, ein Lamm und ein Löwe trinken gemeinsam auf einer Lichtung, die aufgehende Sonne strahlt durchs Blätterwerk. Könnte als Poster in den Zimmern besonders sensibler 15jähriger hängen. Und genau das ist so stimmig, passt wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge: Wenn man sich auf die wesentlichen Dinge des Lebens konzentriert, gibt es keine Peinlichkeiten mehr, nur noch den Versuch, alles in sich aufzunehmen, was die Welt einem bietet. »Ghosteen« ist nachdenklich, gedankenverloren, gleichwohl unglaublich lebensbejahend auf eine Weise, die man von Nick Cave so kaum erwartet hätte.

Seine Texte sind gewohnt mächtig, voller Naturbilder – als Ausdruck von Gemütsbewegungen, als Metaphern. Bisweilen sind es auch einfach bloß Bilder der Natur. Die ebenmäßige Vertonung, weitgehend frei von Refrains, lässt den, sagen wir mal, »Erzähler« als integralen Teil dieser Natur erscheinen, nicht als Beobachter. Nick Cave als alter Baum im Wald, ein ewiger Hügel. »Ghosteen« ist keine Abfolge von Songereignissen, sondern ein knapp 70 Minuten andauernder Zustand, ein marmorner Monolith in Herbstbraun. Offiziell handelt es sich um ein Doppelalbum: Die erste Platte besteht aus acht etwa vier- bis siebenminütigen Stücken, die zweite aus den über zehnminütigen Stücken »Ghosteen« und »Hollywood«, unterbrochen von dem Spoken-Word-Track »Fireflies«.

Cave spricht im Info von den kurzen Stücken als »Kinder«, die beiden langen nennt er »Eltern«. Darüber könnte man länger nachdenken, man kann es freilich auch lassen. Denn im Grunde ist die gesamte Platte ein einziges langes Stück. Ein Album, das nicht allein im Œuvre Caves einzigartig ist, es weist überhaupt kaum Referenzen auf. Nach 40 Jahren im Geschäft etwas so radikal anderes zu wagen, ist ungewöhnlich. Dass dies so gut gelingt, ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Ein beeindruckendes Werk.

Nick Cave: »Ghosteen« (Rough ­Trade)

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