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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Vorteil Washington

Irans letzter Partner

Russland steht als Großinvestor in iranischen Erdgasprojekten inzwischen allein. US-Sanktionen gefährden zudem eigene Geschäfte
Von Reinhard Lauterbach
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Erdgasaufbereitungsanlage auf der russischen Jamal-Halbinsel

Die US-amerikanischen Sanktionen gegen den Iran entwickeln sich zu einer Universalwaffe zur Kontrolle des gesamten Welthandels. Jüngster Fall sind »Strafmaßnahmen« gegen die chinesische Reederei Cosco. Deren Schiffe haben in letzter Zeit – gegen den Willen der USA – iranisches Öl transportiert. China ist traditionell einer der größten Kunden für Rohstoffe aus der Islamischen Republik. Einer Tochtergesellschaft von Cosco, China LNG Shipping (CLNG), wiederum gehören sechs der 15 eisbrechenden Flüssiggastanker, die der russische Energiekonzern Nowatek gechartert hat, um von seinen Gasquellen auf der subarktischen Jamal-Halbinsel Flüssiggas nach EU-Europa zu transportieren.

Das Sanktionsrisiko besteht dabei darin, dass jeder internationale Hafen, in dem die CLNG-Gastanker ihre Ladung löschen, von Washington des Sanktionsbruchs beschuldigt werden kann. Deshalb hat Russland nach Angaben des norwegischen Portals Independent Barents Observer bereits reagiert: Erstens sind neue Transportrouten von der Jamal-Halbinsel definiert worden, die nur innerhalb der russischen Hoheitsgewässer verlaufen. Zweitens hat Russland auf der Kola-Halbinsel nahe Murmansk zwei einstweilen behelfsmäßige Flüssiggasterminals gebaut, in denen Gas umgeladen werden soll. Kurzfristig sollen offensichtlich die Flüssiggaskunden Russlands ihre Ware künftig dort abholen und auf eigenes Risiko weitertransportieren. Drittens aber plant Russland jetzt offenbar den Bau eigener Flüssiggastanker, die auch unter der Flagge des eigenen Landes laufen sollen. Nowatek äußerte sich zuversichtlich, dass das Unternehmen seine Lieferverpflichtungen werde einhalten können.

Als Reaktion auf die US-Sanktionen hat Anfang dieses Monats die staatliche chinesische Rohstoffgesellschaft CNPC (China National Petroleum Company) ihre Konzession zur Entwicklung eines Teils des iranischen Gasfelds South Pars im Persischen Golf zurückgegeben (siehe jW vom Dienstag). Das chinesische Unternehmen hatte noch 2018 seine Beteiligung um den 50prozentigen Anteil des französischen Total-Konzerns aufgestockt, der schon ein Jahr früher als die Manager aus dem Reich der Mitte kalte Füße bekommen und sich aus der Kooperation mit Iran zurückgezogen hatte. Ein Sprecher des US-Außenministeriums bezeichnete die Beijinger Entscheidung als klug und kommentierte sie auf Twitter mit dem Rat: »Wozu das eigene Vermögen gefährden?«

Dieser Rückzug lässt Russland als größten ausländischen Investor im iranischen Gasgeschäft zurück. Allerdings einstweilen wohl vor allem ein latenter in der Form, dass alle großen russischen Energiekonzerne Konzessionen zur Entwicklng iranischer Öl- und Gasfelder erhalten haben, ohne dass dort im Augenblick viel passiert. Schon 2017 hatte der US-Branchendienst »Inside Advisory« geunkt, Moskau habe den iranischen Präsidenten Hassan Rohani bei einem Besuch genötigt, Russland praktisch die Kontrolle über seine gesamten Gasvorräte und die Entscheidung darüber einzuräumen, was davon wann und zu welchem Preis exportiert werden dürfe. Moskau nutze die sanktionsbedingte Notlage des Landes, das dringend ausländische Investitionen braucht, um seinen Energiesektor zu modernisieren, schamlos aus. Das Portal zitierte eine Quelle in der EU-Gaswirtschaft mit der Aussage, Russland sei damit dabei, die Kontrolle über die weltweiten Erdgasreserven zu erlangen.

Ein anderes Fachportal aus den USA, oilprice.com, berichtete im August und September dieses Jahres, Russland habe sich im Gegenzug für Kredite im Umfang von angeblich 500 Milliarden US-Dollar neben der erwähnten Kontrolle über die Vermarktung der iranischen Ressourcen auch die Nutzung von zwei Militärstützpunkten an der iranischen Golfküste für die Dauer von 50 Jahren einräumen lassen. Dort sollten russische Kampfflugzeuge sowie auch U-Boote stationiert werden. An solchen Meldungen kann man freilich zweifeln, nicht nur wegen der phantastisch anmutenden Kreditsumme von der nicht erwähnt wurde, wie sie aufgebracht werden soll, sondern vor allem auch deshalb, weil strategisch nicht ersichtlich ist, was ein russischer U-Boot-Stützpunkt in dem relativ flachen und auch vom Westen leicht abzuriegelnden Persischen Golf bringen sollte. Nicht auszuschließen ist, dass hier eine neue »Achse des Bösen« konstruiert wird.

Unbestritten ist, dass Russland und der Iran das gemeinsame Interesse haben, das Aufkommen neuer Konkurrenten auf dem globalen Gasmarkt zu verhindern oder doch zu verzögern. Aus diesem Grund legten beide Länder im August Widerspruch gegen Pläne der Kaspisee-Anrainer Turkmenistan und Aserbaidschan ein, auf dem Grund des größten Binnensees der Welt eine Pipeline zum Export turkmenischen Erdgases nach Aserbaidschan und von dort über dessen Leitungen an Russland vorbei auf den europäischen Markt zu verlegen. Vorgebracht wurden Umweltbedenken. Da ist selbst dem Argument des US-Propagandasenders Radio Liberty, dass diese ökologisch begründeten Einwände angesichts der vielen Unterseepipelines, die Russland an anderer Stelle betreibt, wohl eher vorgeschoben seien, nur schwer zu widersprechen.

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