Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 09.10.2019, Seite 2 / Inland
Ökologische und soziale Frage

»Es geht nicht nur um ein Umweltproblem«

Abbau und Verbrennen von Kohle heizen Klimawandel an. Beides aber ebenso Teil einer neokolonialen Wirtschaftsordnung. Gespräch mit Lotta Tiller*
Interview: Gitta Düperthal
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Klimaschutzaktivisten blockieren die Fahrbahn der Hamburger Kattwykbrücke (4.10.2019)

Am Wochenende gab es mehrere Aktionen für einen sofortigen Kohleausstieg in Hamburg, Dortmund, Lünen, Salzgitter, Flensburg, Berlin und Bremen. Welches Ziel verfolgt das Bündnis »DeCOALonize Europe« mit Blockaden, Demonstrationen oder Kranbesetzungen?

Wir haben bundesweit darauf aufmerksam gemacht, dass der Handel und Verbrauch der klimaschädlichen Kohle beendet werden muss. Es gilt, die globale Lieferkette hier abzubrechen. Mit dabei waren sowohl junge als auch ältere Aktivistinnen und Aktivisten, erfahrene Genossinnen und Genossen sowie Schülerinnen und Schüler, die sich das erste Mal bei einer politischen Aktion engagierten.

In Hamburg blockierten rund 170 Menschen den Wasserweg zum Kraftwerk Moorburg und forderten die sofortige Schließung des größten deutschen Seehafens für den Umschlag von Steinkohle. Wie lief das ab?

Nach einer großen »Fridays for ­Future«-Demonstration am Freitag haben wir die Zufahrt zum Kohlekraftwerk Moorburg dichtgemacht. Auch für den Schiffsverkehr war kein Durchkommen mehr. Stundenlang blockierten wir die Kattwykbrücke im Hamburger Hafen. Dabei handelt es sich um eine Hubbrücke, die durch unsere Aktion nicht mehr hochgefahren werden konnte. Aktivistinnen und Aktivisten hatten sich von der Brücke abgeseilt, andere kurvten mit Paddelbooten im Wasser herum.

Hamburgs Kohlehafen steht beispielhaft für ein immenses Problem. Deutschland importiert große Mengen Steinkohle. Von der Hansestadt aus wird sie weiter in die ganze Republik transportiert. Hauptlieferanten sind Russland, Kolumbien, die USA, Australien, Polen, Südafrika und Kanada. Dazu muss man wissen, dass die Steinkohle ein maßgeblicher »Klimakiller« ist. Auch in Hamburg wird sie verbrannt, wodurch der Treibhauseffekt weiter verstärkt und die bereits existente Krise verschlimmert wird. Die Folgen davon spüren insbesondere Menschen im globalen Süden. Viele müssen wegen der Klimakatas­trophe aus ihrer Heimat fliehen.

Sie beschreiben die Bedingungen, unter denen in Ländern des globalen Südens Steinkohle abgebaut wird, als neokolonial. Wie ist das gemeint?

In bestimmten Regionen geht der Abbau fast immer mit Menschenrechtsverletzungen und Vertreibungen einher. Für diese neokolonialen Strukturen ist Deutschland mitverantwortlich. Ein Beispiel dafür ist der größte Steinkohletagebau Lateinamerikas, der sich in La Guajira, im Nordosten Kolumbiens, befindet. Um für große Minen Platz zu machen, werden dort Menschen aus ihren Dörfern vertrieben. Dabei entstehen riesige Löcher. Freilich kennt man dieses Problem auch hierzulande in Regionen, in denen Braunkohle abgebaut wird. Während hier Menschen aber noch entschädigt werden, werden Einwohner in Kolumbien verjagt und machen sich ausländische Firmen breit.

Bei Ihren Aktionen am Wochenende kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei.

Allerdings. Obgleich wir friedlich bei den Blockaden herumsaßen, wendeten die Einsatzkräfte Schmerzgriffe an. Arme wurden verdreht und Köpfe so stark zur Seite gedrückt, bis es weh tat. Wir vermuten, dass mit dieser Polizeistrategie jüngere Aktivistinnen und Aktivisten abgeschreckt werden sollen, sich an künftigen Protesten zu beteiligen. Etwa 80 Leute wurden in Gewahrsam genommen.

Nicht erst seit den kritischen Tönen gegenüber der Gruppierung »Extinction Rebellion« fragen sich viele: Wie antikapitalistisch ist die Antikohlebewegung?

Für mich ist es eindeutig: Wenn wir eine klimagerechte Welt wollen, dann brauchen wir den Systemwandel. Der Kapitalismus basiert auf der Ausbeutung von endlichen Ressourcen, will aber unendliches Wachstum. Das kann erstens nicht funktionieren und geht zweitens mit der Unterdrückung von Menschen einher.

Zur Zeit blockiert »Extinction Rebellion« Straßenkreuzungen in Berlin, vergangene Woche besetzte eine Gruppe das Karl-Liebknecht-Haus, die Parteizentrale von Die Linke. Einige meinen, mit solchen Aktionen suche man sich die falschen Gegner aus.

Über die Hintergründe weiß ich nicht im Detail Bescheid. Aber wenn Sie mich fragen, wie links die Klimabewegung sein sollte: Es geht hier nicht nur um ein Umweltproblem, sondern um soziale Gerechtigkeit weltweit. Dafür müssen wir gemeinsam kämpfen.

Lotta Tiller (* Pseudo­nym) ist im Bündnis ­»DeCOALonize Europe« aktiv

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