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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Gewerkschaftsstrategie

»Das muss man halt organisieren«

Bewegung gibt es, wenn Gewerkschaften reale Kämpfe führen. Ein Gespräch mit Michael Quetting
Von Susanne Knütter
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Kampf im Krankenhaus. Verdi-Demonstration für mehr Personal an der Uniklinik Tübingen (8.11.2017)

Einige aktive Gewerkschafter finden es falsch, die Pflege in den Mittelpunkt der Bewegung für mehr Personal in den Kliniken zu stellen. Warum sprechen Sie in erster Linie von Pflegestreiks und nicht von Krankenhausstreiks?

Richtig ist, es geht um Entlastung aller Berufsgruppen. Wir sind die Gewerkschaft, die sie alle im Krankenhaus organisiert. Und wir haben eben auch alle im Auge zu haben. Und doch gibt es eine Berufsgruppe, die besonders unter dem DRG-System (Klassifikationssystem für ein pauschaliertes Abrechnungsverfahren, jW) leidet – auf deren Rücken vor allem die Einsparungen vollzogen wurden. Das ist die Pflege. Wenn es gelingt, dort die Kräfte zu organisieren und in den Kampf zu führen, ergeben sich daraus Chancen für alle Beschäftigten im Krankenhaus. Die Auseinandersetzung an der Uniklinik Homburg wurde von den Pflegekräften getragen.

Sind die anderen Berufsgruppen vielleicht unterrepräsentiert, weil die Gewerkschaft bei Ihnen im Saarland in erster Linie Pflegekräfte angesprochen hat?

Wir sprechen vom Tarifvertrag »Entlastung für das Krankenhaus«, nicht vom Tarifvertrag Entlastung nur für Pflege. Aber die Pflege steht überall – auch im Altenheim und in Behinderteneinrichtungen – unter einem besonderen Druck. Und die einzige Chance der Beschäftigten, erfolgreich kämpfen zu können, ist, sich in der Gewerkschaft zusammenzuschließen. Ich will nicht leugnen, dass es da auch Überspitzungen gibt, die zu falschen Schlussfolgerungen führen. Aber es wird keine Berufsgruppe zurückgesetzt. Wir rufen alle auf.

Was ist die Strategie von Verdi für den Fachbereich 3 für die nächste Zeit?

Im Prinzip hat sich an dem Ansatz, auf der tariflichen, politischen und betrieblichen Ebene weiter das Thema Personalbemessung und Personalnot zu thematisieren, nichts geändert. Es geht ja letztlich um die Frage, wie geht es mit der Daseinsvorsorge weiter? Meiner Meinung nach ist nur deshalb so viel in Bewegung gekommen, weil wir insbesondere auf der tariflichen Ebene reale Kämpfe geführt haben und führen.

Wann werden Kämpfe geführt?

Überall da, wo die Voraussetzungen klar gegeben sind und die entsprechenden Gremien das wollen, sind Kämpfe in Gang zu setzen. 25 Prozent müssen organisiert sein. Natürlich können wir keine Kämpfe in Betrieben beginnen, wo die Interessenvertretung das nicht möchte. Es gibt auch Argumente im Falle der einen oder anderen kommunalen Klinik, den Kampf zu diesem Zeitpunkt nicht zu führen. Etwa weil das Krankenhaus um die schwarze Null kämpft. Ein Streik würde Nachteile bringen, und am Ende ist der Betrieb vielleicht von der Landkarte verschwunden.

Angenommen, es gibt einen Betriebsrat, einen Vertrauensleutekörper und eine kleine Betriebsgruppe, die in die Auseinandersetzung gehen wollen. Die haben aber noch keine 25 Prozent organisiert. Würde der Bundesvorstand da unterstützen?

Ich bin natürlich nicht der Bundesvorstand. Die Frage ist, warum haben die keine 25 Prozent? Wenn es eine kleine Gruppe gibt, die in die Auseinandersetzung gehen will, garantiere ich dir, ich bin in einem halben Jahr so weit. Die Frage ist, wie wir das organisieren und wie wir die Hilfe dafür organisieren. Ich bremse als Gewerkschaftssekretär oder Pflegebeauftragter keine Klinik. Verdi hat ein Projekt aufgelegt, das sich »Pflege. Auf. Stand« nennt. Meine Aufgabe darin ist es, den Pflegeaufstand zu organisieren und nicht, ihn zu bremsen.

Was ist zu tun?

Dort, wo Kollegen bereit sind, werden sie nicht gebremst. Am besten beginnen sie, indem sie Teamdelegiertenstrukturen aufbauen. Schafft die Voraussetzungen dazu. Schafft Strukturtests. Wenn wir zum Beispiel eine Petition machen, und es gelingt uns tatsächlich, die Mehrheit zu organisieren, kann ich mir nicht vorstellen, dass dann der Gewerkschaftssekretär sagt, wir werden keinen Kampf führen.

In Mainz hat die Mehrheit der Beschäftigten kürzlich durch eine Petition Druck auf die Lohnverhandlungen ausgeübt, dass hatten wir noch nicht erlebt. Aber das muss man halt organisieren. Bis die Mehrheit da ist. Das verlangt einen genauen Überblick, wer hat in meiner Station oder Abteilung unterschrieben, wer hat nicht unterschrieben. Wer ist in Verdi und wer nicht? Und später braucht man einen Überblick, wer ist in meiner Station bereit zu streiken und wer nicht? Man muss diese Kämpfe konkret vorbereiten.

Michael Quetting ist von Verdi ernannter Pflegebeauftragter für das Saarland und Rheinland-Pfalz

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