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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 9 / Kapital & Arbeit
Allein gelassen

Beijing geht von Bord

Enormer Druck der USA: Ausstieg aus gemeinsamem Gasprojekt mit dem Iran deutet Grenzen chinesischer Risikobereitschaft an
Von Knut Mellenthin
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Iranische Arbeiter vor einer Anlage des South-Pars-Gasfeldes im Hafen von Asaluja am Persischen Golf

Iran muss die Entwicklung seines Anteils am größten bekannten Erdgasfeld der Welt künftig allein finanzieren. Am Sonntag gab Erdölminister Bidschan Namdar Sangane bekannt, dass sich die China National Petroleum Corporation (CNPC), einer der drei großen chinesischen Staatskonzerne auf dem Öl- und Gassektor, aus ihrer Mehrheitsbeteiligung an der »Phase 11« des South-Pars-Feldes zurückgezogen habe. Es geht dabei nach iranischen Angaben um ein geplantes Investitionsvolumen von möglicherweise mehr als 2,5 Milliarden US-Dollar (2,28 Milliarden Euro). Den Anteil der CNPC übernimmt das iranische Staatsunternehmen Petropars, das nunmehr 100prozentiger Träger des Projekts in diesem Abschnitt ist.

Monatelange Untätigkeit

Die Entscheidung kommt nicht überraschend. Schon seit Monaten wirft das Teheraner Ölministerium der chinesischen Seite völlige Untätigkeit vor. Am 8. Juli hatte Sangane über das iranische Staatsfernsehen mitgeteilt, dass die Regierung eine Bitte der CNPC abgelehnt habe, ihre Aktivitäten in Phase 11 »suspendieren« zu dürfen. China müsse den Kontrakt entweder erfüllen oder von diesem zurücktreten, forderte der Minister. Leicht kann den Iranern dieses Vorgehen angesichts der strategisch enorm wichtigen Beziehungen zur Volksrepublik nicht gefallen sein. Sangane äußerte damals die Hoffnung, dass eine »alternative Lösung« gefunden werden könnte, da China »ein Freund Irans« sei.

Das gesamte Gasfeld liegt fast ausschließlich unter dem Meeresboden des Persischen Golfs. Annähernd zwei Drittel gehören zum Emirat Katar, etwas mehr als ein Drittel zum Iran. Die Benennung des Gasfelds ist uneinheitlich. Im Iran wird das Feld insgesamt South Pars genannt. International vorherrschend ist aber die Bezeichnung als »South Pars/North Dome field«, wobei letzteres die Bezeichnung Katars für seinen Teil ist. Das Gesamtfeld enthält vermutlich fast doppelt soviel Erdgas wie das nächstgrößere in der Weltrangliste, das in Turkmenistan liegt, und wird auf 18 Prozent der bekannten globalen Erdgasreserven geschätzt.

Iran hat seinen Teil des Feldes in 24 geographische Abschnitte, Phasen genannt, parzelliert, für die es jeweils eigene Entwicklungspläne gibt. Im Dezember 2018 teilte die Pars Oil and Gas Company (POGC), die die Tätigkeiten im South Pars koordiniert, mit, dass mit Ausnahme der Phase 11 die Entwicklung aller anderen Abschnitte bis zum Ende des nächsten persischen Kalenderjahres, das heißt bis zum 20. März 2020, abgeschlossen sein werde.

CNPC steigt ein – und aus

Für die Phase 11 war am 3. Juli 2017 ein spezieller Kooperationsvertrag geschlossen worden, von dem sich die iranische Seite nach Aussagen des Ölministeriums erstens die Nutzung und Aneignung von Erfahrungen der Partner und zweitens eine Schubkraft für das Werben um ausländische Investitionen in die Energiewirtschaft versprochen habe. Die US-Regierung hatte solche Investitionen jahrelang durch strenge Sanktionsdrohungen verhindert. Mit dem 2015 unterzeichneten und im Januar 2016 in Kraft getretenen Wiener Abkommen hatten die USA auf diese Sanktionen verzichtet. Im Kontrakt vom 3. Juli 2017 übernahm der französische Konzern Total einen Mehrheitsanteil von 50,1 Prozent an dem Projekt. Partner waren die CNPC mit 30 und die heimische Petropars mit 19,9 Prozent.

Donald Trumps Einzug in das Weiße Haus in Washington änderte alles. Am 8. Mai 2018 erklärte er den Ausstieg der USA aus dem Wiener Abkommen und kündigte die Reaktivierung aller Sanktionen an. Acht Tage später zog sich Total aus dem Projekt zurück, nachdem es mit seinen seit Monaten laufenden vorbeugenden Versuchen, über die französische Regierung eine Ausnahmegenehmigung der US-Administration zu erhalten, gescheitert war.

Im August 2018 berichteten Irans Nachrichtenagenturen, dass CNPC den Anteil von Total übernehmen und somit künftig 80,1 Prozent des Projekts halten werde. Ob diese Darstellung jemals ganz stimmte, muss als ungeklärt gelten. Dagegen spricht, dass die Nachrichtenagentur Reuters schon am 14. Dezember 2018 meldete, dass der chinesische Konzern dem Druck der USA nachgegeben und seine Investitionen in die Phase 11 eingestellt habe.

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