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Aus: Ausgabe vom 08.10.2019, Seite 5 / Inland
Automobilindustrie

Mutterkonzern streicht Geld

PSA verlangt von Opel, mit »20 Jahre alten Maschinen« zu produzieren. Weniger Pkw verkauft. Nachtschicht gestrichen
Von Bernd Müller
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Bei Opel rollen immer weniger Autos vom Band (Produktion in Eisenach, 28.8.19)

Bei Opel rollen weniger Autos vom Band. Laut einem Bericht des Handelsblatts (Montagausgabe) liegt das Werk in Eisenach bei der Ende August gestarteten Produktion deutlich hinter den geplanten Zahlen zurück. Statt 220 Autos pro Schicht würden nur etwa 90 gefertigt. In Unternehmenskreisen sei von einer »krassen Fehlplanung« die Rede.

Das zum französischen Konzern PSA (u. a. Peugeot, Citroën) gehörende Unternehmen wollte die Zahlen und Vorwürfe nicht kommentieren. Ein Sprecher verwies darauf, dass es keine Schwierigkeiten gebe, die Erwartungen der Kunden zu erfüllen.

Gebaut wird der SUV »Grandland X« derzeit noch an zwei Standorten, aber die Produktion des Modells im französischen Stammwerk Sochaux wird nach Angaben des Handelsblatts voraussichtlich Anfang 2020 auslaufen. Produktionsschwierigkeiten in Eisenach dürften dann deutlicher zu spüren sein. Hierzulande wird der SUV erstmals auf der flexiblen EMP2-Plattform hergestellt. Das Besondere an dieser ist, dass damit auf einer Fertigungslinie sowohl Diesel, Benziner als auch elektrische Varianten produziert werden können, was modernste Technik voraussetzt. Doch daran wollte PSA offenbar sparen, wie das Handelsblatt aus Konzernkreisen erfahren haben will. PSA sei der Meinung gewesen, »mit ganz wenig Geld ganz viel produzieren zu können«. Den Monteuren habe man teils 20 Jahre alte Maschinen vorgesetzt, und bei der IT hake es. Der Betriebsrat habe das Management gedrängt, in bessere Maschinen zu investieren. Doch die Werksleitung gebe den Opel-Anlagenbauern die Schuld. Diese müsste auch mit der bestehenden Technik die geforderten Qualitätsansprüche erfüllen.

Besorgniserregender ist die Situation bei den Opelanern im Stammwerk Rüsselsheim. Dort wird die Limousine »Insignia« montiert, doch das Modell wird immer weniger gekauft. Der Vergleich des ersten Halbjahres 2019 mit dem gleichen Zeitraum des Vorjahres offenbart einen Rückgang von mehr als 31 Prozent. Dies hat zur Folge, dass vorübergehend die Spätschicht gestrichen wird. Betroffen sind 2.600 Beschäftigte, die für sechs Monate auf Kurzarbeit gesetzt werden sollen. Ein Unternehmenssprecher bezeichnete dies als »sozialverträgliche Brückenlösung«.

Bis 2023 ist das Unternehmen tarifvertraglich gebunden und muss auf betriebsbedingte Kündigungen verzichten. Deshalb hatte es umfangreiche Programme gestartet, um die Zahl der Arbeitsplätze mit Abfindungen, Altersteilzeit und Vorruhestand zu verringern. Mehr als 6.000 Beschäftigte an den verschiedenen Standorten sollen diesen Weg bereits beschritten haben. Ende Juni erst hatte Opel beschlossen, in den nächsten Jahren auch im Rüsselsheimer Stammwerk noch einmal 600 der 2.600 Beschäftigten auf diese Weise loszuwerden.

Das reicht dem Konzern aber offenbar immer noch nicht, denn im Sommer war die Produktion des Familienwagens »Zafira« an dem Standort ausgelaufen, und die Fertigung des Kompaktwagens »Astra« startet erst 2021. Das Handelsblatt hatte am vergangenen Donnerstag berichtet, dass deshalb in Konzernkreisen ein erheblicher Personalüberhang und der nächste Stellenabbau als unvermeidlich gesehen werde. In Getriebewerken, Schmieden, Werkzeugbau, Presswerken und Warenverteilzentren müssten dann voraussichtlich noch einmal 600 Beschäftigte gehen.

Hintergrund ist der verschärfte Konkurrenzkampf auf dem Automarkt. Dieser schrumpft in diesem Jahr voraussichtlich um fünf Prozent und erhöht somit den Profitdruck.

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