Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Schwarzer Humor

Zu jW vom 23.9.: »›Brexit‹-Streit in Brighton«

Vielleicht steht hinter der Debatte über diesen angeblichen »Brexit« einfach nur guter alter »schwarzer britischer Humor«? Oder habe ich etwas verpasst? Wann sind die Briten wirklich in die EU eingetreten? Zahlen sie denn nicht bis heute in Pounds, Shillings und Pence, fahren sie nicht noch immer auf der linken Seite, messen sie nicht immer noch in Miles, Yards, Feets und Inches, wiegen sie nicht immer noch in Ounce und Pounds, werden Flüssigkeiten nicht immer noch in Pints und Quarts und Gallons unter die Leute gebracht? Wann, bitte sehr, ist das Vereinigte Königreich in die EU eingetreten, ohne sich in allem eine Sonderstellung zu sichern? Vielleicht war das auch nie so gedacht, vielleicht wollte ja Good Old Britain schon immer nur die Rechte einer EU-Scheinmitgliedschaft, aber, for the Queen’s sake, natürlich nicht die Pflichten. Ach ja klar, die Herrschenden im UK brauchten natürlich immer dann die EU, wenn ihr großer Bruder in Washington wieder mal zum Krieg für »Demokratie und Freiheit« aufrief! Wir sind so eine Art Kanonenfutter für die beiden »ganz besonderen Freunde«. Eigentlich ein bisschen doof für uns, oder?

Claudio Coladangelo, per E-Mail

Sinti und Roma vergessen

Zu jW vom 27.9.: »Der Mordapparat«

Ein zeitgeschichtlicher Rückblick auf das »Reichssicherheitshauptamt« (RSHA) passt sicher gut auf die Themenseiten der jW. Er enthält jedoch eine Leerstelle. Dass das Amt V federführend auch in der Verfolgung von Homophilen und bei Verstößen gegen den Paragraphen 218 gewesen sei, ist gewiss einen Hinweis wert. Aber leider bleiben die Sinti und Roma wie so oft unerwähnt. Es war das Amt V, das Reichskriminalpolizeiamt, in dem sich die Verantwortlichen für die Vernichtung dieser Minderheit drängten, die auch zu den Opfern der von RSHA-Offizieren geführten Einsatzgruppen gehörte. (…)

Dr. Ulrich Opfermann, Tönisvorst

Nicht vom Himmel

Zu jW vom 30.9.: »Rechte rüsten auf«

Es ist Eurem Anspruch, eine streng aufklärerischen Prinzipien genügende Zeitung zu machen, alles andere als angemessen, das Gerede vom »Rechtsruck« ständig so wiederzukäuen, als sei das über die Menschen gekommen wie eine Naturkatastrophe. Benennt die Dinge, wie sie sind: Die rechten Schläger werden von bürgerlichen Parteien unterstützt, in einer Mischung aus Grusel- und Faszinationsjournalismus populär gemacht, vor allem aber von den staatlichen Repressionsorganen geduldet, wenn nicht gar mit Sympathie und Anteilnahme gepäppelt. Die Rede vom »Rechtsruck« dient nur der Verschleierung der Ursachen, damit (…) der Anschein von demokratischer Rechtsstaatlichkeit gewahrt bleibt.

Ralph Schmidt (über die Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Von China lernen

Zu jW vom 2./3.10: »Politstreber des Tages: Stefan Liebich«

Während den einen oder anderen Normalsterblichen schon mal Zweifel überkommen, was denn für ihn nun gut oder besser sei, scheint der außenpolitische Sprecher der Bundestagsfraktion der Partei Die Linke, Stefan Liebich, von solchen Irritationen frei zu sein. Weiß er doch sogar, was für 1,4 Milliarden Chinesen das Beste wäre, wenn sie doch nur endlich bereit wären, seinen abendländischen Weisheiten zu folgen. Aber bereits im 17. Jahrhundert scheiterte der Versuch der Jesuiten, die Chinesen mit Weihrauch einzulullen und zu missionieren. Und selbst die Opiumkriege Großbritanniens (später auch Frankreichs) gegen das Reich der Mitte im 19. Jahrhundert sowie die brutale Niederschlagung des »Boxeraufstandes« um die vorletzte Jahrhundertwende bewirkten keine nachhaltige Unterwerfung Chinas unter die imperialistische Arroganz und die Begehrlichkeiten des Westen. So dürften wohl auch die außenpolitischen Sticheleien von transatlantischen Politmarionetten à la Liebich die Chinesen nicht von ihrem Kurs abbringen. Statt dessen sollte der Westen vielleicht mal wieder darüber nachdenken, was er eventuell von China lernen könnte. So fanden z. B. schon im Jahre 1693 in Berlin auf Anordnung des preußischen Königs Friedrich I. die ersten europäischen Beamtenprüfungen nach konfuzianischem Vorbild statt (…). Eine solche Praxis wäre ein erheblicher Zugewinn für unser Land und würde der Bevölkerung eine Menge substanzloses Politikergelaber sowie peinliches Profilierungsgehabe ersparen.

Reinhard Hopp, per E-Mail

Ossietzky feiern

Zu jW vom 2./3.10: »›Wollen Wut der Leute ­gezielt aufgreifen‹«

Am 3. Oktober gab es den Anschluss der DDR an die Bundesrepublik und damit wieder ein großes Deutschland. Zehn Jahre später war Deutschland erneut im Krieg, von einer »rot-grünen« Bundesregierung durchgesetzt. (…) Es gibt also nichts zu feiern am 3. Oktober? (…) Doch: Am 3. Oktober 1889 wurde ein Mann geboren, der wie kaum ein anderer den Militarismus und Nationalismus bekämpft hatte: Carl von Ossietzky, Journalist, Aktivist der Deutschen Friedensgesellschaft und Friedensnobelpreisträger. Ihm wurde der Preis zuerkannt, als er von den Hitlerfaschisten im Konzentrationslager eingesperrt war. Ossietzky stellte fest: »Der Krieg ist ein besseres Geschäft als der Friede. Ich habe noch niemanden gekannt, der sich zur Stillung seiner Geldgier auf Erhaltung und Förderung des Friedens geworfen hätte. Die beutegierige Canaille hat von eh und je auf Krieg spekuliert.« 1931 veröffentlichte Ossietzky auch einen Artikel »Zur Reichsgründungsfeier«, ohne ahnen zu können, dass das wiedervereinigte Deutschland sein Jubiläum genau auf seinen Geburtstag legen würde. »Sie mögen ihr Reich feiern, die Fragmente der ehemaligen Herrenkaste, die Militärs, die hohe Bürokratie, die Besitzer von Geld, Land und Menschen. Die Republik hat damit nichts zu tun. Die Republik nennt diese amtliche Feierei Verrat an ihrem Geist …« Feiern wir nicht mit unserer Herrenkaste, feiern wir lieber den Geburtstag von Carl von Ossietzky!

Ralf Cüppers, Flensburg

Die Rechten werden von bürgerlichen Parteien unterstützt, durch eine Mischung von Grusel- und Faszinationsjournalismus populär gemacht und von den Repressionsorganen geduldet.

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