Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
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Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 12 / Thema
Unterwegs im Osten (Teil 3)

Wie es war

Am 7. Oktober 1949 wurde die Deutsche Demokratische Republik gegründet. Eine Erinnerung
Von Burga Kalinowski
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Die Deutsche Demokratische Republik war für viele Menschen eine Hoffnung. Das soll heute vergessen gemacht werden – Kundgebung anlässlich der Gründung der DDR am 7. Oktober und der Wahl ihres ersten Staatspräsidenten Wilhelm Pieck (Berlin, 11.10.1949)

Das Jahr 2019. Deutschland und seine Daten: 1949 Gründung der DDR, 1989 »Wende« und Ende. Eine dritte Jahreszahl muss immer mitgedacht werden: 1939, der Überfall auf Polen, Zweiter Weltkrieg, Holocaust. Will man die historische Beziehungskette vollständig, gehört auch 1919 dazu: das Jahr der verratenen Novemberrevolution. Das ganze 20. Jahrhundert trägt Narben aus Zeiten der Verbrechen und Verluste, von Elend, Tod und Schmerz. Und Hoffnungen. Jede Zahl führt ins Heute. Auf der Suche nach der gewesenen Zeit: 70 Jahre, 30 Jahre. Was bleibt, was verändert das Leben, was vergisst man nie? Teil 3 unserer Serie über den Osten. (jW)

Vor einigen Wochen vermeldete die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, dass ältere Ostdeutsche zunehmend und gern ihre DDR-Erfahrungen weitergeben wollen. Wenn ich es richtig verstanden habe, rekrutierte ein seit zehn Jahren bestehendes, von Bund und Ländern finanziertes Onlineportal zirka 360 Zeitzeugen, die nunmehr bundesweit an Schulen und andere Bildungseinrichtungen vermittelt werden können, um dort geschichtsdrögen Lehrern, Kindern, Jugendlichen von der DDR zu erzählen. Die reine Wahrheit? Wessen Wahrheit? Als Themen werden von der Bundesstiftung zum Beispiel genannt: Gefangenschaft in sowjetischen Gulags oder Speziallagern. Da frage ich mich doch, wie sind sie dort hingekommen, 4.000 Kilometer und mehr? Wahrscheinlich mit geländegängigen Fahrzeugen wie dem »Panther«, einem Panzer vom Unternehmen MAN, als deutsche Antwort auf den sowjetischen »T-34« entwickelt. Oder kamen sie mit dem »Tiger«, dem kampfstärksten Wehrmachtspanzer, ab 1942 an der Front, »um den Russen zu besiegen«? Ist nichts geworden mit dem Sieg, dafür Gefangenschaft im Gulag. So was kommt von so was, sagt der Volksmund in solchen Fällen.

Des weiteren, so die Meldung, soll der Wissensstand über Fluchtversuche aus der DDR, über Häftlingsfreikauf, über Widerstand und politische Haft aufgemöbelt werden. Nicht, dass es das nicht gegeben hat. Schlimm genug. Und weg- oder schönreden sollte man es auch nicht. Allerdings: Glaubt wirklich wer, dass so DDR-Leben war? Dass das die DDR-Erfahrungen von Millionen Menschen sind? Ich habe mit unterschiedlichen Leuten gesprochen. Hier ihre Erinnerungen.

Konsequenz der Geschichte

Ein Freitag vor gefühlt hundert Jahren. Später Vormittag. Der Marktplatz in Quedlinburg ist voller Menschen. Sie stehen dicht am Rathaus und vor dem Grünhagenhaus, einem unter Denkmalschutz stehenden Patrizierbau von 1701, sie drängeln sich am neueröffneten HO-Kaufhaus. Die meisten gucken erwartungsvoll zu einer kleinen Tribüne. Schulkinder schwatzen, schubsen, lärmen. Aus Lautsprechern ertönen Kampf-und Arbeiterlieder. Oder spielte vielleicht auch eine kleine Blaskapelle? Fahnen wehen. Sie sind rot und schwarz-rot-gold. Irgendwie ist es ein bisschen feierlich. Über dem Markt flattert ein von Seite zu Seite gespanntes Riesentransparent. Darauf steht: »Es lebe die Provisorische Regierung der DDR.« Es ist der 7. Oktober 1949, Gründungstag der DDR.

Sonja Striegnitz erinnert sich bis heute so genau daran, weil die damals 13jährige das Wort »provisorisch« nicht kennt, es macht sie neugierig. Auch die Stimmung auf dem Platz gefällt ihr. Vielleicht trifft sie sogar ihre Mutter in dem Gedränge hier. Sie arbeitet in dem neuen Kaufhaus in der Strumpfabteilung. Ein halbes Jahr später, am 8. März 1950, wird Dorothea Striegnitz Aktivistin – als Anerkennung für ihre gute Arbeit. Bestimmt gab es zur Feier des Tages für ihre Tochter Sonja ein Schweinsohr aus der HO. Für 1,20 Mark der DDR, damals. Die Aktivistenurkunde liegt immer noch in einer der ordentlich sortierten Mappen, die Sonja Striegnitz für unser Gespräch Ende September herausgesucht hat. Allein dieses Papier sagt viel über die Zeit damals: Es ist handgemalt, Strich für Strich und sorgfältig wurde aus einem gewöhnlichen Stück Pappe ein ehrendes Dokument für die Verkäuferin. Fertigdrucke gab es noch nicht.

Überall in der Sowjetischen Besatzungszone finden an diesem Oktoberwochenende 1949 sowie in den folgenden Tagen ähnliche Kundgebungen statt. Ab 1950 ist der 7. Oktober ein Feiertag im Kalender. Da wird tatsächlich gefeiert, demonstriert und sich gefreut über einen Anfang aus Hoffnung und mit Idealen. Das politische Vorhaben der DDR-Gründergeneration ist deutlich, findet Zustimmung und Respekt: den Faschismus mit Stumpf und Stiel auszurotten und die kapitalistische Welt umzukrempeln. In zwei Worten: Antifaschismus und Sozialismus. Es war die Zeit der Losungen: von »Junkerland in Bauernhand!« und »Nie wieder Krieg!« bis zu »Blaue Fahnen nach Berlin!« und »Lang lebe der Genosse Stalin!« Es war die Zeit für Irrtümer, vor allem aber der großen Erwartungen und des Abwartens. Es war ein Anfang nach dem Ende. Versprechen auf Zukunft.

Andere spucken darüber Gift und Galle. Die geistigen Schmuddelreste des »tausendjährigen Reiches« wirken nach. Mehr noch, sie werden reanimiert und neu bestückt: Der Kalte Krieg hat begonnen, die Anti-Hitler-Koalition ist Vergangenheit. Die Adenauer-Regierung der bereits im Mai 1949 entstandenen Bundesrepublik zetert über die »roten Spalter« im Osten. Die neuen Eliten in Bonn sind die alten, waren Hitlers Hintermänner, Gefolgsleute, Kriegsverbrecher. Manche wurden gerade erst vorzeitig aus alliierter Gefangenschaft entlassen. Man braucht sie wieder. Für fast ein halbes Jahrhundert gehen ihnen per 7. Oktober 1949 fortan Land und Leute, auch »Brüder und Schwestern« genannt, durch die Lappen. Bedeutendes Human-und Realkapital des Ostens ist für sie nicht mehr verfügbar. Wirtschaftlich und politisch mindestens ärgerlich. Um so mehr und lauter wird von Werten und Nation palavert. Bis heute. Rund vierzig Jahre später erfolgt durch die Treuhandanstalt die Revanche: Privatisierung und Reorganisation des volkseigenen Vermögens der DDR. Eine chilenische Freundin sagte mir: »Darum geht es immer. Deswegen hatten wir 1973 den Putsch und Pinochet und ihr eben die Treuhand mit Breuel.«

1949 geht es erst mal anders. Die Gründung der DDR ist eine politische Konsequenz der europäischen Zeitgeschichte – eine Zäsur in der deutschen Geschichte. Historisches Ereignis und Signatur der folgenden Zeit.

Die Presse-und Bildagentur der DDR, Allgemeiner Deutscher Nachrichtendienst-Zentralbild (ADN-ZB), textet zu einem Foto des Bildreporters Otto Donath: »Im Gebäude der DWK (Deutsche Wirtschaftskommission) in der Leipziger Straße in Berlin fand am 7. Oktober die neunte Tagung des Deutschen Volksrates statt, auf der die DDR gegründet und das Manifest ›Die Nationale Front des demokratischen Deutschland‹ verabschiedet wurde.« In der Bildunterzeile heißt es: »Die jüngste Abgeordnete der Volkskammer, Margot Feist, beglückwünscht Wilhelm Pieck, Politbüro der SED, zu seiner Wahl als Staatspräsident.« Kein Herr »von und zu« an der Spitze, kein Jurist, kein Manager, kein Industrieller, sondern ein Tischler und von der deutschen Reichsregierung verfolgter Kommunist. Im August 1933 stand sein Name auf der ersten Ausbürgerungsliste der Nazis. In Paris und Moskau fand Pieck Exil.

Ein Tischler! Ein Antifaschist! Nun Präsident. Der vom Westen angepöbelte Chef des »Spalter-Staates« wird am 5. November 1949 den Liedtext von Johannes R. Becher »Auferstanden aus Ruinen« mit der dazugehörigen Melodie Hanns Eislers als Nationalhymne der DDR bestätigen. Zur Melodie von »Deutschland, Deutschland über alles« feiert man im Westen weiter. Im Osten lernen Schulkinder das neue Lied, das den Frieden preist und den Aufbau – und »dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint«. Die Zeile »Deutschland, einig Vaterland« wird bis Anfang der 1970er Jahre gesungen. Dann nicht mehr. Aus der Traum, hüben wie drüben.

Manche Dinge haben Bedeutung und sind Symbol. Egal, ob man sie mag oder nicht. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Von den 709 Abgeordneten im aktuellen Bundestag gehören vier im weitesten Sinne zur Arbeiterklasse: ein Fleischer, ein Maurer, ein Bergmann, ein Lokführer. Die Zahl entstammt der kürzlich ausgestrahlten ARD-Dokumentation »Wer beherrscht Deutschland?« Gute Frage.

Frieden auf russisch

Als der Krieg zu Ende geht, ist Sonja Striegnitz neun Jahre alt. Was merkt sich ein Kind in solchen Zeiten, wo jeder Tag, jede Stunde Unheil bringen kann? Bilder wie in einem Kaleidoskop. Wechselnde Erinnerungen im Guckfenster: Die Fahrt mit Mutter und Bruder nach Rauen, einem kleinen Dorf bei Fürstenwalde. Hier bleiben sie. Der Krieg kommt nach. Die Rote Armee rückt gegen die deutsche Hauptstadt vor. Sonja Striegnitz schreibt an ihre Großmutter: »Die Russen sind schon ganz nah, wir hören den Kanonendonner von der Oder.« Ein anderes Bild: Asche und verbranntes Papier fallen vom Himmel – der Wind hat es aus Berlin hergetragen. Anfang Februar 1945 fand ein letzter großer Bombenangriff statt, Trümmer und Asche in der Frankfurter Allee, ihr Wohnhaus in der Boxhagener Straße steht nicht mehr. Ausgebombt. Und wieder eine Erinnerung: Kriegsende in Rauen. Drei Tage im Keller. Der Hausbesitzer ein Nazi, Morphinist, mit einer Pistole unterm Kopfkissen, eine Gefahr für alle. Beschuss mit Katjuschas, das Pfeifen der Raketenwerfer, die Einschläge. Dann die Befreiung: Leutnant Goldenberg ist der erste Soldat, der in den Keller kommt. Draußen Zerstörung und Tod. Alle hatten Angst, sie nicht. Sie lernt ihre ersten russischen Worte, eine altertümliche Anrede, von einer Emigrantin: »Mily gospodin komendant« (lieber Herr Kommandant). So beginnt für sie der Frieden. Nie wird Sonja Striegnitz vergessen, dass er auf russisch kam.

Normalität stellt sich ein. Umzug nach Quedlinburg mit Hunger, Schule, dem ersten Russischunterricht. Als junger Pionier macht sie Wandzeitungen über den Tag der Befreiung und verkauft Abzeichen für die Nationale Front. »Wir hatten das Gefühl, dass es wichtig war.« Ihre Mutter Dorothea Striegnitz fährt durch die Harzdörfer und tritt gegen die Wiederaufrüstung in Westdeutschland auf, arbeitet im Demokratischen Frauenbund Deutschlands für die Gleichberechtigung der Frauen, für ihre berufliche und politische Entwicklung. Ein Vorbild für die Tochter. »Leider war sie oft von zu Hause weg. Ich glaube, meine Mutter war sehr für Gerechtigkeit, sie kümmerte sich um andere Menschen, war an allem interessiert, las viel, besuchte Lehrgänge.« 1907 geboren, geht sie nach der achten Klasse von der Schule ab, arbeitet im jüdischen Kaufhaus Gerson in Berlin in der Textilabteilung. Sie hätte gern mehr gelernt. Auch deshalb sorgt sie dafür, dass Sonja auf die Oberschule geht, der Bruder lernt erst mal Maschinenschlosser. Ein Kraftakt besonders finanziell für die geschiedene und alleinerziehende Mutter. Sonja Striegnitz erinnert sich daran, dass sie in der Oberschule ein Stipendium bekam. 40 Mark im Monat halfen der Familie über die Runde. Sonja geht gern zur Schule und macht ein sehr gutes Abitur.

In diese Zeit fällt die Verabschiedung eines Gesetzes, das für die neuen Ziele im neuen Staat nun auch neue Wege für Frauen eröffnet. Jederzeit nachzulesen im Internet ist das Gesetz über den Mutter-und Kinderschutz und die Rechte der Frau vom 27. September 1950. Alles nicht üppig in der Finanzierung, aber politisch unbedingt gewollt. Nur: Wenn dieses neue Land überhaupt etwas reichlich hatte, dann keine Mittel und Ressourcen. Dafür wollte es viel. Vielleicht zuviel? Im sperrigen Politsprech wird die Dimension der historischen Veränderung deutlich. Sie meinten es ernst und führten es durch: zum Beispiel die Gleichstellung der Frau in Beruf und Ehe, Schwangerschafts- und Wochenurlaub, Einrichtungen für Betreuung und Erziehung von Kindern. Außer Schulen, Heimen und Kindergärten befahl das »Unrechtssystem«, auch noch Kindertheater und Pionierpaläste zu bauen, ein Kinderfilmfestival wurde frühzeitig veranstaltet, und diese furchtbaren, das Regime stützenden Kinderferienlager gab es auch noch – und fast umsonst. Pfui, kann man da als ordentlicher freiheitlicher Bundesbürger nur sagen.

Allein dieses 1950er-Gesetz – wie auch das spätere Familiengesetz – macht das Land DDR zum Fortschrittsland. Von allen Dokumenten und Proklamationen der DDR beeindruckt es am meisten. Es ist ein Dokument hochfliegender Träume, realistischer Ziele, pragmatischer Maßnahmen. Es beinhaltet und signalisiert Veränderung ewig alter Verhältnisse und Gewohnheiten. Tatsächlich ist es ein Angriff auf die bisherige Gesellschaftsstruktur, ebenso bedeutend wie die Änderung der Eigentumsverhältnisse, also die Frage, wer Eigentümer der gesellschaftlichen Produktionsmittel ist. Der ideelle Wert dieses ersten Familiengesetzes wird bis heute durch viele DDR-Frauen repräsentiert, seine praktische Wirkung wurde gar durch Angela Merkel ins Mittelalter West eingeschleppt. Auf jeden Fall brachte es ein Stück der sozialistischen Vision in den Alltag. Nicht das einzige Beispiel. Ein Sozialrichter aus tiefer Westprovinz fragte mich in den 1990er Jahren fast entsetzt: »Warum habt ihr das aufgegeben?« Es sei das beste Familiengesetz in Europa gewesen. »Wir haben euch beneidet.«

Das Gesetz hat ihrer Mutter gefallen, da ist sich Sonja Striegnitz sicher. Dafür hat sie sich engagiert. Natürlich muss dazu immer auch gesagt werden, nichts davon ging schnell und problemlos schon gar nicht. Vor allem aber ging das ganz normale Leben weiter.

Sonja Striegnitz zieht nach dem Abitur nach Berlin, nun als Studentin: An der Humboldt-Universität belegt sie Geschichte und Slawistik. Darin bündeln sich ihre bisherigen Lebenserfahrungen. »Was ich geschafft habe, was ich bin«, sagt sie heute, »verdanke ich der DDR, den Entwicklungsmöglichkeiten, die ich nutzen konnte.« Nach dem Studium von Geschichte und Slawistik ging sie für anderthalb Jahre nach Leningrad und arbeitete an ihrer Dissertation A über die Teilnahme deutscher Internationalisten, ehemaliger Kriegsgefangener, an der Oktoberrevolution. Bis zu ihrer Rente 1996 vermittelte sie als außerordentliche Dozentin an der Humboldt-Universität Studenten Fakten und Zusammenhänge der Geschichte Russlands und der UdSSR. Heute arbeitet sie in der Partei Die Linke und im Verein Berliner »Freunde der Völker Russlands e. V.« mit.

Die erste Klinik

Wo und wann beginnt die Geschichte der DDR? Abgesehen vom offiziellen Datum, vielleicht dann, wenn ein junger Mann nach Krieg und Gefangenschaft Hoffnung schöpft, als die Universität seiner Heimatstadt Leipzig am 5. Februar 1946 wiedereröffnet wird. Arbeiter sollen studieren, heißt es in einem KPD-Aufruf. Vielleicht ist das was? Vielleicht ein Weg. Der 19jährige meldet sich in einer Vorstudienanstalt an, später Arbeiter-und-Bauern-Fakultät (ABF), um das Abitur zu erlangen.

»Ich kam aus einfachen Verhältnissen. Da war die Gründung der DDR für mich eine Startbahn ins Leben. Die Chance konnten viele nutzen – so wie ich.« Später wird er auch Mitglied in der SED, weil »ich natürlich gegen Krieg war. Ich hatte gerade einen heil überstanden. Und natürlich war ich auch für eine Gesellschaft, wo nicht das Geld an erster Stelle steht.«

»Dann rauschte die TBC rein.« Drei Jahre Kampf gegen die Krankheit. Medizinstudium und Arbeit als Arzt in der Zentralklinik Bad Berka.

»Nein, nein, nein! Auf keinen Fall! Das kann man nicht sagen!« Helmut Köhler spricht etwas lauter als sonst, sehr entschieden und sehr nachdrücklich – und beantwortet so meine Frage: War die Zentralklinik Bad Berka – eine der führenden Kliniken für Herz-und Lungenkrankheiten in der DDR – ein Potemkinsches Dorf? Eine Täuschung also? So stellt es ein Artikel aus einem westdeutschen Magazin von 1993 fest. Kategorisch. Ein Diktum, das zum Dogma wird. Köhler hat es nicht vergessen: nicht die Herablassung nach der Wende gegenüber den Entwicklungen und Leistungen in der DDR, nicht die Jagd auf gut dotierte Posten und nicht die Geschwindigkeit, mit der Ostkollegen Kündigung oder Ruhestand empfohlen und ihre fachliche Kompetenz in Frage gestellt wurde.

Natürlich hat Helmut Köhler auch andere »Wende«-Erfahrungen. Nicht jeder Westdeutsche, der sich in den Osten aufmachte, war als Aasgeier unterwegs. Trotzdem, Köhler ärgern Arroganz und Dummheit, wie sie typischerweise die Haltung prägen. Dazu kommt: Er weiß es einfach besser – er hat es erlebt. Das ist ein Problem, besonders bei der Verbreitung von Geschichtslegenden.

Wenn Promis und Normalos in Talkshows vom Leben im Osten erzählen, wird mancher Geschichtenerzähler dabei – Hokuspokus – ein bisschen Widerständler, ein bisschen Opfer. Es passt so gut zum Zeitgeist. Man kennt die öffentlich-rechtlichen Erwartungen und will kein Spielverderber sein. Und keiner recherchiert nach. Darauf kann man sich verlassen. Von Taz bis FAZ wird es kolportiert und läuft im Fernsehen auf allen Kanälen. In diesen Tagen wimmelt es nur so davon. Meist hat es wenig mit dem Lebensalltag in der DDR zu tun. Aber Erinnerung ist wandelbar wie ein Chamäleon. Davon leben Politik, Journalismus und Geschichtsschreibung von jeher.

Zurück zu Helmut Köhler. Was Wahrheit und heutige Wahrnehmung betrifft – also, da ist er sich sicher: »Meine Reaktion würden Sie wahrscheinlich von fast jedem Klinikmitarbeiter hören. Schließlich haben wir da oben auf dem Berg was geschaffen und geleistet. Das hat mit Potemkischen Dörfern aber auch gar nichts zu tun.« Statt dessen mit Arbeit und ärztlichem Engagement.

Er hat ein kleines Privatarchiv, nicht vollständig, aber aussagekräftig. Aus Schrank, Schreibtisch und Regal holen er und seine Frau Hannelore Bücher und Broschüren, persönliche Papiere – ein Stapel Geschichte und Geschichten. Ein fairer und realistischer Rückblick.

1951. Da ist der Frieden sechs Jahre alt. Auf einem Foto schieben zwei Männer eine Lore voller Steine, an einer Baumaschine – vielleicht ein Zementmischer – hantiert eine Frau in Latzhose, von Baum zu Baum ziehen sich Elektrokabel. Es sieht provisorisch aus. Es wird in 70 Jahren noch stehen.

Frau Köhler erinnert sich: Im Wald auf der Hardt, so heißt der Bergrücken bei Bad Berka, wurden Bäume geschlagen, gerodet, planiert und Baugruben ausgehoben. Man konnte zusehen, wie die Baustelle wuchs.

Es ist der erste Klinikneubau in der jungen DDR. Das Ziel: Die erschreckend hohe epidemische Zunahme an aktiver Tuberkulose zurückzudrängen. 1949 sind es allein in der DDR 107.229 Fälle, jeder fünfte Patient stirbt.

Mit den Bauarbeiten auf dem Berg beginnen auch die Kämpfe mit den Tücken der DDR-Bauwirtschaft. Ob schwere Technik, einfaches Handwerkszeug, medizinische Ausrüstung – so gut wie alles ist knapp oder gibt es gerade nicht. So zieht sich das Baugeschehen bis 1957 hin. Insgesamt werden sieben Millionen Ziegel vermauert, zehn Kilometer Wasser- und Heizungsrohre aus Fabrikruinen geborgen und auf der Baustelle zusammengeschweißt. Aus dem Konzentrationslager Buchenwald kommt das Notstromaggregat.

Zu dieser Zeit, von 1949 bis 1952, macht Helmut Köhler in Leipzig an der ABF sein Abitur. Ungefähr da wird auf dem Klinikbau die Richtkrone hochgezogen. Am 26. Mai 1954 ist Schlüsselübergabe für den ersten Bauabschnitt. Mit 90 Betten wird der Klinikbetrieb eröffnet. Wer dabei war von den Arbeitern, Meistern, Ingenieuren und vom Klinikpersonal, empfand wahrscheinlich Stolz. Es ist das Jubiläumsdatum.

Unter der Leitung von Professor Adolf Tegtmeier hatte sich die Sophienheilstätte in München bei Bad Berka in den 1930er Jahren zu einer bedeutenden Lungenklinik entwickelt, führend in der Thoraxchirurgie. Kein Wunder, dass 1950 die Standortwahl auf Bad Berka fällt, als es darum geht, die dringend benötigte Bettenkapazität für TBC-Patienten zu erhöhen.

Keine Kosten gescheut

Die DDR, der ärmliche deutsche Zwilling im Osten, scheut keine Kosten für den ersten eigenen Krankenhausbau. Daran ändern auch kritische Einwände von heute zu Stil und Funktionalität des damaligen Neubaus nichts.

Keine Frage, dass ein streng auf Wirtschaftlichkeit und Gewinn orientierter Klinikbau heute anders geplant würde. Damals sollte in dieser Klinik »erstmalig in Deutschland durchgängig das Prinzip des Zweibettzimmers verwirklicht werden«. Für alle Patienten. Ästhetische und vielseitige Gestaltung der Räume als Freiräume: ein Hauch Privatsphäre in den Patientenzimmern, Kulturraum inklusive Konzertflügel, Kinderzimmer, damit TBC-kranke Mütter ihre Kinder in unmittelbarer Nähe und gut betreut wissen – ein wichtiger Faktor im Heilungsprozess. Bibliothek und Kinosaal entsprachen sowieso der Vorstellung von einer sozialistischen Klinik, ebenso der Kindergarten für die Angestellten und ein Kinderferienlager. Oder der Wohnungsbau in Kliniknähe, darunter Einfamilienhäuser mit Garten, Monatsmiete 250 Mark Ost, die sogenannten Chefarzthäuser. Hannelore Köhler fallen im Gespräch immer mehr Einzelheiten ein: etwa die drei Betriebsbusse, mit denen die Klinikmitarbeiter aus ihren Wohnorten in der Umgebung zur Arbeit und nach Dienstschluss wieder nach Hause gebracht wurden. Da kann man aber nicht meckern, finde ich. Ja, das finde sie auch, und sie weiß noch, dass der Kindergarten nur 20 Mark im Monat kostete. »Das war damals schon eine große Leistung«. Ganz gewiss erzielte die Zentralklinik damit keinen Profit. Bei uns ging es um die Menschen, nicht ums Geld, höre ich von allen Seiten. Ja, vielleicht war das das Problem. Denn immer wieder gab es Engpässe bei der Versorgung mit Spritzen und Medikamenten, und manche moderne Medizintechnik war »made in Germany« – West Germany. Trotzdem: Der größte Anteil zur medizinischen und pflegerischen Versorgung wurde aus DDR-eigener Produktion gedeckt. »Alles in hervorragender Qualität und zuverlässig. Wir lebten doch nicht hinterm Mond: Wir fuhren zu Kongressen, haben die internationalen medizinischen Entwicklungen verfolgt, waren auf dem aktuellen Stand, ob Radiologie oder Herzchirurgie. Was wir brauchten, haben wir direkt beim Gesundheitsministerium beantragt.« Allerdings war der Gang zum Minister auch kein Spaziergang, und Zusagen für benötigte Mittel gab es nicht einfach nur so. Die Begrenzungen ergaben sich aus der allgemeinen Wirtschaftslage der DDR, besonders bei Importen. Von diesen Diskussionen hat Köhler mehr als genug erlebt und blieb gelassen.

Mit mehr als tausend Betten und einem hohen und qualifiziertem Personalbestand, von dem heute keiner auch nur zu träumen wagte, trägt die Klinik in den folgenden Jahren zum landesweit signifikanten Rückgang der Tuberkulose bei.

Lange Jahre leitet Helmut Köhler die Klinik als stellvertretender ärztlicher Direktor1. Empfindet den Unterschied zwischen Ideal und Wirklichkeit – die Gretchenfrage des Sozialismus – immer stärker: Wie weit entfernt man sich von seinen Zielen? Er wünscht sich Glaubwürdigkeit. Das Ideal ist das Maß der Ansprüche, der Kritik und des Protestes in der Gesellschaft.

Was bleibt?

Herbst 1989. Fast alles ist dramatisch und unwiderruflich. Weltweit wird der Vorgang historisch genannt: Die DDR geht unter. Deutschland wird wieder groß. Ist es das? Fahnenschwenker schwanken unter Schwarz-Rot-Gold zum Brandenburger Tor und trinken Bier. Prost. 40 Jahre vergessen? Vertrautes und Gewohntes, Ärger, Fehler, Widrigkeiten, Fortschritt, Farce und Freundlichkeit, Gemeinsamkeit und Komisches? So wird es nie wieder sein – und: Was könnte davon bleiben?

Gut, dass ich meine Notizbücher noch habe. Bei einer Recherche sagte mir damals eine Gesprächspartnerin, dass die Antwort auf diese Frage erst später gegeben wird. »Vielleicht von meinen Enkeln.« In der Erinnerung könnte es eine Bilanz der Verluste werden. Sie jedenfalls würde die 40 Jahre DDR nicht wegwerfen. »Das ist Bestandteil meines Lebens.«

Der erste Teil der Serie »Unterwegs im Osten« von Burga Kalinowski über die von Rechten überlaufene thüringische Gemeinde Guthmannshausen erschien am 7. September 2019, der zweite Teil über den Widerstand der Kalikumpel in Bischofferode am 19. September.

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