Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 07.10.2019, Seite 2 / Inland
Beschäftigung mit der DDR

»Wie in der billigsten Netflix-Serie«

Bürgerliche Medien geifern gegen DDR, die heute vor 70 Jahren gegründet wurde. Linke muss sich mit Geschichte beschäftigen. Ein Gespräch mit Ringo Ehlert
Interview: Jan Greve
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Werktätige im Urlaub an der Ostsee (Prerow, August 1975)

Heute vor 70 Jahren wurde die DDR gegründet. Was macht die Erinnerung an dieses Datum für Sie relevant?

Zunächst muss man feststellen, dass die Gründung der DDR alles andere als ein historischer Sieg war. Vielmehr war sie die Konsequenz aus dem Versäumnis, das Potsdamer Abkommen (von den Siegermächten ausgehandelte Regelung zur Nachkriegsordnung Deutschlands, jW) in ganz Deutschland umzusetzen. Mit der DDR-Gründung konnte die Regelung wenigstens in einem Teil des Landes Realität werden. Für alle, die damals dafür eintraten, dass es nie wieder einen deutschen Faschismus und einen Krieg von deutschem Boden aus geben darf, war das wiederum ein großer Erfolg. Das war aus meiner Sicht 1949 das Besondere: Hier wurde erstmals ein neuer Weg in der deutschen Geschichte beschritten, der sich vom vorherigen, der von Weltkrieg zu Weltkrieg führte, fundamental unterschied. Diese Perspektive ist insofern von Bedeutung, als wir heute in einem Land leben, dass wieder Kriege führt.

2019 jährt sich auch der Mauerfall zum dreißigsten Mal. Seit geraumer Zeit läuft das mediale Dauerfeuer diesbezüglich, Tenor: Freiheit auf der einen, »Unrechtsstaat« auf der anderen Seite. Lässt sich auf solche historischen Daten überhaupt nüchtern zurückblicken?

Sicherlich, die Schlagseite der Berichterstattung ist gravierend. 99,9 Prozent der zur DDR veröffentlichten Meinung sind negativ. Allerdings wissen wir auch, dass das mitnichten repräsentativ für das Denken der Bevölkerung ist. Vor kurzem hatten wir eine achttägige Ausstellung über die Geschichte der DDR auf dem Berliner Alexanderplatz. In den Gesprächen mit den Menschen dort fiel auf, dass die Daten – ob 7. Oktober, 3. Oktober oder 9. November – gar nicht so wichtig sind. Auffällig war zudem, wie differenziert die Meinungen zur DDR sind, die uns begegneten, und wie interessiert ein Großteil der Menschen ist.

Wie sehr ist die Debatte vom Schwarz-Weiß-Denken geprägt?

Ich kenne niemanden, der ernsthaft behauptet, es sei alles gut oder alles schlecht gewesen – abgesehen von innenpolitisch aufgeladenen Debatten, in der einem zum Beispiel der nach Berlin gekommene Bayer die Welt erklärt. Die meisten machen es sich aber nicht leicht. Die Desinformationsschlacht, die die andere Seite führt, wird dagegen zunehmend durchsichtiger: Wer in der DDR gegen das System war, ist immer der Held. Alle anderen sind Mitläufer, wenn nicht Täter. Das ist extrem einfach gestrickt, wie in der billigsten Netflix-Serie.

Ihr Verein »Unentdecktes Land« thematisiert die Perspektive der Generation, die die DDR höchstens noch aus Kindheitstagen kennt. Was zeichnet diesen Blickwinkel aus?

Wenn das eigene Leben aus mehr bestehen soll als aus Arbeiten, Essen und Schlafen und man außerdem mit den politischen Verhältnissen in der Welt nicht einverstanden ist, dann ist der Blick über den Tellerrand unglaublich interessant. Nicht nur die in der DDR errungenen Siege sind lehrreich, sondern auch die Niederlagen und Unzulänglichkeiten. Eine Linke, die sich nicht mehr für dieses große Wissen und die vielen Erfahrungen interessiert, ist zum Scheitern verurteilt.

Meine Generation bekam vor allem mit, wie sich in den Familien im Laufe der Zeit die Themen geändert haben. Früher war es die Datsche, der Urlaub oder das Porzellan, was man nicht bekommen hat – letztlich Lappalien. Nach 1990 war es dann die Mieterhöhung, die Stromrechnung oder der wegbrechende Arbeitsplatz, die das Leben der Menschen geprägt haben. Diese Entwertung im Sekundentakt, die war zu spüren, egal wie alt man war.

Seit Ihrer ersten Aktion auf dem Alexanderplatz 2014 hat Ihr Verein an Zulauf gewonnen. Wen sprechen Sie mit Ihrem Ansatz an?

Wir erschließen uns unser Bild der DDR anhand detaillierter Quellenarbeit. Damit haben wir für viele, gerade junge Menschen eine interessante Alternative geboten zu den bisherigen Identitätsmöglichkeiten: entweder braver Bundesbürger oder AfD-wählender Ossi. Das ist eine zentrale Aufgabe der politischen Linken: über die DDR und ihre linke, antifaschistische Geschichte zu sprechen, mit allen Höhen und Tiefen.

Ringo Ehlert (Jahrgang 1978) ist Vorstandsmitglied des Vereins »­Unentdecktes Land«

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