Gegründet 1947 Dienstag, 22. Oktober 2019, Nr. 245
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 05.10.2019, Seite 8 / Inland
Antikolonialer Monat

»Akteure unserer eigenen Geschichte sein«

Initiative von Migranten in Berlin will über Kontinuitäten von Kolonialismus aufklären. Ein Llanquiray Painemal
Interview: Carmela Negrete
RTX6S9VI.jpg
Ein Bild der ermordeten linken brasilianischen Stadträtin Marielle Franco soll jetzt auch in Berlin an getötete Aktivisten in Lateinamerika erinnern (Brasília, 18.4.2019)

An diesem Wochenende finden in Berlin die ersten Aktionen im Rahmen des »antikolonialen Monats« statt. Was verbirgt sich dahinter?

Die Idee stammt vom »Bloque Latinoamericano Berlin«. Seit letztem Jahr haben sich in diesem Bündnis verschiedene Initiativen und Einzelpersonen aus Südamerika organisiert. Das Ziel ist es, sich mit noch mehr Menschen zu vernetzen, die eine Migrations- oder Fluchtgeschichte haben, in einem weiteren Sinne in antikolonialen Kämpfen involviert sind und die hier leben. Mittlerweile haben sich Menschen aus den früheren deutschen Kolonien auf dem afrikanischen Kontinent, aber auch aus Kurdistan, Palästina und vielen anderen Regionen der Welt bei uns gemeldet. Im Rahmen des »antikolonialen Monats« wollen wir uns zunächst über Gemeinsamkeiten austauschen. Die verschiedenen Veranstaltungen organisieren wir in Eigenregie, weil wir unabhängig bleiben wollen.

Inwieweit können sich »Biodeutsche« bei Ihnen beteiligen?

Selbstverständlich sind Deutsche als Zuhörer willkommen. Allerdings wollen wir die Akteure unserer eigenen Geschichte sein. Es sollen Stimmen hörbar gemacht werden, die normalerweise nicht wahrgenommen werden. Veranstaltungen zum Thema Kolonialismus gibt es zur Genüge, meist werden sie aber von Deutschen organisiert und sind durch deren Perspektive geprägt. Klar ist, dass sich alle gesellschaftlichen Gruppen mit unseren Positionen auseinandersetzen sollten. Wir werden über alle Formen von Alltagsrassismus diskutieren, über Diskriminierung von Muslimen, Schwarzen, Roma, Juden und vieles mehr. Darüber sollen die sprechen, die davon betroffen sind. Wir werden auch Aktivisten aus verschiedenen Ländern zu Gast haben: aus dem Sudan, Kaschmir, Kolumbien, Brasilien, Palästina, den Philippinen und vielen anderen.

Wann finden die Veranstaltungen statt, und was ist konkret geplant?

Der antikoloniale Monat beginnt an diesem Wochenende mit einem Forum im »New Yorck« im Bethanien in Berlin-Kreuzberg und endet am 15. November – einen Tag vor dem Jahrestag der »Kongokonferenz«, die ab 1884 in Berlin stattfand. Es wird zahlreiche Aktivitäten geben. Zum Beispiel wird am 18. Oktober ein großes Wandbild mit den Konterfeis von Berta Cáceres und Marielle Franco eingeweiht, das allen ermordeten Aktivisten in Lateinamerika gewidmet ist. Am 26. Oktober werden wir über Kolonialismus und die Kontrolle unserer Körper, das Migrationsregime, die Illegalisierung von Migranten, aber auch über die Befreiungskämpfe der Mapuche oder der Kurden diskutieren. Aus Hamburg hat sich der »Africa United Sports Club« unserem Programm angeschlossen und startet am 15. Oktober ein Fußballturnier. Mit dem »Sankara Cup« soll an die Ermordung des sozialistischen Revolutionärs Thomas Sankara (1983 bis zu seinem Tod 1987 Präsident des westafrikanischen Obervolta, heute Burkina Faso, jW) erinnert werden. Sehr wichtig ist für uns die Demonstration am 12. Oktober, die ab 15 Uhr vom Hermannplatz in Berlin-Neukölln zum Oranienplatz ziehen wird. Damit wollen wir an die Proteste und den Widerstand der Geflüchteten dort anknüpfen.

Gibt es Themen, die die BRD betreffen und die Ihr hervorheben möchtet?

Die Einmischung von transnationalen Unternehmen, die wir auch thematisieren werden, ist etwas, wo Deutschland viel zu sagen hat, beispielsweise durch die Übernahme von Monsanto durch die Bayer AG. Hier in Berlin wird das Humboldt-Forum gebaut, das von uns sehr kritisch gesehen wird. Dort sollen Exponate gezeigt werden, die auf der ganzen Welt zusammengeraubt wurden – eine Mumie aus Peru, aber auch der Kueka-Stein, der aus einer indigenen Gemeinde in Venezuela entwendet wurde und gegenwärtig im Berliner Tiergarten steht. Ein anderes Thema, das wir im Blick behalten wollen, ist die »Entwicklungspolitik« Deutschlands. Da wir hier leben, können wir in Zusammenarbeit mit sozialen Organisationen und Bewegungen einiges in unseren Herkunftsländern bewegen.

Llanquiray Painemal stammt aus Chile, gehört dem Volk der Mapuche an und lebt in Berlin. Sie ist aktiv im Bündnis »Antikolonialer Monat« des »Bloque Latinoamericano Berlin«berlinanticolonial.wordpress.com

Ähnliche:

Regio:

Mehr aus: Inland