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Aus: Ausgabe vom 04.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Popjournalismus

Vor dem Absturz

Frank Goosen liest Wolfgang Welts journalistische Texte
Von Thomas Schaefer
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Garantiert nicht dabei: Heinz Rudolf Kunze

Wenn irgendwo an Wolfgang Welt erinnert wird, muss unweigerlich dessen Charakterisierung Heinz Rudolf Kunzes als eines »belesenen Rotzlöffels«, der sich »zum singenden Erhard Eppler profilieren« wolle, zitiert werden. Das ist verständlich, weil die Formulierungen so lustig und böse sind, für Welts gnadenlos subjektive Schreibhaltung stehen und im übrigen für eine Publicity sorgten, die Welts Karriere geprägt haben dürfte. Kunze konterte, indem er Welt via Leserbrief als »Aufsatzajatollah« attackierte. Die Retourkutsche bewies, dass Welts Angriff gesessen hatte, und das hatte er, weil er nicht auf die Eppler-Pointe zu reduzieren ist, sondern, kenntnisreich argumentierend, belegt, warum Kunze als singender Eppler durchgehen konnte. Welt war beides: auf irritierende Weise ichbezogen und, was Musik betrifft, in seiner Liebe zu Buddy Holly und dem alten deutschen Schlager von fragwürdigem Geschmack, andererseits erkannte er aber auch Dinge, für die manch anderer blind war.

Diese Ambivalenz prägt auch seine autobiographischen Romane, in denen er auf kunstlose Weise chronologisch die Ereignisse seines Alltags protokollierte; dass dabei seine Kontakte zum großen Literaturbetrieb gleichwertig neben Kneipenaufenthalten, sexuellen Obsessionen und der Freude oder dem Groll über das von »Mutti« gekochte Mittagessen stehen, trägt zum merkwürdigen Verfremdungseffekt bei, der seinen Texten dann doch einen Kunstcharakter und ihre Attraktivität verleiht.

Letztere liegt aber wohl auch an Welts betriebsunüblichem Leben als rasch aufgestiegener Musikjournalist, der nach einem psychotischen Schub für den Rest seines Lebens als Nachtportier im Bochumer Schauspielhaus arbeitete, nebenbei seine Romane schrieb und deshalb gern von Kollegen und Journalisten am Schauspielhaus-Schauplatz besucht und auf nicht immer unvoyeuristische Weise porträtiert wurde.

Wie hätte Welt vor seinem Absturz jemand wie ihn selbst beschrieben? Hinweise bietet die von Frank Goosen kompilierte und eingelesene CD »Ich schrieb mich verrückt«, die Texte aus dem 2012 erschienenen gleichnamigen Sammelband mit Welts Texten für Medien wie das Bochumer Stadtmagazin Marabo, die Taz oder den Musikexpress enthält: Klassiker wie »Helen Schneider in Essen«, die berühmten Kurzkritiken über Kunze, Herbert Grönemeyer (»Texte dämlich und unzumutbar«) oder Jackson Browne (»intellektueller Kitsch für zartbesaitete Doktorandinnen«) und Aufsätze über Bochum, das Ruhrgebiet, die Mutter. Immer geht es darum, was Welt mag und was nicht, meist gehört zu seinen Porträts von Musikern die Geschichte, wann, wo und wie er sie getroffen hat, und nie nervt diese subjektive Haltung. Denn Wolfgang Welt, der vor drei Jahren gestorben ist, war ein Autor, der sein Handwerk verstand und wusste, wie man Spannung aufbaut und aufrechterhält, der zu unterhalten vermochte und durch seine eigene Sicht der Dinge oft neue Perspektiven erschloss. Dass Frank Goosen die Texte angemessen flott und natürlich mit dem nötigen Ruhrgebietseinschlag liest, verstärkt den Eindruck von ihrer ungebrochenen Energie.

Frank Goosen liest Wolfgang Welt (CD): »Ich schrieb mich verrückt« (Tacheles)

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