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Aus: Ausgabe vom 02.10.2019, Seite 11 / Feuilleton
Witz & Wahrheit

Gott liest mit

Welch ein Glück: Titanic, das beste endgültige Satiremagazin der Welt, wird 40. Eine Danksagung
Von Stefan Gärtner
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Ein guter Witz ist das Humane selbst: Titanic sorgt für Klarheit

Das beste endgültige Sa­tiremagazin der Welt feiert 40. Geburtstag, und wer die harten Fakten kennen will, der lese sie bei Wikipedia nach oder in der Tagespresse, die sie bei Wikipedia abschreibt. Denn dieser Text ist eine Danksagung. Er will deshalb auch nicht ironisch sein. Wenn ein Satiremagazin sich zum Geburtstag gratuliert, dann geschieht das ja ironisch, weil es so ganz und gar unfassbar ist, dass schwachsinnige Texte und ein schwachsinniges Publikum sich vierzig Jahre lang die Treue gehalten haben. Das stimmt natürlich, aber auch das kann und soll man anderswo lesen, z. B. im Jubiläumsheft der Titanic, das fünf Euro kostet und selbstverständlich sehr, sehr gut ist. Es gibt sogar Aufkleber.

Nein; hier will einer (ich!) danke sagen, dem Titanic das Leben gerettet hat, erst als Leser, dann als Redakteur, dann als Kolumnist. Ich bin, man muss sich das einmal vorstellen, alles durch und wegen Titanic. Sogar meine wunderbare Frau habe ich beim Heft kennengelernt und viele gute, beste und allerbeste Freunde. Wer wäre ich ohne sie alle? Irgend jemand, der mir mit Sicherheit nicht gefiele. Mit dem, der ich bin, komme ich immerhin aus und zurecht und mag ihn viel lieber, als ich den mochte, der ich vor Titanic war. Und Titanic ist und bleibt man, es sei denn, man will nicht. Aus dem Impressum entlässt einen nicht einmal der Tod.

Schwächlinge wie ich müssen Teil von etwas Größerem sein, aber sie machen, sofern klug genug, um Großes einen Bogen. Ein Dilemma, das sich nur auflösen lässt, indem das Größere das rundweg Richtige, dabei völlig Freie ist. Das unterscheidet Titanic von der KPdSU. Ob das Heft nun eher Kunst oder eher Journalismus vorstellt (es ist, weil Satire, sicher beides), es ist mustergültig das, was Marx und Engels als »freie Assoziation« projektiert haben: Man kann alles machen, man kann auch alles bleibenlassen, und wenn man es ausnahmsweise nicht kann, dann kann man das, was zu tun ist, so tun, wie man es für richtig hält. Nur können muss man’s freilich.

Jeder Satz, der in Titanic steht, ist ein völlig freier. Auch das muss man sich einmal vorstellen. Er ist völlig frei, ohne dabei gelogen zu sein; er ist ausgedacht und bezeichnet doch genau das, was zu bezeichnen ist. Titanic, das ist die fröhliche Wissenschaft vom Widerspruch, ist die Vernichtung der Sorgen, ist Kunst und Dreck als Glück und Leben, und wem das romantisch vorkommt, der hat natürlich recht.

Da wollte man hin, da musste man hin, und welch ein (noch mal:) Glück, als man schließlich hindurfte. Mutti fand, man könne ja später zur FAZ gehen, und das kann man natürlich überhaupt nicht. Man kann für sie schreiben, das ­gewiss, aber man kann nicht mehr ernstlich und ernsthaft Journalismus betreiben. Titanic verdirbt, indem sie die kurzen Wege zeigt, die Abkürzung. Sicher sind die zahllosen journalistischen Texte zum NSU-Komplex in der Mehrheit verdienstvoll und nötig gewesen, ihr Wer, Was, Wann und Wowarum, und trotzdem verrät der Titel der Dezember-Titanic 2011, auf dem ein schlichtes Führerbild zu sehen ist, in einer Halbsekunde alles: »Der Verfassungsschutz bittet um Mithilfe: Wer kennt diesen Mann?« Besser geht es nicht – wenn auch jederzeit genausogut, vgl. hierzu bitte das druckfrische und endgültige Titanic-Titelbuch »Vierzig Jahre nur verarscht!« –, und das würde ich selbst dann sagen, wenn der Titel nicht von mir stammte. Ein Titel, so ein kenntnisreicher Interpret, »der sich den eilfertig rechtsblind unterstellten ›Dönermorden‹ verdankt und derart mustergültige Satire ist, dass er sie über sich hinaustreibt: das absolut Groteske als die reine Wahrheit, zwei durch ein Unendliches geschiedene Pole, deren gleichwohl problemlose Kurzschließbarkeit beides zeigt, das helle Glück der Komik und das Dunkel darunter«.

Es ist ja bekanntlich wenig wahr auf dieser Welt, doch blitzt im Witz Wahrheit auf, das Mögliche, Utopische, Herrschaftsfreie. Ein guter Witz kann nicht unwahr sein, denn er ist das Humane selbst. Den Dummen, die sich in all den Jahrzehnten über die »Grenzen der Satire« verbreitet haben und genau wussten, wo sie jeweils verliefen, kann das natürlich nicht einleuchten, denn vor der Freiheit des Witzes, seiner Anarchie haben sie Angst. Das andere, das richtige Leben ist ja keines ohne Widersprüche, sondern eines, das sich traut, sie aufzuheben. Titanic ist die Dialektik selbst, so dialektisch, wie der Witz es ist. Titanic, wo alle dasselbe verdienen, jederzeit Bier trinken dürfen und der Wahrheit durch die fröhlich in Dienst genommene Unwahrheit auf die Sprünge helfen, ist auch in dieser Hinsicht Kommunismus, und zwar der richtige, gute, freie. Titanic, das ist das Glück, mindestens als Annäherung, falls Glück nicht sowieso asymptotisch ist.

Bei Titanic schreiben wir TITANIC immer groß, und sehr zu Recht. Ich glaube nicht an den lieben Gott, aber was ich glaube, wirklich felsenfest: Gäbe es ihn, er wäre TITANIC-Abonnent.

Titanic – Das endgültige Titelbuch. 40 Jahre nur verarscht! Hrsg. v. Hardy Burmeier u. a., Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 416 Seiten, 40 Euro

»40 Jahre nur verarscht – Die große Titanic-Jubiläumsgala«, Künstlerhaus Mousonturm, Frankfurt am Main, 17. November, 20 Uhr