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Ein Kellnerleben

Von Helmut Höge
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Berlin, Juni 1960: Blick in die Schönhauser Allee mit Hochbahnhof

Mich hat vor allem ein Kellner begeistert. In der Schönhauser Allee gegenüber den Allee-Arcaden stand eines Tages vor dem Café Balzac ein Ci­troën 2 CV (En te) mit einem offenen kleinen Anhänger voller Bücher mit dem Titel »Vogelfrei«. Davon hätte ich gerne ein Exemplar gehabt – ich schaute mich um. Auf der Bank vor dem Café saß ein Typ, um den zwei Hunde wuselten, es war seine Biographie, die eine reiche Wienerin namens Friederun Pleterski aufgeschrieben hatte. Er hieß Will-Frieden Sabelus-Frach und war gerade dabei, seine neue Wohnung über dem ehemaligen »Sporthaus« zu renovieren – sehr aufwendig und teuer.

Wie ich aus »Vogelfrei« erfuhr, war das schon immer eine Macke von ihm gewesen. Der 1952 geborene Will-Frieden wuchs in einer sächsischen Kneipe auf und lernte später Kellner. Er arbeitete in den besten Restaurants und Hotels der DDR. 1975 wurde er fälschlicherweise von einem Kollegen als Republikflüchtling denunziert und kam für drei Monate in den Knast, anschließend durfte er nur noch in Billiglokalen kellnern. Er landete in der Transitgaststätte am Hermsdorfer Kreuz: »Eine miese Maloche! Aber es gab Westgeld.« Er verdiente dort 500 Mark Ost plus 1.000 Mark West im Monat – und fuhr bald einen Dacia 1300. Während eines Urlaubs in Rumänien schwamm er eines Nachts durch die Donau rüber nach Jugoslawien. In Belgrad meldete er sich bei der BRD-Botschaft. Die schickten ihn nach Gießen. Von dort rief er als erstes beim Hotel Dornbusch auf Hiddensee an, wo sein Freund, der Oberkellner Lutz, arbeitete. »Ich hab’ solches Heimweh«, gestand er ihm. Um der DDR näher zu sein, zog Will-Frieden nach Westberlin. Auch hier kellnerte er, aber »ich betrog nicht mehr, ich machte Geschäfte«. Bei einer Gewerkschaftsbossfeier und vielen 100 Sektflaschen »machte der Verlust von einer Kiste Sekt gar nichts aus«.

Dann schaffte es auch sein Freund Lutz in den Westen. Gemeinsam machten sie über Kopenhagen einen Ausflug nach Hiddensee – und wurden sofort verhaftet. Im Knast meditierte er und beschäftigte sich mit Gott: »Das Zuchthaus war meine göttliche Prüfung.« Nach 15 Monaten wurde zwar sein Auto als »Fluchtfahrzeug« einbehalten, er selbst jedoch in den Westen abgeschoben. Dort fasste er einen Entschluss: »Mein Leben sollte ein einziger Urlaub werden.« Mit Fahrrad und Cockerspaniel fuhr er Richtung Frankreich. Unterwegs führte er Tagebuch. Fünf Jahre lang kam er mit fünf Mark am Tag aus. In Spanien nannten sie ihn »Sport-Billi«. Dort hatte er bald nur noch ein Wunschziel: »Berlin, mein Berlin«. Irgendwann trampte er dorthin – mit einer Ente unterm Arm. In Westberlin fing er an, sich nach dem Osten zu sehnen, er vermisste »als Kommunist das Gute am System drüben«. Statt dessen fuhr er nach Teneriffa, wo er das Herstellen von Masken aus Marmorat lernte, die er an Touristen verkaufte. Das tat er anschließend auch in Westberlin auf dem Flohmarkt, wo man ihn »Masken-Willi« nannte. Aber es zog ihn wieder fort. Diesmal mietete er eine Hütte auf einem Berg in Kärnten, schaffte sich ein kleines Schwein an, baute Gras an und konstatierte dort schließlich: »Ich habe eine hohe Lebensqualität erreicht.«

Dann kam die Wende. In Ostberlin fühlte er sich sofort wieder heimisch: »Hier war alles so relaxed und ostig!« Beim Kiffen sagte ihm eine Stimme: »Deine DDR braucht dich! Jetzt geht es ans Eingemachte.« Erst mal beteiligte er sich an einer »Werbefahrt für die SED« und schrieb einen Artikel für das Neue Deutschland: »Die guten Kommunisten, sie wollten mich«. Im ZK war allerdings »die Stimmung auf dem Nullpunkt. ›Ihr dürft nicht alles über Bord werfen‹, sagte ich zu den Genossen.« Er bekam von ihnen Geld, einen Wagen mit Chauffeur und fuhr durch die DDR, um sämtliche SED-Kreisleitungen auszuräumen – bevor die Wessis das Zeug abgriffen. Damit war er eine Weile beschäftigt, dann bekam er als »Verfolgter des SED-Regimes« eine gute Rente und bezog die o. e. Wohnung in der Schönhauser Allee, wo er oft und gerne auf der Bank vor der Tür saß.

Als es im Prenzlauer Berg immer westlicher wurde, fuhr er mit seinem rundumverzinkten 2 CV auf die Krim, wo er einen Bauernhof erwarb, Pferde züchtete und sich in seine russische Pferdegehilfin verliebte. Wegen seiner Rente musste er immer mal wieder nach Berlin. Als er mal wieder dort war, teilte sie ihm dort telefonisch mit, dass sie sich in einen Nachbarn verliebt hätte und ausziehen würde. Er litt darunter so sehr, dass er die Krim verließ und nach Rumänien zog. Das war das letzte, was ich von ihm erfahren habe.

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