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Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 10 / Feuilleton
Filmgeschichte

Der alte Rothschild

Nazipropagandafilme und ihre Vorlagen: Ein Seminar in Berlin
Von Ronald Kohl
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»Immer mit kleinem Informationsvorsprung«: George Arliss (M.) in »The House of Rothschild«, USA 1934

Es war ein wenig verwunderlich, im diesjährigen Programmheft der Berliner Mendelssohn-Gesellschaft zu lesen, die Nazipropagandafilme »Die Rothschilds« und »Jud Süß« seien als »Reaktion« auf Hollywoods »The House of Rothschild« beziehungsweise den britischen Film »Power« entstanden, beides Produktionen aus dem Jahr 1934, die in keinem deutschen Lichtspielhaus gezeigt worden waren, zumindest nicht öffentlich. Am Wochenende konnte man sich die vier Filme bei einem Seminar der Gesellschaft ansehen, plus Oskar Roehlers »Jud Süß – Film ohne Gewissen« (2010) zum Abschluss.

Zuerst wurde »The House of Rothschild« gezeigt. Die Hauptrolle des Londoner Bankiers Nathan Rothschild spielt George Arliss, der wenige Jahre zuvor für seine Darstellung des früheren britischen Premierministers Benjamin Disraeli den Oscar als bester Hauptdarsteller gewonnen hatte. Den skrupellosen Widerpart Graf Ledrantz verkörpert der damals weltberühmte Boris Karloff, dem der große Durchbruch als Frankensteins Monster gelungen war (nahezu genauso ist er in »House of Rothschild« geschminkt). Die Handlung setzt in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im Frankfurter Ghetto ein. Der alte Rothschild hat fünf Söhne, und seine Geldgeschäfte laufen ausgezeichnet, nicht zuletzt, weil er immer einen kleinen Informationsvorsprung hat. So erfährt er auch rechtzeitig vom Kommen des preußischen Steuereintreibers. In Windeseile werfen sich die Familienmitglieder völlig verschlissene, zum Teil mit abartig großen Löchern versehene Kleidung über, und die Kinder werden instruiert, hungrig auszusehen. Sobald der preußische Beamte die Stube betritt, beginnt das große Barmen und Wehklagen, unter dem dann die schamlos frisierten Bilanzen präsentiert werden. Das alles bringt auch heute noch Zuschauer zum Lachen und macht die Figuren sympathisch.

Das Naziremake »Die Rothschilds. Aktien auf Waterloo« (1940) lässt zum Teil gleiches Verhalten auf einmal durchtrieben und hinterhältig erscheinen. Verblüffend ist, wie viele Elemente der amerikanischen Vorlage unter vertauschten Vorzeichen eins zu eins übernommen wurden. Filmhistorikerin Heike Klapdor nannte diese Zitierweise in der Abschlussdiskussion eine damals gängige Ufa-Praxis. Die dortigen Erfüllungsgehilfen des Propagandaministers hätten sehr wohl gewusst, welche Elemente des US-amerikanischen Kinos beim heimischen Publikum funktionierten; Hollywoodproduktionen liefen bis in die späten 30er Jahre reihenweise in deutschen Kinos, nicht selten mit großem Erfolg. Davon konnte beim Rothschild-Film der Nazis keine Rede sein. Das war wohl zu offensichtliche Propaganda.

Veit Harlans »Jud Süß« (ebenfalls 1940) lief in den deutschen Kinos zwar besser, doch bei weitem nicht so gut, wie heute oft angenommen wird. Auch hier wurde in dem Seminar zuerst das Original gezeigt, eine Verfilmung von Lion Feuchtwangers Bestseller »Jud Süß« (1925), dessen englische Übersetzung auch schon unter dem Titel »Power« (Macht) herausgekommen war. Die Handlung ist eng an die Romanvorlage angelehnt. Joseph Süß Oppenheimer wird vom deutschen Stummfilmstar Conrad Veidt (»Das Cabinet des Dr. Caligari«) gespielt, der wenige Wochen vor Beginn der Dreharbeiten mit seiner jüdischen Ehefrau aus Deutschland geflohen war.

Wie Oskar Roehlers »Film ohne Gewissen« dieses Motiv aufgreift, stieß einigen Teilnehmern des Seminars sehr sauer auf. Roehlers Hauptfigur, der Schauspieler Ferdinand Marian, bekommt einzig und allein zur Steigerung des Effekts eine jüdische Partnerin angedichtet, die er alle Nase lang mit irgendwelchen Nazimiezen betrügt. Es gab mehr gewichtige Bedenken gegen das Roehler-Werk. Und Filmhistorikerin Klapdor hatte auch gegen die an seinem Ende eingeblendete Zahl von 20 Millionen Zuschauern, die der Nazifilm »Jud Süß« damals gehabt hätte, etwas einzuwenden. Viele von ihnen hätten den Film im Rahmen der Truppenbetreuung oder ähnlicher Veranstaltungen gesehen. An den Kassen, das könne man sehr gut an den dokumentierten Laufzeiten erkennen, sei der Film kein großer Erfolg gewesen.

Für das nazideutsche Kinopublikum spricht das nicht. Das wollte seinen Heinz Rühmann haben, die bessere Propaganda.

Regio:

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