Gegründet 1947 Dienstag, 15. Oktober 2019, Nr. 239
Die junge Welt wird von 2216 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 8 / Ansichten

Retro-Nerds des Tages: Springer-Konzern

Von Sebastian Carlens
Sommerfest_Ein_Herz_57551997.jpg
Bild-Chefredakteur Julian Reichelt ganz cool auf dem Sommerfest von »Bild hilft« (4.6.2018)

Mit Springers Blättern steht es bekanntlich nicht zum besten. Die Auflage sinkt, selbst Bild geht den Bach runter. Sie hat, gemeinsam mit dem Berliner Hetzblatt B.Z. und verglichen mit dem Vorquartal, laut Branchenzahlen vom Juli 2019 ganze 9,25 Prozent an verkaufter Auflage eingebüßt. Nun also noch 1,5 Millionen Exemplare. Zum Vergleich: Vor 20 Jahren waren es drei Millionen mehr. Am vergangenen Freitag hat schließlich Thomas Drensek, langjähriger Werkleiter der konzerneigenen Druckhäuser, hingeworfen. Der Branchendienst Meedia berichtet von einem Minus von 56,8 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2019.

Wer hätte das gedacht? Nicht etwa rebellische Studenten, keine Enteignung und auch kein Verbotsdekret nach erfolgreicher Revolution, sondern der real existierende Kapitalismus macht dem Springer-Flaggschiff den Garaus. Genaugenommen ist es das Internet. Denn das kann, was Bild früher exklusiv gemacht hat, besser, schneller und meist auch billiger: Fake News, Hetze gegen Migranten und Minderheiten verbreiten, nackte Brüste zeigen und viel Getöse um allerlei halbseriöse Gestalten, die »B-Promis«, machen.

Springer versucht, nach der Methode »alte Erfindungen, neu gemacht« mit altbackenen, linearen Formaten auf die Malaise zu reagieren. Wenn »irgendwo die Erde bebt«, dann solle man rasch den Fernseher anmachen und zu »Bild-TV« schalten, jubelte Bild-Chef Julian Reichelt am Montag. Es ist ein wenig so, als ob – inmitten der Diesel-Krise – die gebeutelten Autohersteller noch einmal neu und unbefangen über die Dampfmaschine als alternativen Antrieb nachzudenken beginnen.

»Bild-TV«, nur stilecht in schwarz-weiß auf dem Röhrengerät. In diesem Land, in dem die Flughäfen nichts werden und die Eisenbahnen auch nicht, ist auch der Boulevard retro. Das Neue daran: Dies gilt nicht nur, was das Weltbild angeht.

Mehr aus: Ansichten