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Aus: Ausgabe vom 01.10.2019, Seite 5 / Inland
Konjunktur

Absturz droht

Wirtschaftsforscher warnen vor Rezession. Nur privater Konsum bewahrt vor nächster Krise
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Um die Konjunktur anzukurbeln, braucht die EZB staatliche Unterstützung, meint das IMK

Die großen Forschungsinstitute senken ihre Wachstumsprognosen für die deutsche Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 0,5 und 2020 um 1,1 Prozent wachsen, berichtete Reuters am Montag mit Verweis auf Insider. Im Frühjahr waren die Ökonomen noch von 0,8 und 1,8 Prozent ausgegangen.

Seither hat sich die Weltkonjunktur durch Handelskonflikte abgekühlt, während sich Risiken wie ein ungeordneter »Brexit« erhärtet haben. Darunter leidet besonders die exportabhängige Industrie. »Konjunktur kühlt ab – Industrie in der Rezession«, laute daher der Titel des Gemeinschaftsgutachtens, das offiziell am Mittwoch vorgestellt wird. Erarbeitet wird es vom RWI in Essen, vom DIW in Berlin, vom Ifo-Institut in München, vom IfW in Kiel und vom IWH in Halle. Die Ökonomen rechnen vor allem wegen der schwächelnden Industrie für das kommende Jahr mit einem leichten Anstieg der Erwerbslosigkeit um rund 40.000 auf mehr als 2,3 Millionen.

Das gewerkschaftsnahe Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) legte am Montag eigene Prognosen vor. Demnach werde die deutsche Volkswirtschaft in diesem Jahr um 0,4 und 2020 um 1,4 Prozent zulegen. »Die konjunkturelle Lage in Deutschland hat sich weiter zugespitzt. Bislang bewahrt aber die private Nachfrage die Wirtschaft noch vor einer echten, tiefen Krise«, erklärte der wissenschaftliche Direktor des IMK, Sebastian Dullien. »Wenn die Löhne und der Konsum derzeit so schwach zulegen würden wie in den 2000er Jahren, wären wir schon seit einiger Zeit wieder in einer Rezession«, teilte er mit. Die deutsche Wirtschaft sei derzeit wie ein Flugzeug, das nur noch mit einem Triebwerk fliege – der Nachfrage der privaten Haushalte. Das könne eine Zeitlang gutgehen, aber auf Dauer sollte man sich darauf nicht verlassen. Wenn die Politik nicht entschlossen gegensteuere, so Dullien, griffen die Bremseffekte nach und nach auf Dienstleistungen, Konsumklima und Arbeitsmarkt über, und es drohe der Absturz.

Die Europäische Zentralbank (EZB) tue mit ihrer erneut gelockerten Geldpolitik, was sie könne, während die meisten EU-Länder zu wenig für eine Stabilisierung unternähmen. So gebe beispielsweise die Bundesregierung in diesem Jahr etwas mehr Geld aus. Diese Investitionen seien allerdings zu gering und halbierten sich 2020 schon wieder. Dabei habe insbesondere Deutschland erheblichen finanziellen Spielraum: Das IMK rechnet trotz des abgeschwächten Wachstums mit einem gesamtstaatlichen Haushaltsüberschuss von knapp 48 Milliarden Euro in diesem Jahr und immerhin noch gut 25 Milliarden Euro 2020. Zudem könne sich der deutsche Staat »gegenwärtig zu Negativzinsen verschulden, und das bei beliebiger Laufzeit«. (jW)

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