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Aus: Ausgabe vom 30.09.2019, Seite 12 / Thema
Weltwirtschaftskrise

Großer Krach

Kapitaloffensive, Sozialabbau und Faschisierung während der Weltwirtschaftskrise in Deutschland 1929 bis 1932/33
Von Reiner Zilkenat
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Bankansturm: Andrang von Kontoinhabern vor dem Postscheckamt Berlin nach dem Zusammenbruch der Darmstädter und Nationalbank (Danat-Bank) am 13. Juli 1931

Der 24. Oktober 1929 veränderte alles. Mit dem »Schwarzen Donnerstag« an der New Yorker Börse nahm die Weltwirtschaftskrise ihren Anfang. Bei ihr handelt es sich um die bisher wohl ernsteste Krisis in der Geschichte des Kapitalismus. Viele Zeitgenossen, darunter nicht wenige Wissenschaftler und Politiker unterschiedlicher Provenienz, sahen den Kapitalismus in einer existenzbedrohenden Situation, aus der kein Ausweg erkennbar schien. »Das Ende des Kapitalismus« lautete leitmotivisch der Titel eines 1931 veröffentlichten und weitverbreiteten Buches des konservativen Publizisten Ferdinand Fried.

Nur fünf Tage nach dem »Schwarzen Donnerstag«, am 29. Oktober 1929, kam es an der Wall Street zu weiteren panischen Aktienverkäufen, so dass binnen weniger Tage die Kursgewinne eines ganzen Jahres verloren waren. Millionen Menschen, die ihre Rücklagen der Börse anvertraut und auf kontinuierlich steigende Kurse gesetzt hatten, waren über Nacht aller Ersparnisse beraubt.

Letztlich lag die tiefere Ursache der sich in den folgenden Monaten beschleunigenden Krisis jedoch in dem Ungleichgewicht zwischen der Menge produzierter Güter und einer zu geringen Nachfrage, sowohl die Investitions- als auch die Konsumgüter betreffend. Diese Erscheinung, eine ausgeprägte Überproduktionskrise, war in allen hochentwickelten kapitalistischen Ländern zu beobachten.

Es kam hinzu, dass in den USA in den Jahren vor dem »Schwarzen Donnerstag« von den Banken immer mehr und immer höhere Kredite ausgereicht worden waren, auch an private Haushalte, die damit unter anderem den Kauf von Aktien finanzierten. Jetzt war eine wachsende Zahl von Kreditnehmern nicht mehr in der Lage, die Zinsen zu zahlen, ganz zu schweigen von der Tilgung der Schuld. Da viele dieser Darlehen auch zum Erwerb von Immobilien genutzt worden waren, die zugleich als Sicherheit für die kreditgewährenden Banken dienten, kam es zu zahlreichen Zwangsvollstreckungen und zu einer immer deutlicher sichtbar werdenden Obdachlosigkeit. Eine nicht geringe Zahl von Banken, deren Kredite notleidend wurden, musste Konkurs anmelden. Diejenigen Banken, die davon verschont blieben, reichten neue Kredite, auch an noch solvente Kunden, sehr zögerlich aus.

Krise in Deutschland

Es dauerte freilich einige Zeit, bis die Schockwellen aus den USA die deutsche Volkswirtschaft erreichten. Es wäre jedoch verfehlt, die Ursachen der sich in Deutschland rasant ausbreitenden Krisis allein in den USA zu verorten. Vielmehr deuteten bereits seit Monaten einige wichtige Indikatoren darauf hin, dass sich die Konjunktur in Deutschland in Richtung einer Rezession bewegte. Die »goldenen zwanziger Jahre« näherten sich unübersehbar ihrem Ende.

Die Zahl der Erwerbslosen, die Leistungen aus der gesetzlichen Arbeitslosenversicherung erhielten, war von 890.000 (Jahresdurchschnitt 1928) auf 1,275 Millionen (1929) gestiegen. Dabei ist zu beachten, dass ein Drittel der Arbeitslosen bereits 1929 keine Arbeitslosenunterstützung mehr erhielt, sondern auf die Krisenfürsorge- bzw. die Wohlfahrtsunterstützung angewiesen war. Parallel wuchs die Kurzarbeit. Im Verlauf des Jahres 1929 arbeiteten zwischen 6,2 und 8,5 Prozent der Mitglieder der Freien Gewerkschaften (Allgemeiner Deutscher Gewerkschaftsbund, ADGB) verkürzt und erhielten deshalb keinen vollen Lohn. Zugleich stiegen die Beiträge der Arbeitenden zur Arbeitslosenversicherung von monatlich durchschnittlich 4,31 Mark (1928) auf 4,72 Mark (1929), um schließlich 6,21 Mark (1930) bzw. 9,55 Mark (1931) zu erreichen.

Eine wichtige Ursache für die steigende Erwerbslosigkeit waren neben der fortschreitenden Rationalisierung, die menschliche Arbeitskraft durch Maschinen ersetzte und das Arbeitstempo forcierte, rückläufige Auftragseingänge. So sanken zum Beispiel im strategisch wichtigen Maschinenbau die Aufträge seit dem zweiten Quartal 1928 kontinuierlich. Die Rohstahlerzeugung reduzierte sich von circa 1,45 Millionen Tonnen (Januar 1929) über ungefähr 1,2 Millionen Tonnen (August 1929) auf etwas mehr als 1,1 Millionen Tonnen (Dezember 1929). Diese Zahlen dokumentieren, dass die Konjunktur in Deutschland bereits vor dem »Schwarzen Donnerstag« an der New Yorker Börse nicht zu unterschätzende Krisensymptome aufwies. Einen die Krise verzögernden Faktor stellte für die deutsche Volkswirtschaft der Export dar. Dabei gewann die Sowjetunion als Wirtschaftspartner eine wichtige Rolle. Nicht zuletzt für die stark exportorientierten Unternehmen der deutschen Metall- und Elektroindustrie, unter anderem Siemens und die AEG, besaßen die sogenannten Russen-Aufträge eine wichtige Funktion, während andere Absatzmärkte eine immer geringere Rolle spielten.

Die Lage der Erwerbslosen

Von 1930 bis 1932 glitt die Konjunktur in Deutschland in eine Depression bisher nicht gekannten Ausmaßes ab. Die Arbeitslosigkeit erreichte dramatische Größenordnungen: 4,38 Millionen im Dezember 1930, 5,69 Millionen im Dezember 1931 und schließlich circa sechs Millionen an der Jahreswende 1932/33. Besonders alarmierend war die Form, in der die Arbeitslosigkeit verlief. Während im März 1931 noch 48,8 Prozent der Erwerbslosen die gesetzliche Arbeitslosenunterstützung erhalten hatten, waren es ein halbes Jahr später nur noch 30,9 Prozent. Damals endete nach maximal 39 Wochen der Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung. Danach bezogen die Erwerbslosen die erwähnte »Krisenfürsorge«, sofern die Bedürftigkeitsprüfung, die das Einkommen und Vermögen aller im Haushalt lebenden Personen betraf, erfolgreich war. Maximal 45 Wochen lang wurde dann den ehemals in unteren Lohngruppen tätig gewesenen Arbeitern und Angestellten die Arbeitslosenunterstützung weitergezahlt. Die Facharbeiter und solche Angestellte, die in oberen Lohngruppen eingeordnet worden waren, mussten Abschläge hinnehmen. Am Ende stand den Erwerbslosen die Auszahlung der Wohlfahrtsunterstützung bevor, die von den Gemeinden finanziert wurde. Diese Leistungen orientierten sich am ortsüblichen Durchschnittslohn für ungelernte Arbeiter. Es bestand auch die Möglichkeit, Sachleistungen anstelle von Geldbeträgen auszureichen. Allein vom März bis zum September 1931 stieg der Anteil der Wohlfahrtsunterstützten von 19,8 auf 27,7 Prozent aller gemeldeten Arbeitslosen. In Berlin sank der monatliche Richtsatz für ein von der kommunalen Wohlfahrt abhängiges Ehepaar von 64,50 Mark (1930) über 63 Mark (1931) auf schließlich 55,50 Mark (1932). Im Jahresdurchschnitt waren in der deutschen Hauptstadt 1929 32.000, 1930 101.000 und 1931 185.000 Menschen von der Wohlfahrtsunterstützung abhängig. Sie lebten am Rande bzw. unterhalb des Existenzminimums.

Für die Millionenmassen der Erwerbslosen hatte die Verbandszeitschrift der Vereinigung der Arbeitgeberverbände nur Hohn und Spott übrig. Dort konnte man 1930 lesen: »Zwar leidet der ordentliche Arbeiter auch heute darunter, wenn er seinen Arbeitsplatz verliert, es gibt aber nur zu viele, die mit größtem Gleichmut die Kündigung hinnehmen. Was haben sie auch auszustehen, wenn sie außer ihrer öffentlichen Unterstützung noch den Gewerkschaftsbeitrag und weitere Vergünstigungen durch die Fürsorge erhalten?«

Sozial- und Demokratieabbau

Mit der Krise sahen die Herrschenden endlich den Zeitpunkt gekommen, ihre lange verfolgten Ziele zu realisieren. Es begann eine gegen die Arbeiterklasse gerichtete Kapitaloffensive bisher nicht gekannten Ausmaßes. Die in der Weimarer Republik erkämpften sozialpolitischen Errungenschaften standen zur Disposition. Worum es zukünftig ging, war nicht deren weiterer Ausbau oder auch nur die Beibehaltung des erreichten Niveaus sozialer Sicherungssysteme, sondern ein sukzessiver Abbau, der immer mehr an Geschwindigkeit und Radikalität gewann.

Bereits im August 1929 hatte der mächtige Reichsverband der Deutschen Industrie (RDI) eine Denkschrift in Auftrag gegeben, die unter dem Titel »Aufstieg oder Niedergang?« am 2. Dezember 1929 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Die Parole des RDI, an dessen Spitze der Aufsichtsratsvorsitzende der IG Farbenindustrie AG, Carl Duisberg, stand, lautete: »Erleichterung der Kapitalbildung« für Unternehmen, unter anderem mit Hilfe von Steuersenkungen, längeren Arbeitszeiten und niedrigeren Löhnen sowie einem drastischen Abbau sozialer Leistungen für die Arbeitenden. Hinzu kamen Forderungen nach einer »Verwaltungsreform«, einem »sparsamen Staat« und einem »Bürokratieabbau«. Bei näherem Hinsehen handelte es sich hier um eine erhebliche Einschränkung öffentlicher Dienstleistungen sowie um die Beschneidung parlamentarischer Rechte und kommunaler Kompetenzen. Es dauerte nicht lange, da war von einer notwendigen »Verfassungsreform« die Rede.

In der Beilage der Ortsverwaltung Berlin für die Metallarbeiterzeitung, dem Verbandsorgan des »Deutschen Metallarbeiterverbandes« (DMV), hieß es hierzu am 12. April 1930: Das Programm des RDI sei »das nackte und brutale Programm des Profits, des Angriffs auf das Proletariat zum Zwecke der Steigerung des Profits«. Ob die darin formulierten Vorschläge im Rahmen einer bürgerlich-parlamentarischen Demokratie zu verwirklichen waren, galt als zweifelhaft. Die Perspektive schien vielmehr auf die Errichtung eines autoritären Regimes gerichtet zu sein, in dem Gewerkschaften bestenfalls ein Schattendasein führen konnten.

Um eine derartige Programmatik zu rechtfertigen, wurde mit teilweise menschenverachtenden Aussagen nicht erst seit dem Oktober 1929 auf breiter Front Stimmung gegen Arbeitslose und Bezieher gesetzlicher Sozialleistungen in der bürgerlichen Presse, in öffentlichen Verlautbarungen und in den Verbandsorganen der Arbeitgeber gemacht. Drei Beispiele seien hier genannt.

Bereits am 5. Mai 1929 verbreitete der Generaldirektor der Wintershall AG und Aufsichtsratsvorsitzende des Deutschen Kalisyndikats, August Rosterg, in der Deutschen Bergwerkszeitung die Auffassung, dass es sich bei der Hälfte aller Kranken um »Simulanten« handele. Und in der Deutschen Arbeitgeberzeitung konnte man am 6. Juli 1930 unter der Überschrift »Was ist sozial?« von einem Prof. Dr. E. Günther lesen: »Die Hilfe für den Schwachen ist an sich überhaupt nicht sozial, sie wird es erst, wenn und insoweit die Stützung und Stärkung des Schwachen im Gesamtinteresse liegt und erfolgt. (…) Der Fortschritt der Gesellschaft wird nicht nur dadurch gefördert, dass den Nachzüglern geholfen wird, sondern vielleicht manchmal noch mehr dadurch, dass Führer herangezogen werden. Unter Umständen kann es sogar im Interesse des Ganzen liegen, dass die Nachzügler absichtlich geopfert werden, um die schrittmachenden Führer halten zu können.« Und der in Erlangen lehrende Philosoph Ernst Horneffer publizierte 1930 in zweiter Auflage seine in der konservativen Presse und in den Organen der industriellen Interessenverbände enthusiastisch rezensierte Schrift »Frevel am Volk. Gedanken zur deutschen Sozialpolitik«. Darin heißt es unter anderem: »Nämlich die Armut und deren Folge, der Hunger, diese unheimlichen Gespenster, sind die unentbehrlichen Triebkräfte des Menschenlebens. Wenn die Menschen nicht mehr von der Angst vor Armut und Hunger getrieben werden, wenn diese Peitsche der Not und des Zwanges nicht mehr hinter ihrem Rücken droht, dann tun sie nichts mehr, dann erschlaffen sie, dann erlahmt und erlischt ihre Arbeitskraft.« Im Verlauf der Weltwirtschaftskrise wuchs die Anzahl derartiger Wortmeldungen.

Brünings Notverordnungen

Am 30. März 1930 wurde als Nachfolger des Sozialdemokraten Hermann Müller der Abgeordnete des katholischen Zentrums Heinrich Brüning von Reichspräsident Paul von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Brüning, der bis zum 30. Mai 1932 amtierte, konnte sich zu keiner Zeit auf eine parlamentarische Mehrheit stützen. Er regierte in wachs­endem Maße mit Hilfe von Notverordnungen des Reichspräsidenten gemäß Artikel 48 der Reichsverfassung. Die Metallarbeiterzeitung schrieb am 30. August 1930 hellsichtig: »Der Augenblick erscheint dem Kapital günstig, um alle Positionen, die die Arbeiter sich im Laufe der Nachkriegszeit erobert haben, ihnen mit Ungestüm zu entreißen.« Und es kristallisierte sich sehr schnell heraus, dass der Zentrumspolitiker dabei gewissermaßen als Prokurist für die tonangebenden Kräfte des deutschen Kapitals handelte. Das Kabinett Brüning, so schrieb das Organ des ADGB Berlin, Aufwärts, am 10. April 1930, sei »ein ausgesprochenes Unternehmerkabinett: Hinter den Ministern dieses Kabinetts stehen die großen Verbände der Industrie, des Handels und der Landwirtschaft.« Besonders interessant ist im übrigen das in Brünings Memoiren offenbarte politische Ziel, die bürgerlich-parlamentarische Demokratie abzuschaffen und statt dessen eine Monarchie mit autoritärem Charakter und einem Prinzen aus dem Hause Hohenzollern an der Spitze wiedereinzuführen.

Mit einer Kaskade von Notverordnungen »zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen« wurden während der Amtszeit Brünings die seit 1919 erzielten sozialpolitischen Erfolge Stück um Stück rückgängig gemacht. Verfügt wurden tiefe Einschnitte in die Tarifhoheit, so dass Lohnkürzungen staatlich verordnet werden konnten. Beamte, eigentlich unkündbar, konnten entlassen werden, ihre Gehälter und Pensionen wurden drastisch gekürzt. Die Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung wurden für immer kürzere Zeiträume gezahlt, so dass schließlich viele Erwerbslose auf die kargen Zuwendungen der »Wohlfahrtsfürsorge« der Städte und Gemeinden angewiesen waren. Neue Steuern wurden eingeführt, wie zum Beispiel die »Ledigensteuer«, die kommunale »Bürgersteuer« und die »Krisensteuer«. Gleichzeitig wurden bestehende Massenverbrauchssteuern, genannt sei die Tabaksteuer, im Prozentsatz angehoben und nicht zuletzt die Wartezeiten für Leistungen aus der Renten- und Invalidenversicherung dramatisch erhöht.

Auch im Ergebnis der Brüningschen Politik stieg die Zahl der Arbeitslosen vom Oktober 1929 bis zum Januar 1933 von insgesamt 1,6 Millionen auf etwa sechs Millionen Menschen. Arbeitslosengeld erhielten immer weniger von ihnen. Anfang 1933 war es weniger als eine Million. Die Folge war, dass allmählich Unterernährung, Hunger, Zwangsräumungen von Mietwohnungen, Konkurse, Pfändungen durch die Gerichtsvollzieher, nicht zuletzt bei Kleinbauern, selbständigen Handwerkern und Kleingewerbetreibenden, allgemeine Perspektivlosigkeit, ja eine um sich greifende Verelendung Bestandteile des alltäglichen Lebens wurden.

Brüning praktizierte kompromisslos und mit Billigung des Reichsverbandes der Deutschen Industrie sowie maßgeblicher Repräsentanten der Monopolbourgeoisie, aber auch unterstützt von fast allen Wirtschaftswissenschaftlern, einen rigiden »Sparkurs«. Staatliche Investitionen in die Infrastruktur und großangelegte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurden nur in Ansätzen und viel zu spät realisiert. Ein Freiwilliger Arbeitsdienst schuf keine Abhilfe; ebensowenig die obligatorischen Arbeitsleistungen, die immer mehr Gemeinden einforderten, um die von den Kommunen gewährte Wohlfahrtsunterstützung zu erhalten.

SPD »toleriert«

In der Zeit der Weltwirtschaftskrise verloren die Gewerkschaften Mitglieder in einem bislang nicht gekannten Umfang. Hatten die im ADGB organisierten Gewerkschaften 1929 knapp 5,3 Millionen Mitglieder, so waren es 1932 noch 3,9 Millionen. Die Verbände des ADGB und ihre Betriebsräte hatten angesichts der frontal gegen die Interessen der Arbeiter und Angestellten gerichteten Notverordnungen Brünings, wegen der grassierenden Massenarbeitslosigkeit und der Furcht der Arbeitenden, in absehbarer Zeit selbst zum wachsenden Heer der Erwerbslosen zu zählen, an Einfluss verloren. In den noch produzierenden Firmen konnte die »Herr-im-Hause-Politik« der Unternehmer wieder uneingeschränkt zur Geltung gebracht werden. Ganz in diesem Sinne bezeichnete der Vorsitzende des Verbandes Sächsischer Industrieller, Wilhelm Wittke, am 23. März 1930 in der Deutschen Arbeitgeberzeitung die Betriebsräte als »Unruhestifter«, die »aufgrund parteipolitischer und marxistisch-wirtschaftsfeindlicher Einstellung nicht allein dem Inhaber, sondern auch der Belegschaft und deren Familienangehörigen größte Schäden verursachen«. Dass man sie wegen gesetzlicher Bestimmungen nicht entlassen dürfe, »grenzt an bolschewistische Rechtszustände«.

Dass die ADGB-Gewerkschaften während der Weltwirtschaftskrise zu wenig Gegenwehr organisierten, dass sie, bis auf wenige Ausnahmen, keinerlei Streiks initiierten bzw. entschlossen zu Ende führten, bleibt der entscheidende Kritikpunkt an ihrer Politik in den Jahren der Weltwirtschaftskrise. Auch andere außerparlamentarische Aktionen wie zum Beispiel Massenkundgebungen und -demons­trationen gehörten nicht zu ihren Maßnahmen.

Diejenigen in den Gewerkschaftsführungen und in der SPD, die für die Organisation von Arbeitskämpfen und anderen außerparlamentarischen Aktionen eintraten, blieben in der Minderheit. Statt dessen bestand die Politik des SPD-Parteivorstandes darin, im Reichstag die Notverordnungen und damit die Regierung Brüning zu »tolerieren«. Durch Verhandlungen mit der Regierung wollte man erreichen, dass die Notverordnungen bzw. die entsprechenden Ausführungsbestimmungen abgemildert würden. Brüning selbst hatte bei seinem Amtsantritt die feste Absicht, »nicht das Wohlwollen der gemäßigten Kreise der SPD zu verlieren«. Dies sollte auch nicht geschehen. Insofern spielte die SPD-Fraktion im Reichstag fortan die Rolle eines heimlichen Koalitionspartners. Das Kabinett des Zentrumspolitikers wurde – in völliger Verkennung seines wahren Charakters als Katalysator im Prozess der Faschisierung – von der SPD-Führung als »eine Barrikade gegen den Faschismus« interpretiert, so die Aussage in einem Leitartikel der sozialdemokratischen Parteizeitung Vorwärts vom 4. März 1931.

SPD gegen KPD, KPD gegen SPD

Ein sehr schwerwiegendes Hindernis für den Kampf gegen Brüning bildete der erbitterte Kampf, den die beiden Arbeiterparteien gegeneinander führten. Die SPD und mit ihr der ADGB waren in den Beiwagen des Kabinetts Brüning eingestiegen. Kaum denkbar, dass eine Partei, die im Reichstag diese Regierung tolerierte, gegen sie gerichtete außerparlamentarische Kämpfe anführen würde. Die »Deutschen Führerbriefe«, eine streng vertrauliche Korrespondenz für einen kleinen Kreis von Industriellen, Bankiers und Politikern, die der Vizepräsident des Reichsverbandes der Deutschen Industrie Paul Silverberg finanzierte, formulierten bereits am Jahresende 1930 die zeitlich begrenzte Akzeptanz der »Tolerierungspolitik«, um in nicht allzu ferner Zeit die Hitlerfaschisten anstelle der SPD als Partner zu gewinnen: Die Sozialdemokratie sei »aus der gegenwärtigen inoffiziellen Arbeitsgemeinschaft zu entlassen. (…) Wir könnten uns denken, dass es dann Zeit ist, das Verhältnis Hitler–Brüning (…) zu revidieren. Am Horizont erschiene dann eine Rechtsregierung, die das Zentrum vielleicht nicht mehr im Kabinett, aber à la suite hat.«

Die KPD organisierte in der Zeit der Weltwirtschaftskrise eigenständige oppositionelle Verbände (»Rote Gewerkschaftsopposition«, RGO) in Konkurrenz zu den Freien Gewerkschaften, stellte bei Betriebsrätewahlen eigenständige Listen auf und versuchte mehrfach, ohne dabei die Unterstützung der reformistischen Gewerkschaftsführungen zu erhalten, Streiks durchzuführen. Es gelang jedoch nicht, die RGO zu einer ernsthaften Konkurrenzorganisation der ADGB-Gewerkschaften aufzubauen. Einige von der KPD und der RGO initiierte Streiks (zum Beispiel der Berliner Metallarbeiterstreik im Oktober 1930 und der Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932) konnten durchaus das Prädikat »Massenstreik« für sich beanspruchen. Doch die Parole von der »Aktionseinheit von unten« hielt viele sozialdemokratische Arbeiter davon ab, gegen ihre Partei und Gewerkschaft gemeinsam mit den kommunistischen Kollegen in den Streik zu treten.

Besonders erschwerend für die Durchsetzung jeglicher Aktionseinheit war die Praxis der KPD, die Sozialdemokratie als »sozialfaschistisch« zu denunzieren, wobei die Linken innerhalb der Sozialdemokratie besonders bösartig diffamiert wurden. Der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann formulierte hierzu im Mai 1931 in einem Bericht auf dem 11. Plenum des Exekutivkomitees der Kommunistischen Internationale: »Unsere Aufgabe ist es (…), besonders die linken SPD-Führer als die gefährlichsten Feinde innerhalb der SPD zu entlarven und zu kennzeichnen.«

Das Zerwürfnis zwischen den beiden Arbeiterparteien hatte nach dem 1. Mai 1929 (»Blutmai«) einen neuen Tiefpunkt erreicht, als in Berlin der sozialdemokratische Polizeipräsident Karl Zörgiebel die Verantwortung für 32 Tote, darunter sieben Frauen, mehr als 200 Verletzte und mehr als 1.000 verhaftete Personen trug. Sie waren dem Aufruf der Kommunisten gefolgt, am traditionellen Kampftag der Arbeiterklasse – ungeachtet des Verbotes von Zörgiebel – auf der Straße für ihre politischen Ziele zu demonstrieren. Im Wedding und in Neukölln war es sogar zu Barrikadenkämpfen gekommen.

Die Folgen dieses Ereignisses für die Beziehungen zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten in der Zeit der Weltwirtschaftskrise waren schwerwiegend. Die von Anfang an falsche These vom »Sozialfaschismus« hatte angesichts des gegen unbewaffnete Demonstranten und Unbeteiligte ausgeübten Terrors durch die von einem sozialdemokratischen Polizeipräsidenten kommandierte Polizei scheinbar eine Legitimation erhalten.

Aufstieg der NSDAP

Der 14. September 1930 bildete eine Zäsur in der Geschichte der Weimarer Republik. An diesem Tage fanden die Wahlen zum Reichstag statt. Ihr Ergebnis erschütterte nicht nur Deutschland. Völlig unerwartet avancierte die Nationalsozialistische Arbeiterpartei (NSDAP), die bei den vorangegangenen Reichstagswahlen am 20. Mai 1928 lediglich 2,8 Prozent der Stimmen auf sich hatte vereinigen können, zur zweitstärksten Partei nach der SPD. Mehr als 6,4 Millionen Wählerinnen und Wähler – das entsprach 18,3 Prozent der abgegebenen Stimmen – sprachen der faschistischen Partei ihr Vertrauen aus und veränderten damit das politische Kräfteverhältnis in einer bisher nicht gekannten Weise. Jetzt wurden in konservativen Gazetten und in den Verbandsorganen der Industrie die Stimmen immer lauter, die eine Regierungsbeteiligung der Nazis in Erwägung zogen oder sogar einforderten. In Thüringen (bereits seit Januar 1930) und im Freistaat Braunschweig (seit Oktober 1931) sollte dies auf der Länderebene auch Realität werden. Als die NSDAP bei den Reichstagswahlen am 31. Juli (37,3 Prozent) beziehungsweise am 6. November 1932 (33,1 Prozent) die wählerstärkste Partei wurde, war für Adolf Hitler der Weg in die Reichskanzlei geebnet. Heinrich Brüning hatte seine Funktion als ein wichtiger Wegbereiter für die Faschisten erfüllt. Seine nur wenige Monate amtierenden Nachfolger Franz von Papen und Kurt von Schleicher waren lediglich ein Zwischenspiel.

Am Ende profitierten die Nazis von der anhaltenden wirtschaftlichen Depression und von der beispiellosen sozialen und politischen Krise. Letztlich war es aber eine kleine Clique von überaus einflussreichen Repräsentanten der Monopolbourgeoisie, die als den geeigneten Ausweg aus der Krise die Machtübertragung an die NSDAP und ihren »Führer« ansahen. Bereits seit Jahren hatten sie in immer stärkerem Maße die Nazipartei politisch, materiell und durch die von ihnen kontrollierten Massenmedien unterstützt.

Den vorliegende Aufsatz haben wir mit freundlicher Genehmigung von Autor und Redaktion dem Oktoberheft der Zeitschrift Mitteilungen der Kommunistischen Plattform entnommen und um seine zahlreichen Anmerkungen gekürzt. Das Heft erscheint in diesen Tagen und kann bestellt werden unter kpf@die-linke.de.

Reiner Zilkenat schrieb an dieser Stelle zuletzt am 27. September über die Einrichtung des »Reichssicherheitshauptamtes«

Debatte

  • Beitrag von Dr. rer. nat. Harald W. aus H. ( 1. Oktober 2019 um 13:42 Uhr)
    Nun, die Marxisten konnten die Ursachen für die »Überproduktionskrise« direkt aus Marx und der »Imperialismustheorie« in verschiedenen Varianten (als Ursachenanalyse des Ersten Weltkrieges und des Kolonialismus) ablesen. Die Arbeitslosigkeit wird brutal zum profitsteigernden Lohndumping eingesetzt. Es ist schon so wie bei der Verlängerung der Arbeitszeit, Kürzung des Arbeitslosengeldes und von Sozialleistungen, dass da auf Kapitalseite regelrecht gelogen und hyperübertrieben (»hysterisiert«) wird, und zwar im »großindustriellen Medienmaßstab«.

    Nämlich: Die Unternehmen werden aus »feindlichen Brüdern« (Marx) geradezu zu Bestien, weil sie die »Strafe des Unterganges«, die Pleite, bei Ausfall der Nachfrage (Aufträge) immer mehr von »Not kennt kein Gebot« zum »totalen Krieg« treibt. Eine großindustrielle Monopolstruktur mit traditionell enger Verzahnung mit dem Staatsapparat (»Stahlbarone«, deutscher »Sonderweg« in der Geschichtswissenschaft):

    Schon der erste Weltkrieg beruhte darauf, dass eine lange »Depression« bis 1896 mehr durch Staatsmilitäraufträge in eine bessere Konjunktur verwandelt wurde, und zwar mit Hilfe des gewonnenen Krieges von 1870/71 (bei dem Nietzsche auf der Bismarck-Seite im Lazarett »kämpfte«). Eigentlich hätte es einen Dauerhyperboom wegen der neuen Elektrik, Chemie, der Automobile geben müssen, wenn der Kapitalismus auch nur ein halbwegs »passables« Wirtschaftsystem wäre, wo der »Eigennutz« (d. h. die Bedürfnisbefriedigung bei gefahrlosem und überschaubarem »Einsatz«) wirklich auch »auf den Marktplatz« käme.

    Sowjetrussland war intelligent genug, die Nachfrageausfälle »freiwillig« über Auslandsaufträge ausgleichen zu wollen, aber das ging bei den andern nicht genauso und nicht im vollem Umfang.

    Leider wussten die Sowjets zu gut, wie brutal und heimtückisch die SPD verraten musste, um eine sozialistische Wende in Deutschland mit allen Mitteln zu verhindern! Ebenso pflanzte sich dieses Wissen zum legendären Stalin-Trotzki-Konflikt fort, nachdem Lenin völlig »aus dem Nichts« einen Schlaganfall bekommen hatte (obwohl er ein tägliches Schwimmprogramm absolvierte) und auch der SPD-Präsident Ebert »quasi aus dem Nichts« starb, so dass Hindenburg (vom »Wir-wollen-den-alten-Kaiser-Wilhelm-wiederhaben-Korps«) an seine Stelle treten konnte.
  • Beitrag von Cilly K. aus H. ( 1. Oktober 2019 um 17:14 Uhr)
    Wie fehlende Anführungszeichen den Sinn verändern

    Zu jW vom 30.9.2019, Thema »Großer Krach« von Reiner Zilkenat

    Der Autor zitiert Ernst Thälmann vom 11. Plenum des EKKI. Im Textabschnitt seines Beitrages »SPD ›toleriert‹« schreibt Zilkenat: »... besonders die linken SPD-Führer ...« Bei den »linken SPD-Führern« steht das Wort »links« ohne Anführungszeichen.

    Thälmann hat jedoch immer bei der Nennung dieser Sozialdemokraten das Wort »links« mit Anführungszeichen versehen. Gemeint waren die sich angesichts der zunehmenden Faschisierung, insbesondere ab Brüning, erschreckt gebenden Reformisten mit Träumereien zur Erlangung einer sozialistischen Gesellschaft.

    Daraus ergibt sich eine ganz andere Sinnbildung, als vom Autor zitiert und hoffentlich nicht auch gewollt ist. Denn dies wäre allerdings in der Tat heimtückisch zu nennen. Diese »linken« Sozialdemokraten hat Thälmann als Gegner angesehen, nicht aber die oppositionellen Arbeiter in der SPD. Denn diese schwenkten immer mehr auf die kommunistische Linie ein. Das war die Einheitsfront, die man suchte.Hierzu gibt es jede Menge Material in der Gedenkstätte Ernst Thälmann in Hamburg.

    Ein Flugblatt der mittlerweile illegalen Hamburger SPD von Ende 1933 bestätigt Thälmanns Wirken und Kampf für die Einheit: »Thälmann war kein Putschist, kein Anhänger des individuellen Terrors, sondern ein Sozialist, dem es auf geistige Auseinandersetzungen ankam. Wir haben es immer und sehnlichst von ganzem Herzen gewünscht, dass die von ihm verkündeten Worte für die Schaffung einheitlicher sozialistischer Aktionen Leben und Wirklichkeit geworden wären.«

    Wie wenig sich der Autor im proletarischen Milieu jener Tage auskennt und dass er sich anscheinend auch nicht hineinversetzen kann oder will, zeigt die Aussage, dass der Blutmai der These »Sozialfaschismus« eine Legitimation erteilt habe. Welch ein Zynismus angesichts Tausender ermordeter und zum Krüppel geschlagener Arbeiter!

    R. Silbermann, Hamburg

Leserbriefe zu diesem Artikel:

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