Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

Wiederholt begraben

80 Jahre nach Freud: Zum Zustand der österreichischen Zivilgesellschaft
Von Harald Justin
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Wer heute über den grassierenden Antisemitismus in Österreich redet, führt oft genug die Rede von Import, der jegliches Mördertum den Flüchtlingen aus arabischen Ländern zuschreibt, um den seit Jahrhunderten in Österreich beheimateten antisemitischen Hass vergessen zu lassen. Der Jude Freud hingegen kannte den Antisemitismus seiner Zeit, der ihm in Wien von typischen Österreichern entgegenschlug. Seine Flucht aus Wien 1938, sein Tod in London am 23. September 1939 und sein Nachleben, zeugen eben von der anderen Seite, von Nazis und dem in Österreich und Wien lang schon tobenden rassistischen Mob. Das Wien der Jahre 1938/39 war eine »Stadt ohne Seele«, wie sie der Schriftsteller Manfred Flügge 2018 in seinem gleichnamigen Buch bezeichnet. Dass der Seelendoktor Freud die Stadt seines Wirkens verlassen musste, hatte er, jenseits der antisemitischen Grundstimmung, eben dem geborenen Österreicher Adolf Hitler zu verdanken, dem nunmehr deutschen, dank seiner Wählerschaft in Berlin regierenden »Führer«. Dort hatte man den Wert der Schriften Freuds früh erkannt.

Am Abend des 10. Mai 1933 veranstaltete die NS-Studentenschaft auf dem Platz neben der Berliner Oper, direkt gegenüber der Friedrich-Wilhelms-Universität, eine Bücherverbrennung. Sogenannte Feuersprüche begleiteten jeden Bücherschub. Mit den Worten »Gegen die seelenfressende Überschätzung des Trieblebens, für den Adel des menschlichen Geistes! Ich überantworte den Flammen die Schriften von Sigmund Freud« warfen Studenten Bücher des Begründers der Psychoanalyse ins Feuer.

Als Freud in Wien von diesem Autodafé erfuhr, klang sein Kommentar noch verhältnismäßig optimistisch, selbst wenn die feine Ironie nicht überhörbar war: »Welch ein Fortschritt gegenüber dem Mittelalter – damals hätte man mich verbrannt, nicht nur die Bücher.«

Noch setzte er auf die Macht der Zivilisation, die letztendlich wohl doch den Sieg über die Kräfte der Barbarei davontragen werde. Seine Tochter Anna erzählte von einer Stimmung der Sorglosigkeit, die in ihren Kreisen herrschte. Denn sie hatte »unser ganzes Leben im Schatten eines ziemlich lautstarken österreichischen Antisemitismus verbracht«. Zwar herrsche nach der deutschen Annexion Österreichs 1938 Panikstimmung in Wien, »aber wir machen die Panik nicht mit.« Zudem hegte Freud die Hoffnung, dass »unser Pöbel ein Stück weniger brutal (ist) als der stammesverwandte deutsche«.

Pforten der Hölle

Doch die Ereignisse im März 1938 widerlegten ihn. Die »Pforten der Hölle« öffneten sich, erinnerte sich der deutsche Dramatiker Carl Zuckmayer. Der aus dem faschistischen Deutschland vor den Nazis ins österreichische Henndorf am Wallersee Geflüchtete erlebte Weltgeschichte aus der Perspektive eines erstaunten, sich fürchtenden Humanisten: »Die Unterwelt hatte ihre Pforten aufgetan und ihre niedrigsten, scheußlichsten, unreinsten Geister losgelassen. Die Stadt verwandelte sich in ein Alptraumgemälde des Hieronymus Bosch: Lemuren und Halbdämonen schienen aus Schmutzeiern gekrochen und aus versumpften Erdlöchern gestiegen. Die Luft war von einem unablässig gellenden, wüsten, hysterischen Gekreische erfüllt, aus Männer- und Weiberkehlen, das tage- und nächtelang weiterschrillte. Und alle Menschen verloren ihr Gesicht, glichen verzerrten Fratzen; die einen in Angst, die anderen in Lüge, die anderen in wildem, hasserfülltem Triumph.«

Wären es doch nur sich aus Schmutzeiern windende Lemuren und Halbdämonen gewesen, die für das Unheil verantwortlich waren. Tatsächlich waren es die sprichwörtlich netten Nachbarn von nebenan, die adrett gekleidet aus ihren sauber geputzten Bürgerwohnungen kamen: grundanständige Österreicher eben. »Was hier entfesselt wurde«, so Zuckmayer, »war der Aufstand des Neids, der Missgunst, der Verbitterung, der blinden böswilligen Rachsucht.«

So brach sich jahrhundertelang eingeübtes Ressentiment Bahn. Der Historiker und Freud-Biograf Peter Gay urteilte: »Viele Deutsche hatten unter dem unbarmherzigen Propagandabombardement nachgegeben, eingeschüchtert durch einen Staat, der harte Forderungen stellte, durch eine wachsame Partei und eine kontrollierte Presse. Viele Österreicher brauchten keinerlei Druck. Nur ein kleiner Teil dieses Verhaltens kann als erzwungene Unterwerfung unter den Naziterror erklärt oder entschuldigt werden. Der Mob, der jüdische Wohnungen plünderte und jüdische Geschäftsleute terrorisierte, handelte ohne offiziellen Befehl und genoss sein Werk.« Und: »Die Zwischenfälle auf den Straßen österreichischer Städte und Dörfer unmittelbar nach der deutschen Invasion waren abscheulicher als alle, die man bis dahin in Hitlers Reich erlebt hatte.« Der Mob zog plündernd durch Wohnungen und Geschäfte, von dem Raubgut profitierte das noble Auktionshaus Dorotheum in Wien noch Jahre. Als Juden identifizierte Männer und Frauen wurden geschlagen oder unter dem Beifall der johlenden Menge gezwungen mit bloßen Händen oder Zahnbürsten Straßen zu reinigen, sogenannte »Reibpartien«. Andere, wie der österreichische jüdische Sozialdemokrat Hugo Sperber, wurden in KZs verschleppt und ermordet, oder nahmen sich das Leben wie der Kulturphilosoph Egon Friedell.

Unter den Wienern allerdings, so konstatierten Korrespondenten ausländischer Zeitungen, herrschte eine fröhliche, ausgelassene »Feiertagsstimmung in Österreich«.

Zweites Begräbnis

Auch nach dem Ende des Faschismus überlebte in Freuds Heimatland die zutiefst antisemitische Grundstimmung und der besondere Hass auf die »jüdische Trieblehre der Psychoanalyse«. Nicht untypisch waren insofern die Feierlichkeiten in Wien anlässlich seines 100. Geburtstages am 5. Mai 1956. Lediglich ein Dutzend seiner ehemaligen Schüler und Freunde hatten sich in der Ruhmeshalle der Universität Wien zum Andenken mitsamt Kranzniederlegung getroffen. Weder Vertreter der Universität, noch der Stadtverwaltung oder gar der österreichischen Regierung hielten es für nötig, wenigstens posthum sein Denken zu ehren, Abbitte für das an ihm begangene Unrecht zu leisten oder auch nur mit einem Wort Schuld einzugestehen. Es kam einem zweiten Begräbnis gleich. Die Nichtigkeit dieser Veranstaltung ließ vergessen, dass man selbst bei der wohlmeinenden Aufstellung eines Freud-Denkmals im Arkadenhof der Uni Wien im Jahr zuvor unterschlug, weshalb der große Sohn der Stadt nicht in der Donaumetropole verstarb, der Stätte seines Wirkens. Sondern in London, im Exil.

Die Feierlichkeiten in Frankfurt am Main einen Tag später, am 6. Mai 1956 an Johann-Wolfgang-Goethe-Universität, standen offenbar unter einem anderen Stern als die in Wien. Bundespräsident Theodor Heuss und der hessische Ministerpräsident Georg-August Zinn (SPD) waren anwesend; Erik H. Erikson, Freud-Schüler von der US-amerikanischen Universität Pittsburgh, hielt einen Vortrag und eröffnete mit ihm zugleich einen sich über zwei Monate erstreckenden Vortragszyklus an den Universitäten von Frankfurt und Heidelberg. Für Heidelbergs Medizinische Fakultät sprach der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich, für die Veranstalter im Sinne der Frankfurter Schule Max Horkheimer. Jürgen Habermas berichtete für eine Tageszeitung, dass Freud im Einklang mit der humanistischen Tradition stehe, »weil er die Dimension des Unbewussten entdeckte« und genau deswegen versuchte, »der Vernunft zu ihrem Recht zu verhelfen«.

Ob in den 50er Jahren der Vernunft in der BRD Ehre gemacht wurde, sei dahingestellt. Tatsache bleibt, dass die Redner der Gedenkveranstaltung in Frankfurt einige Jahre später zu den geistigen Vätern einer Studentengeneration gezählt wurden, die den Aufstand probte. Die 68er beriefen sich auch auf Freud: Die Idee, dass die Macht des Vaters gebrochen werden muss, um selbst an die Macht zu kommen, kam gerade recht, um Studenten zu befeuern, gegen eine Vätergeneration von Naziprofessoren, -ausbildern, -richtern und -lehrern auf die Straßen zu gehen.

In Österreich blieb dieser Aufstand bezeichnenderweise aus. Was andernorts in gewalttätigen, »vatermörderischen« Demonstrationen gipfelte und Regierungen in Krisen stürzte, geriet in Österreich, wie der Schriftsteller Michael Amon schrieb »gewohnheitsmäßig« zu einer Farce. Als wichtigstes Ereignis jener Jahre wird immer wieder ein Happening unter dem Titel »Kunst und Revolution« genannt, in dem aktionistische Künstler im Hörsaal des Neuen Institutsgebäudes der Universität Wien unter Absingen der österreichischen Hymne onanierten und defäkierten. Die »Uniferkelei« war denn auch schon das Wildeste, der Rest bestand aus wenig bemerkenswerten Demos und Sit-ins, während sich in der Einführungsvorlesung für Psychologie der berühmte Professor Hubert Rohracher über Freud lustig machte.

Neurose und Klassenkampf

Im provozierten impulsiven Lachanfall ließ sich vergessen, dass mit den Tätern eigentlich alle Österreicher auf Freuds Couch gehört hätten. Wer deshalb meinte, die »österreichische Seele« erkunden zu wollen, wie der Psychiater Erwin Ringel es in seinem legendären gleichnamigen Buch aus den 80er Jahren versuchte, wurde selbst Jahrzehnte später noch als »Nestbeschmutzer« beschimpft, während es bis heute zum guten Ton einer Partei wie der FPÖ gehört, dass ihr führendes Personal aus Männern besteht, die eben nicht mit dem Erbe ihrer Väter gebrochen haben. Der symbolische Vatermord bleibt bei ihnen ausgeschlossen, in deutschnationalen Burschenschaften dienen sie sich ihren »Alten Herrn« an. Sie setzen als brave Söhne stolz das von ihnen in Ehren gehaltene Werk ihrer Väter fort. »Österreichs Burschenschaften«, so der Journalist Hans-Henning Scharsach, »aus denen die schlimmsten Naziverbrecher, die brutalsten politischen Gewalttäter der Nachkriegszeit und zahlreiche rechtskräftig verurteilte Neonazis hervorgegangen sind«, greifen mit der FPÖ nach der Macht.

Und sie haben im Österreich des Jahres 2019 mehr Erfolg als libertäre Freigeister. Autoritäre Einstellungen haben neuerdings einen deutlichen Schub erhalten. Die Saat derer, die Freud ins Exil trieben, blüht in der »Stadt ohne Seele« und erst recht im Umland der Dörfer, Seen und Berge. Heute braucht es mehr als Seelendoktoren, um kommendes Unheil abzuwehren.

Während die deutschen 68er wie selbstverständlich unter dem Zeichen von »Neurose und Klassenkampf« antraten und sowohl Freud als auch Marx zu beerben versuchten, war dies in Österreich höchstens ein suspekter, von sehr wenigen Wissenschaftlern aufgegriffener Zusammenklang. Insofern verwundern die Antworten auf die Frage nach der Aktualität der Psychoanalyse nicht, die der Rektor der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien, Alfred Pritz, im August des Jahres 2019 gibt. In einem Interview mit der Tageszeitung Kurier bescheinigte er der Lehre Freuds sogar eine wachsende Bedeutung, allerdings »insbesondere in China«. Wer sich dort auf die Couch legt, trifft womöglich auf einen Psychoanalytiker, der seine Lehranalysen in Wien ebenso brav bezahlt hat wie die Semesterbeiträge an der SFU. Dass die sich pro auf mehr als 10.000 Euro pro Halbjahr belaufen, dürfte ebensoviel mit Klassenkampf wie mit Neurosen zu tun haben.

Harald Justin, Jahrgang 1956, ist deutsch-österreichischer Journalist und Autor. Er schreibt regelmäßig im Feuilleton der jungen Welt.

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