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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 12 / Thema
Kunstgeschichte

Selbstbildnisse

Dem proletarischen Maler Otto Nagel zum 125. Geburtstag
Von Peter Michel
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»Selbstbildnis« (1935), Öl auf Leinwand, 105 × 80 cm, Märkisches Museum Berlin (Foto: Märkisches Museum Berlin)

Dieses Leben war einmalig. Es reichte vom Deutschen Kaiserreich bis ins zweite Jahrzehnt der DDR. Einen Künstler zu ehren, der aus dem Proletariat kam und in die Klassenkämpfe seiner Zeit eingebunden war, der solidarisch dachte und handelte und seine Umwelt schonungslos ehrlich – also realistisch – in die Werke holte, das steht uns gut an. Zu Otto Nagels bekanntesten Werken gehören die Gemälde und Zeichnungen aus dem Berlin der zwanziger und dreißiger Jahre, darunter die »Parkbank am Wedding«, sein »Jungkommunist« aus dem Mehrtafelbild einer Weddinger Familie und der »Waldarbeiter Scharf«. Auch seine Selbstbildnisse weisen auf den engen Zusammenhang seiner Biographie mit den geschichtlichen Umwälzungen hin.

Selbstbildnis mit Hut

Walli Nagel beschrieb in ihrem Buch »Das darfst du nicht!« die »goldenen zwanziger Jahre« als eine Zeit voller Entbehrungen und Kampf.¹ Sie und ihr Mann Otto hatten noch keine eigene Wohnung, lebten bei Nagels Mutter: in einem Zimmer mit Küche und Aussicht auf einen grauen Hof. In dieser engen Wohnung entstand 1920 das erste Selbstbildnis. Otto Nagel war damals in die KPD eingetreten und noch Transportarbeiter bei der Firma Bergmann in Berlin. Mit forschendem Blick schaut er in einen Spiegel, vor sich die mit einer Schräge angedeutete Staffelei, daneben ein Kasten mit einer Flasche Öl. Dicht an den Betrachter herangerückt, befragt der Maler nicht nur sich selbst, sondern sucht zugleich mit diesem den Dialog. Die Augen richten sich fragend auch auf ihn, der das Milieu in der Beengtheit dieses kleinen Raumes erfasst. Die Dielenbretter sind breit, Betten, Schrank, Stuhl und Kachelofen sind alt. Das Interieur könnte als Rückzugsort gedeutet werden. Doch der Ausdruck des hageren Gesichts verrät geistige Anspannung. Die kühlen Farben und die Klarheit der Konturen weisen auf mehr hin: Das ist kein idyllisches Repräsentationsporträt; hier werden die Härte der proletarischen Existenz und ein starker Lebenswille gezeigt. Darstellungen von Arbeitern gab es in der deutschen Kunst schon zuvor, etwa bei Adolf Menzel (1815–1905). Hier aber tritt wohl erstmals ein Arbeiter selbstbewusst als Künstler auf. Auch das macht dieses Bild so einmalig.

Im »Tausendjährigen Reich«

Mehrere Selbstbildnisse entstanden auch in den zwölf Jahren des deutschen Faschismus. In einem Selbstporträt von 1933 scheint er sich nachdenklich selbst zu befragen. Zwar blickt er wieder ein wenig zweiflerisch auf den Betrachter, doch er sitzt bewegungslos vor seiner Staffelei. Die Hände ruhen im Schoß. Wenig später jedoch überwindet er in einem »Selbstbildnis mit Palette« (1933/34) diese scheinbare Ruhe. Er rückt den Betrachter näher an sich heran, hält die Palette leicht nach oben und setzt mit dem Pinsel Farbe auf die Leinwand. Blick und Körperhaltung sind aktiv; er will den Zuschauer mitreißen – eine Auflehnungsgebärde in jenem Jahr, als ihn das Malverbot der Faschisten erreichte. Aber er ließ sich das Malen nicht verbieten. 1935 hatte er eine illegale Malschule gegründet und malte sich wieder selbst, diesmal nicht im Halbprofil, sondern en face. Der Kopf ist in die rechte Hand gestützt, die linke greift an die Hüfte über dem Standbein. Das rechte Bein ist erhoben, steht offenbar auf einem Hocker, als wollte der Maler auf den Betrachter zugehen und ihm Fragen stellen. Die Malutensilien sind unbenutzt; ein Hinweis auf das Malverbot. Auf einem Gemälde von 1936 steht er aufrecht, scheinbar untätig in seinem Atelier vor einer leeren Leinwand, der Blick ratlos, eine Hand in der Hosentasche, die andere hält eine Zigarre.

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»Selbstbildnis mit rotem Schal« (1949), Öl auf Leinwand, 85 × 65 cm, Nationalgalerie Berlin (Foto: Akademie der Künste der DDR)

Besonders eindringlich ist ein Pastell auf graubraunem Papier, das Otto Nagel unmittelbar nach seiner Entlassung aus dem berüchtigten Konzentrationslager Sachsenhausen 1937 malte. Seine Frau Walli hatte sich unter Lebensgefahr bei einem Oberstandartenführer für ihn eingesetzt. Als Otto Nagel zu Hause eintraf, hatte er vorn keine Zähne mehr, die Haare und der Schnurrbart waren geschoren, er hatte stark abgenommen. Sein Kopf zeigt die Entbehrungen und Qualen der Haft, doch die Augen blicken voller Zorn.

Mit rotem Schal

Nach der Befreiung vom Faschismus begannen für Nagel ungeheure Anstrengungen beim Aufbau einer neuen, antifaschistisch-demokratischen Ordnung. Seine Gesundheit war angegriffen, doch er schonte sich nicht. In seinem »Selbstbildnis mit rotem Schal« von 1949 begegnet uns eine neue Persönlichkeit: Er malt sich als Künstler, der von sozialer Bedrückung und politischer Verfolgung befreit ist. Ein Interieur ist nicht zu sehen; der Hintergrund zerfließt wie ein impressionistisch gestalteter Vorhang. Alles konzentriert sich auf das im strengen Profil gegebene Bildnis eines Künstlers bei der Arbeit, das sich hart, beinahe plastisch vom weichen Hintergrund abhebt. Der rote Schal betont das nun mögliche emanzipierte Künstlertum, das sich frei entfalten kann. Dennoch sind in die Physiognomie die Spuren der Vergangenheit eingegraben. Dieses Bild steht am Anfang einer ganzen Reihe anderer Porträts. Otto Nagel malte in dieser Zeit den Schriftsteller Bernhard Kellermann, den Pädagogen und Politiker Fritz Rücker, den Bergmann Adolf Hennecke, einen Neubauern, eine Neulehrerin und viele andere. Die Erfahrungen, die er bei seinen Selbstbildnissen gesammelt hatte, flossen nun in solche Porträts anderer Menschen in einer neuen Zeit ein.

Der alte Maler

Vier Jahre vor seinem Tod malte er sich noch einmal selbst. Eigentlich sollte es ein zweiteiliges Bild werden, das den jungen und den alten Otto Nagel zeigt; doch das erste Bild blieb ungemalt. Dieses letzte große Selbstbildnis wirkt beinahe wie eine Lichterscheinung; es ist durchgeistigt, zeigt den alten Maler, seinen menschlichen Kern in großer Schlichtheit. Da sind Erinnerungen spürbar, eine tiefe Nachdenklichkeit, auch ein Ermüden. Das fahle Grau, das viele seiner Bilder vor allem aus den zwanziger und dreißiger Jahren durchzog, ist einer wärmeren Farbigkeit gewichen. Hier stellt sich der Maler in seiner eindringlichen, bescheidenen Menschenwürde vor. Dieses Bild lässt jene, die in den Formalismusdebatten der späten vierziger bis in die sechziger Jahre zu den Angegriffenen gehörten, daran denken, wie oft Otto Nagel versuchte, vor bornierter Kulturpolitik zu warnen.

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»Selbstbildnis« (1936), Öl auf Leinwand, 115,5 x 79,5 cm, Ehem. Otto-Nagel-Haus Berlin; »Selbstbildnis, zwei Stunden nach der Entlassung aus dem KZ« (1937), Pastell, 58,7 x 44,5 cm, Kupferstichkabinett Dresden

Unvergessen

Es ist gut, an diesen Künstler zu erinnern. Am Geburtshaus in der Reinickendorfer Straße im Berliner Wedding und an seinem Wohnhaus in Berlin-Biesdorf finden sich Gedenktafeln. Drei Schulen tragen seinen Namen: ein Gymnasium in Biesdorf und Grundschulen in Bergholz-Rehbrücke und Schönewalde. Es gibt Otto-Nagel-Straßen in Berlin, Forst und Potsdam, wo auch ein »Otto-Nagel-Club« existiert. Der Maler wurde postum zum Ehrenbürger der Stadt Berlin ernannt. Umfangreiche Forschungen beschäftigten sich mit Leben und Werk; Bücher von Erhard Frommhold und Wolfgang Hütt schufen dafür in der DDR gute Grundlagen. Die von Otto und Walli Nagel verfassten Erinnerungen erschienen mehrfach. Seit 1973 gab es am Märkischen Ufer das Otto-Nagel-Haus, das als Teil der Nationalgalerie seinem Werk und proletarisch-revolutionärer Kunst gewidmet war; es wurde Mitte der neunziger Jahre geschlossen. 2007 schloss man auch die kommunale Otto-Nagel-Galerie in der Weddinger Seestraße. Doch es gab immer wieder Bemühungen, seine Kunst in der Öffentlichkeit zu zeigen: 2008 stellte das Mitte-Museum am Berliner Festungsgraben seine Werke aus, und 2012 gab es im Schloss Biesdorf in Kooperation mit der Akademie der Künste eine vielbeachtete Ausstellung.

Er ist nicht vergessen. Anlässlich seines 125. Geburtstages bildete sich im Berliner Stadtbezirk Marzahn-Hellersdorf Anfang Januar 2019 ein »Initiativkreis Otto Nagel 125«, der das Werk dieses Künstlers der nachfolgenden Generation nahebringen will. Ihm gehören neben kommunalen Einrichtungen und Vereinen auch Familienangehörige Otto Nagels und seine Meisterschüler Harald Metzkes und Ronald Paris an. Vom 21. Mai bis zum 4. August 2020 wird im Schloss Biesdorf als Höhepunkt aller Veranstaltungen eine umfangreiche Werkausstellung gezeigt werden. Im Mittelpunkt sollen Porträts des Malers stehen.

Anmerkung:

1 Walli Nagel: Das darfst du nicht! Erinnerungen, Halle/Leipzig 1981

1894: Otto Nagel wird am 27.9. im Berliner Stadtbezirk Wedding geboren

1900–08: Besuch der Volksschule, erste künstlerische Versuche, Lehre als Glasmaler, Mitglied der Arbeiterjugend

1908–10: Teilnahme an Kundgebungen und Bildungsabenden der Arbeiterjugend, Nagel hört Reden von August Bebel, Paul Singer und Rosa Luxemburg. Er wird wegen der Teilnahme an einer 1.-Mai-Demonstration gemaßregelt, bricht die Lehre ab und verliert das Anrecht auf eine Freistelle an der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums, Arbeit als Lackierer

1910–12: Verschiedene Lohnarbeiten, Porträtstudien im Arbeitsamt, 1912 Mitglied der SPD

1913–15: Transportarbeiter, Besuch des Zeichenkurses der städtischen Abendschule, Zeichnen nach Gipsen, bald abgebrochen. Nagel bekennt sich als Kriegsgegner, nach Einberufung zum Armeedienst wegen schlechter körperlicher Konstitution wieder entlassen

1916–17: Erneute Einberufung; mit der Spartakus-Gruppe schließt Nagel sich der USPD an, wiederholte Zwangsrekrutierung; wegen Verweigerung des Fronteinsatzes Einweisung in das Straflager Wahn bei Köln

1918–19: Arbeitsunfall im Lager, Beteiligung an Demonstrationen, Mitglied eines Soldatenrats, Rückkehr nach Berlin, wieder Transportarbeiter, selbständige künstlerische Arbeiten. Der Kunsthistoriker Adolf Behne wählt erste Arbeiten Nagels für die Arbeiterkunstausstellung in Berlin aus

1920: Mitglied der KPD, Einreichung von Arbeiten für die Große Berliner Kunstausstellung, erstes Selbstbildnis

1921–23: Beteiligung am Berliner Märzstreik, fristlose Entlassung als Transportarbeiter. Nagel wird freischaffender Künstler, beteiligt sich an Ausstellungen der Freien Sezession und der Berliner Juryfreien Kunstschau, erste lithographische Versuche. Beginn der Freundschaft mit Käthe Kollwitz und Heinrich Zille, gemeinsam mit Erwin Piscator Sekretär der »Künstlerhilfe« innerhalb der »Internationalen Arbeiterhilfe« (IAH)

1924–25: Mitglied der »Roten Gruppe«, Organisator einer Kollektivausstellung progressiver Künstler im Kaufhaus Wertheim, Beteiligung an der Grafikmappe »Hunger«, Begleitung einer Ausstellung mit Werken deutscher Künstler nach Moskau, Saratow und Leningrad, dort Heirat mit der Schauspielstudentin Walentina Nikitina (Walli), mit ihr Rückkehr nach Deutschland

1926–32: Regelmäßige Teilnahme an Ausstellungen der Preußischen Akademie der Künste und Organisation weiterer Ausstellungen in Berliner Kaufhäusern, zusammen mit Ernst Busch, Hanns Eisler und Gustav von Wangenheim Begründer des »Roten Kabaretts«, bis 1930 Lehrer an der Marxistischen Arbeiterschule, gemeinsam mit Heinrich Zille Gründung der satirischen Arbeiterzeitschrift Eulenspiegel, Entstehung wichtiger Gemälde, unter anderem »Wedding-Kneipe«, »Weddinger Jungen«, »Asylisten«, »Frühschicht« und »Bewaffnete Arbeiter«, Nagels Zille-Buch »Für alle« erscheint, Mitautor des Films »Mutter Krausens Fahrt ins Glück«, Gewerkschaftliche Arbeit im »Reichsverband bildender Künstler«, enge Verbindung zur »Assoziation revolutionärer bildender Künstler Deutschlands« (Asso), Sekretär der »Liga gegen Faschismus und Reaktion«, Mitarbeit an der deutschen Kollektion einer Antikriegsausstellung in Amsterdam und an der Berliner Ausstellung »Frauen in Not«, Begleitung einer Kollwitz-Ausstellung nach Moskau und Leningrad

1933: Im Januar Wahl zum Vorsitzenden des »Reichsverbands bildender Künstler«, nach dem Machtantritt der Faschisten Annullierung der Wahl, Hausdurchsuchungen, Inhaftierungen, elf Bilder werden zerstört, Entfernung der Gemälde »Arbeiterbrautpaar« und »Arbeitsnachweis« aus den Museen in Stettin und Berlin

1934: Malverbot, Organisation einer Ausstellung (Zille, Kollwitz, Nagel) in Amsterdam und Den Haag. Kinderbildnisse und Pastelle aus dem Wedding, Beginn einer Reihe von Selbstbildnissen, während erneuter Verhaftung lebensgefährliche Lungenentzündung, das Gemälde »Der 70. Geburtstag des Waldarbeiters Scharf« entsteht

1935–38: Gründung einer illegalen Malschule, Einlieferung ins KZ Sachsenhausen, nach Entlassung Polizeiaufsicht, Aufenthalte im Spreewald und in Vitt (Rügen), 27 seiner Werke fallen der Aktion »Entartete Kunst« zum Opfer, weitere enge Verbindung zu Käthe Kollwitz und Adolf Behne

1939–42: Malen in der Spandauer Altstadt, später in der Berliner Innenstadt, iIllegale Ausstellungen in seinem Atelier, wiederholte Verhaftung, Bedrohung seiner Ehefrau als »feindlicher Ausländerin«

1943–44: Staffeleibilder nach Altberliner Motiven, Flucht vor den Luftangriffen nach Forst, Stadtansichten von Forst, Geburt der Tochter Sibylle

1945: Zwangsevakuierung vor der anrückenden Roten Armee, Unterkunft in Rehbrücke bei Potsdam, Walli Nagel rettet durch mehrere wagemutige Fahrten nach Forst einen Teil der verbliebenen Bilder. Otto Nagel gründet nach der Befreiung vom Faschismus eine Parteigruppe der KPD, wird erster Vorsitzender des Landesverbandes Brandenburg des Kulturbundes, organisiert Gedenkausstellungen für Käthe Kollwitz und Heinrich Zille

1946–49: Landtagsabgeordneter, Mitglied des Deutschen Volksrates, malt erste Ruinenbilder, beginnt seinen Zyklus »Der neue Mensch«, »Selbstbildnis mit rotem Schal«, Verleihung des Professorentitels, Abgeordneter der Länderkammer der DDR

1950–57: Gründungsmitglied der Deutschen Akademie der Künste, dort erste Retrospektive seiner Werke, Übersiedlung nach Berlin-Biesdorf (1951). Wahl zum Präsidenten des Verbandes bildender Künstler und zum Präsidenten der Akademie der Künste (im Amt bis 1961), zu seinen Meisterschülern gehören Harald Metzkes, Ronald Paris und Rolf Schubert

1958–66: Ausstellungen in Berlin, Stockholm, Moskau, Amsterdam und anderen Städten, Berufung zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste der UdSSR, Selbstbildnis »Der alte Maler«, letzte Pastelle der Reste des Berliner Fischerkietzes, Illustrationen zu seinem Roman »Die weiße Taube oder Das nasse Dreieck«

1967: Nach langer, schwerer Krankheit stirbt Otto Nagel am 12. Juli und wird neben Käthe Kollwitz auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt

Peter Michel schrieb an dieser Stelle zuletzt am 25. April 2019 über den polnischen Maler Jankel Adler

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