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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 10 / Feuilleton
Sachbuch

Das sollte Schule machen

Gerd Schumanns Buch »Das Morgen im Gestern. Erkundungen eines Wessis im Osten«
Von Matthias Krauß
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»Aber die populäre Kunst ist das wichtigste«: Reinhold Andert vom Oktoberklub prägte das Motto »DDR konkret«

Bei all den berechtigten Beschwerden über Westdominanz im Osten sollte man sich immer wieder vor Augen halten: Es gibt nicht nur Westdeutsche, die den Ossi zum Geduldeten im enteigneten Land gemacht haben. Als Kapitäne der Aufarbeitungsindustrie, Herren in den ostdeutschen Ministerialverwaltungen, Gerichten, Behörden, als Chefs in den westorientierten Medien des Ostens. Es gibt auch die anderen aus den alten Ländern, die sich hinten anstellen mussten, die mehr als drei billige Formeln im Kopf haben, wenn sie die DDR bewerten, die sich aufrichtig um Verständnis bemühen. Wenn sie auch – zugegeben – nicht eben reichlich gesät sind. Einer von ihnen ist der Journalist und Autor Gerd Schumann, der einige seiner Reportagen zum Thema aus den vergangenen Jahrzehnten nun in dem Buch »Das Morgen im Gestern« versammelt hat.

Schumann, gebürtiger Holsteiner und ehemaliger jW-Redakteur, ist souverän genug, nicht über die allgemeine Erfahrung hinwegzugehen: »Es kann in der Regel wenig Interessantes herauskommen, wenn ein Wessi über die DDR schreibt.« Das ist dann aber ein Satz, der für ihn selbst nicht gelten soll und auch nicht gilt. In seinen »Erkundungen eines Wessis im Osten« – so der Untertitel – lässt er die Leser zu deren Besten teilhaben an seinen Entdeckungsreisen durch das Beitrittsgebiet. Er streift viele Themen, aber die Kunst, die populäre Kunst, ist ihm dabei das Wichtigste.

Der Leser unternimmt bei der Lektüre noch einmal Streifzüge entlang von Wegmarken wie Mont Klamott, Eisenhüttenstadt, Festival des politischen Liedes, Palast der Republik. Schumann beschreibt die letzten Leipziger Montagsdemos, bei denen Andersdenkende schon wieder verfolgt wurden, er schildert die Rückkehr des Adels nach Ostdeutschland und erinnert bedrückend an die Abschiebung namibischer Waisenkinder aus Mecklenburg-Vorpommern in eine ihnen fremde »Heimat«. Wir erleben mit ihm, wie die DDR-Solidarität mit den Völkern Afrikas 1990 unter den Bedingungen des Kampfes um die letzten Arbeitsplätze in Ausländerhass umschlug.

Schumanns Protagonisten sind Künstler wie die Liedermacher Reinhold Andert oder Hans-Eckardt Wenzel. Es geht in dem Buch aber auch um Werner Klemke (1917–1994), der als Professor für Typographie und Buchkunst jahrzehntelang die Titelblätter der DDR-Zeitschrift Magazin mit dem kleinen Kater malte (423 Cover insgesamt!) und in der Nazizeit als Widerstandskämpfer Hunderte Juden gerettet hatte – nach dem Mauerfall blieb er im Kunstbetrieb außen vor. Schon seit den 70er Jahren wurde der westdeutsche Volkssänger Hannes Wader in der BRD totgeschwiegen – so büßte er seinen Klassenstandpunkt, seine DKP-Mitgliedschaft und seine DDR-Bühnenauftritte. Schumann fragt, wer, da die Eltern von Tamara Bunke tot sind, das Andenken an die Revolutionärin noch schützt vor dem unausrottbaren Gerücht, sie sei »Geliebte von Che Guevara« gewesen. Nun ja, das tut der Autor selbst, indem er ein Interview mit dem Geliebten veröffentlicht, den sie in Kuba wirklich hatte.

Sehr gut ist die Idee, das Buch mit einem Vorwort der französischen Autorin Florence Hervé einzuleiten. Das sollte Schule machen, denn es ist hochinteressant, was Ausländer zur deutsch-deutschen Geschichte zu sagen haben, Russen, Polen, Tschechen, Vietnamesen oder Belgier. Mit ziemlicher Sicherheit würde das für originelle Gedanken, überraschende Perspektiven, für etwas mehr Luft in der Debatte sorgen.

Wenig Verständnis hat Schumann dafür, was große Teile der DDR-Bürger 1989 zum Abschütteln der sozialistischen Staatsmacht veranlasste; wie sie darin eine Befreiung sehen konnten. Seine marxistische Argumentationsstruktur ist ihm da keine große Hilfe.

Ganz wunderbar ist Schumanns Sinn für historische Pointen. Etwa, wenn er beschreibt, dass zur offiziellen Unabhängigkeitsfeier Namibias im Jahre 2005 nicht nur Exaußenminister Hans-Dietrich Genscher eingeladen wurde, sondern auch Exvolksbildungsministerin Margot Honecker. Genscher konnte krankheitsbedingt nicht teilnehmen. Margot Honecker war drei Stunden lang im TV zu sehen. Auf der Ehrentribüne. Sicherlich hätten auch Afrikaner zur Frage, was die DDR gewesen ist und wo man sie geschichtlich einordnen sollte, einiges beizusteuern.

Gerd Schumann: Das Morgen im Gestern. Erkundungen eines Wessis im Osten. Mit einem Vorwort von Florence Hervé. Verlag Neues Leben, Berlin 2019, 272 S., 15 Euro

Buchvorstellung mit dem Autor am 1. Oktober, 19 Uhr, jW-Ladengalerie, Torstraße 6, Berlin-Mitte

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