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Aus: Ausgabe vom 28.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Erfolgsmeldung des Tages: Verlorene Waffen

Von Jan Greve
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An Camouflagelackierungen wird es mutmaßlich nicht liegen, dass die Bundeswehr Waffen »verliert«

Gegen eine optimistische Grundhaltung kann man ja wenig einwenden. Schließlich kommt die stimulierende Stimmungskanone auf jeder Party besser an als der missmutige Miesepeter. Anders verhält es sich beim knallharten Geschäft der Nachrichtenbranche. Dort weiß man: Je erschütternder die Meldung, desto größer die Aufmerksamkeit. Kein Wunder also, dass Medien immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert werden, zuwenig über Positives zu berichten.

Die Deutsche Presseagentur hat, so scheint es, verstanden. Am Freitag mittag vermeldete die Trendsetterin: »Bundeswehr hat Kontrollen verschärft: weniger Waffen verschwunden«. Wow, was für ein Erfolg! Die Bundeswehr ist handlungsfähig! Sie kontrolliert nicht einfach vor sich hin, sondern tut dies verschärft!

Aber Moment: Was heißt eigentlich »weniger verschwunden«? Haben die Soldaten doch nicht alle Waffen im Schrank? Da hilft ein Blick auf die Konkurrenz (danke, oh unsere Marktwirtschaft). Bei der Nachrichtenagentur AFP hatte es bereits 52 Minuten vor der dpa-Meldung geheißen: »Bundeswehr verbucht seit 2014 Verlust von 35 Waffen«. Das klingt irgendwie ernüchternder. Ausgangspunkt der Geschichte waren die Zeitungen des »Redaktionsnetzwerks Deutschland«, die berichtet hatten, die Armee habe seit 2014 unter anderem Maschinengewehre und Pistolen, dazu Waffenteile und 19.445 Schuss Munition als verloren verbucht.

Wird sich dann aber wenigstens die AFP-Sache besser verkaufen, weil sie Anlass zur Besorgnis bietet? Sicher nein, denn merke: Geht’s ums Vaterland und seine Helden, hat der Markt nichts mehr zu melden. Da wird geschlossen gejubelt, wenn ein Sieg errungen wurde. Und außerdem: Wer wüsste im historisch unverdächtigen Deutschland schon etwas mit Bundeswehr-Waffen anzufangen? Also abgesehen von den extrem rechten Netzwerken von Soldaten, Polizisten und Spezialkräften …

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