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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 15 / Feminismus
Vom Westen überrollt

»Dynamische Zeit«

Spontane Freude, enttäuschte Hoffnungen und Angst vor gestärktem Nationalismus: Lesbisch-Feministische Perspektiven auf 1989 in 40 Interviews
Von Claudia Wangerin

Von der schlichten Freude über den Fall der Berliner Mauer bis hin zu Schockerlebnissen wie homophoben faschistischen Übergriffen in den frühen 1990er Jahren ist alles dabei, wenn sich Zeitzeuginnen aus der Frauen- und Lesbenbewegung an die »Wendezeit« um den Anschluss der DDR an die BRD erinnern. Im Rahmen des Projekts »Friedliche Revolution? Lesbisch-Feministische Perspektiven auf 1989« hat das Berliner Frauenforschungs-, -bildungs- und -informationszentrum (FFBIZ) in diesem Jahr 40 Videoclips mit verschiedenen Interviewpartnerinnen erstellt, die seit dieser Woche auf seiner Internetseite angeschaut werden können.

Von einer »dynamischen Zeit« spricht die damals 27jährige Samirah Kenawi im Zusammenhang mit der Gründung des Unabhängigen Frauenverbands (UFV) der DDR Ende 1989. Oppositionelle Frauengruppen, die »einen modernen Sozialismus auf deutschem Boden in einem gemeinsamen europäischen Haus« und »eine ökologische Reorganisation der Wirtschaft« wollten, hatten sich damals in der Berliner Volksbühne getroffen und diese Forderungen in ihr Manifest geschrieben. Sie wollten in letzter Minute verhindern, dass über ihre Anliegen gnadenlos hinweg gegangen würde, was manche von ihnen kommen sahen. Insgesamt rund 1.200 Frauen hatten sich damals im Theatersaal versammelt. Sie fürchteten für den Fall einer »Wiedervereinigung« unter anderem den westdeutschen Abtreibungsparagraphen 218, da sie bereits seit 1972 bis zur zwölften Schwangerschaftswoche legal Abbrüche vornehmen lassen konnten, sowie Verschlechterungen in Sachen Kinderbetreuung und die erzwungene Rückkehr an den heimischen Herd.

Vom Westen überrollt

Leider hätten sie sich nicht »ernsthaft mit ökonomischen Fragen beschäftigt«, so Kenawi, die damals wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forstwissenschaftlichen Institut in Eberswalde nördlich von Berlin war. »Das ist uns dann eigentlich so ein Stück auf die Füße gefallen«, sagt sie mit Blick auf die damals fehlenden Konzepte.

Die 1959 in Zwickau geborene Schriftstellerin Katharina Oguntoye hatte vom »Mauerfall« dagegen im Westen erfahren und die Nachricht freudig aufgenommen – sie hatte bereits im Alter von sieben Jahren mit ihrer Familie die DDR verlassen und zunächst zwei Jahre bei der Verwandtschaft ihres Vaters in Nigeria gelebt, bevor sie im südwestdeutschen Heidelberg aufgewachsen war. Die Mauer sei für sie vor allem wegen der Verwandtschaft im Osten ein reales Hindernis gewesen. Westdeutsche Kolleginnen ohne solche familiären Bezüge hätten die DDR dagegen »wie China« wahrgenommen und sich eher über die kurzfristigen Engpässe geärgert, als Ostdeutsche Waschmaschinen und gebrauchte Autos aufgekauft hätten. Sie habe sich über den Mangel an Empathie gewundert, als eine ihr bekannte Feministin angesichts der Jubelstimmung von Familien, die sich nun ungehindert besuchen konnten, nur daran dachte, dass ihr Sohn gerade ohne Waschmaschine dastand. Oguntoye erinnert sich aber auch an eine jüdische Kollegin, die Angst vor einem größeren, wiedervereinigten Deutschland und einem erstarkenden Nationalismus hatte.

»Meine erste Reaktion war Angst und so ist das auch geblieben«, erklärt im Interview auch der Historiker Benjamin Maria Baader, der sich als Autor mit der Geschichte von Geschlechterrollen und mit deutsch-jüdischer Geschichte befasst. Sein Eindruck war am Tag des Mauerfalls: »Deutsche feiern das Deutschsein«. Aus der Parole »Wir sind das Volk« sei irgendwann »Wir sind ein Volk« geworden. Eine Kommilitonin habe gesagt, jetzt müsse man sich endlich nicht mehr schämen, deutsch zu sein.

Schockerlebnisse

All das habe dazu beigetragen, dass er sich entschlossen habe, das Land zu verlassen. Seine Befürchtung, dass die Aufarbeitung der Nazivergangenheit enden werde, wenn die DDR Geschichte sei, habe sich zwar nicht bestätigt, aber die Angst vor dem Nationalismus sei geblieben. Das »solidarische Miteinander aller sozialen Gruppen«, das 1989 im Manifest des UFV gefordert wurde, blieb jedenfalls bis heute ein Traum.

Von einem Überfall von Naziskins auf ein schwul-lesbisches Fest Anfang der 1990er Jahre in Mahlsdorf berichtet die Filmemacherin Christina Karstädt. Die Situation sei beängstigend und gefährlich gewesen, Lesben hätten sich aber tough und schützend vor die Schwulen gestellt. Mit Westfeministinnen wurde sie allerdings nicht sofort warm. Erst einmal kam es zu einer unerwarteten Auseinandersetzung über ihren Film »Viel zu viel verschwiegen«: Ihr sei geraten worden, sie solle doch die Kritik, dass in diesem Film keine schwarze Frau vorkomme, als »großes Geschenk« betrachten.

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