Schwarzer Kanal
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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 11 / Feuilleton
Musikfestival

Die Ganzheit der Teile

Eindrücke aus Südkorea
Von Asteris Kutulas

In Seoul werden hohe Gehälter gezahlt. Das merkt man an den gepfefferten Preisen. Es gibt hier weiße, gelbe und schwarze Taxis. Die Fahrt mit einem schwarzen Taxi kostet dreimal so viel wie die mit einem gelben oder weißen. Als ich gestern in einem weißen fuhr, lief im Radio überraschend Mozarts »Zauberflöte«. Der Taxifahrer, der kein Wort Englisch verstand, bewegte während der 40minütigen Fahrt seinen Kopf im Takt zu den Arien und Rezitativen. Ganz offensichtlich war er eins mit sich. Jeder kann das, sagt Zen-Meister Subul, und jeder einzelne ist Gott.

Immer und überall diese Höflichkeit, und dabei selten eine Möglichkeit, sich sprachlich zu verständigen. Man fühlt sich schon ein wenig wie im falschen Film in diesem Land, das nebenbei ein 5G-Netz hat, von dem man in Deutschland nur träumen kann.

Von den Gesprächen, die ich in meist gebrochenem Englisch führte, wird mir vieles lange in Erinnerung bleiben.

Ein Liedermacher aus Seoul sagte mir: »Ich bin sehr beunruhigt wegen der Entwicklung Südkoreas. Das läuft alles in eine völlig falsche Richtung. Nächstes Jahr singe ich nicht mehr. Es macht keinen Sinn.«

Ein Professor, der an der Uni von Seoul lehrt: »Wir stehen hier alle sehr unter Druck. Es gibt eine ganz andere Leistungserwartung als in Europa. In Europa arbeitet man, um zu leben. Hier lebt man, um zu arbeiten.«

Mr. Wong, Unternehmer, eröffnete mir: »Ich glaube an Geister. Sie beherrschen die Welt. Ich habe das Glück, dass sie mir erscheinen, und manchmal kann ich sogar mit ihnen kommunizieren.«

Morgen fliege ich zurück nach Deutschland. Viele Produkte von hier werden dorthin exportiert, aus diesem Land, das in erbitterter Konkurrenz zur USA steht, seinem zugleich engstem Verbündeten.

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