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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 8 / Ansichten

Profipolitiker des Tages: Sonneborn und Semsrott

Von Sebastian Carlens
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Nico Semsrott (l.) und Martin Sonneborn starten vor der Berliner »Volksbühne« in den EU-Wahlkampf (23.4.2019)

Man hätte, inmitten des homerischen Gelächters aller inkorporierten Deutschsatiriker, schon früher misstrauisch werden müssen: Als es der »PARTEI« im Mai gelang, zwei Leute ins sogenannte EU-Parlament wählen zu lassen, konnte es einer von ihnen, Nico Semsrott, nicht eilig genug haben, der Grünen-Fraktion beizutreten. Wer also die Satiretruppe unterstützt hat, bekam diese Pointe: Schon wieder Grüne gewählt! Wenn es noch eines Beweises bedurfte, dass Berufswitzigkeit nicht mehr hergeben kann, als die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse insgesamt gestatten, dann hat »Kapuzentrottel« Semsrott (Christian Y. Schmidt) diesen erbracht. Humor in Zeiten der großen Koalition wird per definitionem nie lustiger sein als Merkel im Sommerinterview.

Nun ist auch der zweite im Bunde über einen selbst auferlegten Jokus gestolpert: Martin Sonneborn, der bekanntlich immer stur abwechselnd mit »Ja« oder »Nein« stimmt, war am 19. September gerade wieder im Affirmationsmodus, als die Resolution »Bedeutung der europäischen Vergangenheit für die Zukunft Europas« zur Abstimmung stand. Da wird behauptet, dass mit dem deutsch-sowjetischen Nichtangriffsvertrag »die Weichen für den Zweiten Weltkrieg gestellt wurden«. Und dass es »von entscheidender Bedeutung für die Einheit Europas und seiner Bürger und für die Stärkung des Widerstands gegen Bedrohungen von außen« sei, dass »an die Opfer totalitärer und autoritärer Regime«, also zu gleichen Teilen Nazideutschlands und der UdSSR, gedacht werde.

Beide »PARTEI«-Leute stimmten zu. Am Donnerstag nahm Sonneborn immerhin Stellung; die AfD habe für »eine unübersichtliche Situation« gesorgt, er habe seine Stimmabgabe »korrigiert«. Und Semsrott? Nichts Neues aus der Kapuze. Dafür, du parlamentarischer Pausenclown, gibt es keinen Zwinker-Smiley. Sondern den grimmigen, den mit der Kalaschnikow.

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