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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 5 / Inland
Bildungssystem

»Gute Kita« – kaum Personal

Bertelsmann-Studie: Bundesweit fehlen rund 106.500 Erzieherinnen
Von Bernd Müller
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Erzieher und Kinder demonstrieren für mehr Personal in Kitas (Schwerin, 15.5.2019)

In Kindergärten und Krippen herrscht weiterhin Personalmangel – trotz der in den letzten Jahren immer wieder abgegebenen Versprechen, daran etwas zu ändern. Die neoliberale Bertelsmann-Stiftung veröffentlichte am Mittwoch ihren »Länderreport Frühkindliche Bildungssysteme«. Darin stellen die Autorinnen fest, dass die unzureichende Personalausstattung in den Einrichtungen zunehmend zum Problem werde.

In den zurückliegenden Jahren sei dennoch viel geschehen. Seit 2008 sei die Zahl des pädagogischen Personals um 54 Prozent angestiegen, von 379.146 auf 582.125. Diese Aufstockung sei ein großer Erfolg, dennoch fehlten weiterhin bundesweit rund 106.500 Vollzeitstellen für Erzieherinnen und Erzieher. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass die frühen Bildungschancen nach wie vor vom Wohnort abhängen. Im Vergleich gebe es auch unter den Bundesländern deutliche Unterschiede, der Westen stehe in vielen Bereichen erheblich besser da als der Osten.

Besonders ausschlaggebend für die Kitaqualität ist der Personalschlüssel. Rein rechnerisch betreute im letzten Jahr eine Fachkraft 8,9 Kinder im Alter zwischen drei und sechs Jahren. Empfohlen für diese Altersgruppe ist dagegen statistisch ein Schlüssel von 1:7,5. In den Krippen kommt dagegen rechnerisch eine Erzieherin auf 4,2 Kinder, empfohlen sind hier allerdings drei Kinder pro Fachkraft.

Die Realität zeige aber nochmal ein schlechteres Bild, als der Personalschlüssel ausweise. Denn etwa ein Drittel der Arbeitszeit entfielen auf Aufgaben, bei denen sich die Erzieherinnen und Erzieher nicht direkt mit den Kindern beschäftigen könnten. Dazu zählen unter anderem Elterngespräche, Bildungsdokumentationen oder Weiterbildungen. Von diesen Aufgaben bereinigt, kämen in den Kindergärten im bundesweiten Durchschnitt 13,3 Jungen und Mädchen auf eine Kraft. Im Westen ist eine Person rein rechnerisch für 12,2 Kinder, im Osten für 17,7 Kinder zuständig.

Kritik übten die Studienautorinnen am Fehlen einheitlicher Standards, um in der gesamten Bundesrepublik gleiche Bildungschancen zu garantieren. In Ländern wie Bremen und Thüringen hätten sich die Betreuungsschlüssel verschlechtert oder blieben unverändert. In Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Hamburg hätten sie sich von einem ungünstigen Ausgangsniveau aus deutlich verbessert.

Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, bedauerte: »Das Gute-Kita-Gesetz ist eine vertane Chance«. Es fehlten bundesweit einheitliche Standards für die Personalausstattung, damit überall kindgerechte Betreuungsverhältnisse und gleiche Arbeitsbedingungen realisiert werden könnten.

Auch Sylvia Bühler, Vorstandsmitglied der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi, sprach sich am Donnerstag für bundesweit einheitliche Regelungen aus. »Die Voraussetzungen für die Bildung der Kinder und die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten müssen überall gleich sein.« Die Chancen von Kindern und die Einkommen der Erzieher dürften nicht davon abhängen, in welchem Bundesland die Kita stehe oder wer der Träger sei.

Weil man künftig aber noch mehr Personal bräuchte, müssten sich die Arbeitsbedingungen deutlich verbessern, darin sind sich Bertelsmann-Stiftung und Verdi einig. Dafür müsse auch das Ausbildungssystem verändert werden. So fordern sie, dass die Ausbildung bundesweit kostenfrei sein und angemessen vergütet werden müsse. Darüber hinaus sollten alle Ausbildungsgänge der Renten- und Sozialversicherungspflicht unterliegen. Außerdem müssten die theoretischen und praktischen Teile stärker aufeinander abgestimmt werden und ein deutschlandweit gleiches Qualifikationsniveau erreichen, »das den hohen fachlichen Anforderungen an die Bildung und Erziehung der Kinder gerecht« werde.

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