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Aus: Ausgabe vom 27.09.2019, Seite 5 / Inland
Aldi

Betriebsrat gemobbt

Aldi Nord versucht mit fragwürdigen Methoden, Beschäftigtenvertreter zu entmachten
Von Ina Sembdner
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Grell und billig: Aldis Unternehmensstrategie wird auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen (Herten, 4.4.2017)

Der Konkurrenzkampf zwischen den beiden größten Discountern in Deutschland, Aldi und Lidl, wird immer schärfer ausgetragen. Jetzt auch auf der Luxusmeile Königsallee in Düsseldorf. Dort hat Lidl am Donnerstag eine neue Filiale eröffnet, direkt in Sichtweite eines Aldi-Marktes, der bereits seit 2014 dort ansässig ist. Wie die Deutsche Presseagentur am selben Tag meldete, stehen beide Ketten jedoch unter erheblichem Druck. Laut einer Marktanalyse der Gesellschaft für Konsumforschung verloren die Billiganbieter in den ersten sechs Monaten des Jahres spürbar Marktanteile an große Supermarktketten wie Edeka oder Rewe. Um das auszugleichen, wird einerseits expandiert – Aldi Nord plant gegenwärtig großflächig in den französischen Markt einzusteigen und steht in Verhandlungen um die Tochter der Casino-Gruppe »Leader Price« – und andererseits der Druck an die Mitarbeiterschaft weitergegeben.

In den vergangenen Jahren ist Aldi Nord immer wieder durch Mobbing und Schikane gegen Betriebsräte und weitere Angestellte aufgefallen. Die Vereinte Dienstleistungsgesellschaft (Verdi) kritisierte zuletzt am vergangenen Freitag in einer Pressemitteilung die »seit Wochen stattfindenden, massiven Angriffe auf demokratisch gewählte Betriebsräte« des Discountunternehmens. Wie es in einer Mitteilung der Gewerkschaft heißt, geht es insbesondere um Kampagnen gegen den langjährigen Betriebsratsvorsitzenden Uli Kring aus der Aldi-Region Bad Laasphe in Nordrhein-Westfalen und die Aldi-Region Horst. Das Unternehmen äußerte sich daraufhin unter anderem im Branchenblatt Lebensmittelzeitung und wies die Vorwürfe zurück: Die Behauptungen seien nicht belegt und die Vorwürfe entsprächen nicht den Tatsachen. Die Verdi-Pressesprecherin Eva Völpel betonte jedoch gegenüber jW, dass »es sich mitnichten um pauschale Behauptungen handelt, sondern Vorgänge, die zum Teil per Protokoll oder eben durch die entsprechenden Briefe zu belegen sind«.

Bei Bad Laasphe und Horst handelt es sich um die einzigen beiden Aldi-Regionen, in denen sich Betriebsräte weiterhin gegen die von Unternehmensseite geforderten neuen Arbeitsverträge und Betriebsvereinbarungen positionieren, die Aldi Nord schon seit 2014 forciert. Bisher haben sich nach Unternehmensangaben bereits mehr als 34.000 der insgesamt rund 36.000 Beschäftigten diesem Druck gebeugt. Die neuen Verträge zielen auf eine weitestgehende Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse ab, die ohnehin »freiwillig« geleistete Mehrarbeit der Beschäftigten wird vertraglich verankert. Konkret heißt das: Einsatzzeiten von vier Uhr morgens bis 23 Uhr abends und die Bereitschaft zur gesetzlich festgelegten Höchstarbeitszeit. Bei einer Fünftagewoche wären das 50 Stunden wöchentliche Arbeitszeit. Aldi Nord behält sich zudem die Option vor, aus dem Flächentarifvertrag für den Einzelhandel aussteigen zu können. Die beiden unbeugsamen Betriebsräte sind laut Verdi seitdem Schmutzkampagnen und Diffamierungen ausgesetzt.

Vorerst letzter Akt war die jüngste Betriebsratsversammlung am 17. September, bei der Aussagen von Kring aus dem Jahr 2016 von einer Gruppe sogenannter Aldianer in einen völlig anderen Kontext gesetzt wurde. Damals hatte der Betriebsratsvorsitzende die »Methode Angst« des Unternehmens geschildert – diese Worte wurden nun als seine Strategie ausgegeben. Völpel bestätigte, dass die Angriffe auch nach Veröffentlichung der Pressemitteilung von Verdi weitergehen. Demnach kursiere ein neuer Brief, mit dem Stimmung gegen Kring und seine Kollegen im Betriebsrat gemacht werde und für den Unterschriften von Beschäftigten gesammelt würden, von denen ein Teil den eigentlichen Brieftext nicht einmal zu lesen bekämen.

Um das Vorgehen öffentlich zu skandalisieren und breite Unterstützung zu mobilisieren, hat der Fachbereich Handel von Verdi am vergangenen Donnerstag eine Petition gegen die Angriffe gestartet. Laut Völpel ist die Sammlung gut angelaufen, und die Gewerkschaft hofft darauf, dass sich noch mehr Menschen mit den betroffenen Betriebsräten solidarisieren.

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